Home  >>Archäologie   >> Grabungen    >>Emmering - Bericht


Gräberfeld Emmering



Das Emmeringer Gräberfeld

 

Im Rahmen einer Dissertation an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wird das frühmittelalterliche, bajuwarische Reihengräberfeld von Emmering, Lkr. Fürstenfeldbruck, bearbeitet.

Das Gräberfeld liegt im Osten Emmerings an der Straße nach Esting, ca. 200 m vom heutigen Ortsrand entfernt, auf einer hochwassersicheren Hangterrasse des kleinen Flüßchens Amper. Die Amper verläuft 640 m weiter südöstlich von Westsüdwest nach Ostnordost. Ihr Urstromtal erstreckt sich vom Gräberfeld noch etwa 660 m nach Nordwesten, wo es dann an einer recht deutlichen Geländekante von der voralpinen Endmoränenlandschaft begrenzt wird. Auch südlich der Amper fällt der Höhenunterschied zwischen Tal und Endmoränenlandschaft durch eine deutliche Stufe im Gelände ins Auge.

Der Friedhof hat eine Längenausdehnung von 106 m von Nordnordwest nach Südsüdost. Im Norden weist er eine Breite von knapp 40 m auf, während sie im Süden 69 m beträgt, so daß sich eine trapezoide Grundfläche ergibt.

Eine archäologische Untersuchung des Reihengräberfeldes wurde notwendig, nachdem auf seiner Fläche der Bau einer Kompostieranlage geplant worden war. Die betroffenen Bereiche des Gräberfeldes sind mehreren Kampagnen 1990, 1993, 1994 und 1997 ausgegraben worden. Nach Abschluß der letzten Kampagne waren die Gräberfeldgrenzen im Westen, Norden und Südwesten erreicht, jene im Osten zeichneten sich ab. So hat es der Historische Verein der Stadt und des Kreises Fürstenfeldbruck unter der Ägide des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in den Jahren 1999 und 2003 übernommen, die fehlenden Abschnitte im Osten auszugraben. Heute liegt nach einem Zeitraum von ingesamt 10 Jahren ein vollständig ergrabenes, bajuwarisches Reihengräberfeld vor.

 

1. Derzeitiger Bearbeitungsstand

Das Gräberfeld Emmering besteht aus 578 Gräbern. In den Gräbern befanden sich 1520 Kleinfunde. Die Funde des Gräberfeldes sind vollständig restauriert worden.

Neben den Funden konnten 534 Skelette ganz oder teilweise geborgen werden.

Die Grabzeichnungen und Befundblätter fast aller Gräber der ersten Kampagne 1990 sind derzeit verschollen. Es handelt sich um die ersten 281 Gräber, von denen der Bearbeiter aber die Dokumentationen der Gräber 12, 56, 158, 206, 228, 229, 238 a-c, 250 und 252 in den privaten Aufzeichnungen der Grabungsteilnehmer sicherstellen konnte. D. h. es fehlen die Befundblätter und Zeichnungen von 270 Grablegen, das sind 46,71% aller Gräber. Von den betroffenen Gräbern liegen Fundzettel vor, so daß eine Zuordnung der Kleinfunde zu den Gräbern gesichert ist. Die Grabgruben dieser Gräber sind in einem digitalen Gesamtplan eingetragen worden, bevor die Zeichenblätter verloren gingen, so daß ihre Lage im Gräberfeld gesichert ist.

Eine systematische, fotografische Aufnahme jedes Grabes ist von den damaligen Ausgräbern nicht vorgenommen worden. Lediglich Flächen in Ausschnitten oder einzelne Gräber mit überdurchschnittlichem Beigabenreichtum wurden aufgenommen. Fotos, sofern sie von den Grabungsteilnehmern aus eigenem Antrieb gemacht wurden, sind vom Bearbeiter in die Auswertung aufgenommen worden. Somit liegen für 59 Gräber Farbfotos vor.

Der digitale Plan ist vom Bearbeiter vervollständigt worden. Es sind alle Gräber im Plan eingetragen, die 308 Gräber der Kampagnen 1993-2003 sogar detailliert mit Funden und Skeletten.

Die Rumpfdaten aller Flächen, Befunde, Funde und Grafiken (Farbfotos, Zeichenblätter, digitale Fotos, Fundzeichnungen) sind in eine Access-Datenbank eingegeben worden. Zu den Rumpfdaten gehören: Objektbezeichnung, -kategorie, Daten der Aufnahme und Verknüpfungen mit anderen Objekten.

Die Beschreibungen der 308 vorhandenen Befundblätter wurden in die Datenbank eingegeben.

Von den 1520 Funden sind bisher 614, d. h. 40,39% detailliert in der Datenbank beschrieben worden. Die 232 Kleinfunde der ersten 82 Gräber wurden digital fotografiert, entzerrt, mit Maßstab versehen und in die Datenbank integriert. Von den ersten 46 Grabinventaren und vom Grab 526 liegen bis dato Fundzeichnungen vor.

 

2. Derzeitiger Forschungsstand

Neben den Inventaren der ersten 82 Gräber sind noch die Inventare weiterer vierzig, sehr fundreicher Gräber aufgenommen worden, die über das gesamte Gräberfeld streuen. Eine genaue Ansprache der Inventare ermöglichte bislang eine zeitlich recht eng gefaßte Datierung von 40 Gräbern, was erste Aussagen zur horizontalen Stratigraphie des Reihengräberfeldes erlaubt.

 

2.1. Die ältesten Gräber

Zu den ältesten Gräbern aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts gehören die Befunde 183, 360 und 526 im Osten des Gräberfeldes und dort im mittleren Bereich.

In dem Grab 183 befinden sich zwei almandinverzierte, vergoldete Zikadenfibeln, deren berühmteste Vergleichstücke, wenn auch in qualitätvollerer Ausführung, im Childerichgrab von Tournai vorkommen, welches bekanntlich auf das Jahr 482 n. Chr. datiert werden kann. Weitere vergleichbare Funde befinden sich im donauländischen Raum.

Im Grab 360 lag als einzige Beigabe ein Keramiktopf. Obwohl die Knochen in der Bestattung vollständig vergangen waren, kann sie aufgrund der Ausmaße der Grabgrube als Kindergrab angesprochen werden. Ein grauer, handgemachter Topf, der etwa auf Beckenhöhe gelegen hat, ist auf seiner Schulter mit schräggestellten Kanneluren versehen und kommt einem Stück aus Grab 84, Straubing-Bajuwarenstraße, recht nahe. Beide Gefäße gehören zum Typ Friedenhain-Presto`vice, dessen Hauptverbreitungsgebiet sich im böhmischen Becken erstreckt und allgemein mit einer elbgermanischen Infiltration ins heutige Bayern in Verbindung gebracht wird. Für unser Gräberfeld dokumentiert er Beziehungen zu diesem Raum.

Nach Nordwesten hingegen gingen die Beziehungen der Frau aus Grab 526. Sie trug im Beckenbereich eine kleine, kreuzförmige Fibel mit rhomischen Fuß. Diese Fibelart hat ihren Verbreitungsschwerpunkt im Gebiet der sächsischen Teilstämme der Wigmodier und Nordleudi, d. h. im heutigen Nordwesten Niedersachsens und in Holstein, sowie im Südwesten Englands. Sie wird allgemein als Anzeiger der sächsischen Landnahme in der sich auflösenden britannischen Provinz des 5. Jahrhunderts gedeutet.

In demselben Bereich im Osten, nun aber auch nach Süden ausgreifend, befinden sich die Bestattungen aus der 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts.

 

Die Frau aus Grab 522 im Nordosten des Gräberfeldes trug ein Vogelfibelpaar mit Almandineinsatz in den rechteckigen Füßen und in den Flügeln.

Die reich ausgestatte Frau des Grabes 540 nur wenige Meter weiter südöstlich war in der klassischen Vierfibeltracht der frühen Merwingerzeit bestattet worden. Zwei kleine, modelgleiche, kerbschnittverzierte Bügelfibeln mit geschweifter Kopfplatte, gleichbreitem Fuß, dessen Ende in einen stilisierten Tierkopf ausläuft, wird man noch in die Zeit um 500 n. Chr. setzen können, während zwei größere, silbervergoldete, kerbschnittverzierte Bügelfibeln mit rechteckigem, zweizonigen Kopf und rhombischer Fußplatte mit Tierkopfannexen eindeutig ins fortgeschrittene, erste Viertel des 6. Jh. gehören. Diese Fibeln weisen übrigens ebenfalls auf eine Verbindung zum skandinavisch-sächsischen Raum hin, die wir schon mit Grab 526 fassen konnten.

Etwas später als die Frau aus Grab 526, im zweiten Viertel des 6. Jh., segnete der Spathaträger aus Grab 339 das Zeitliche. Die Datierung ist mit einer dickleibigen Schilddornschnalle, die sich im Beckenbereich des ungestörten Grabes befand, hinreichend belegt.

 

2.2. Die jüngsten Gräber

 

Zu den jüngsten Gräbern gehören die Bestattungen 26 und 230 im Westen des Totenackers.

Den wohl wichtigsten Datierungshinweis für Grab 26 geben die Perlrandnieten, die auf vielen Gegenständen des Inventars, darunter ein Nietsporn, ein Endbeschlag, eine kleine Eisenschnalle, ein silbernes Beschlagteilchen und ein stark fragmentierter, langgezogener Saxscheidenrandbeschlag, angebracht waren.

Seinen besten Vergleich hat das Ensemble im nur 12 km westlich gelegenem Grab 2 von Jesenwang, wo nahezu identische Ausrüstungsgegenstände mit einer Lanze mit Aufhaltern und einem zuckerhutförmigen Schildbuckel vom Typ Göggingen vergesellschaftet waren.

Ein Schildbuckel desselben Typs ist auch in Emmering gefunden worden, und zwar im Grab 230, nahe der nordwestlichen Ecke des Gräberfeldes.

Die erwähnten Gräber gehören an das Ende der Reihengräberfelderzeit ins erste Viertel des achten Jahrhunderts, wohin auch der namensgebende Befund des Typs Göggingen, Grab 28 von Augsburg-Göggingen, von Stein[1] gestellt worden ist.

Damit bestätigt sich die Beobachtung, nach der das Gräberfeld im Osten einsetzt und sich von dort in westliche Richtung entwickelt.

 

2.3. Grabraub

 

Bereits ein flüchtiger Blick auf den Gräberfeldplan offenbart eine starke Beraubung in den westlich gelegenen Gräbern. Dieser Zustand ist um so augenscheinlicher, weil er auch trotz der fehlenden Detailzeichnungen von 270 Gräbern der Kampagne 1990 im Nordwesten klar hervortritt. Die beraubten Gräber, welche sich östlich und südlich der Fläche von 1990 anschließen, lassen zusammen mit dem festgestellten Belegungsablauf vermuten, daß auch ein Großteil der Gräber von 1990 beraubt war. Dies scheint die statistische Auswertung zu bestätigen: Von den 281 Gräbern der Kampagne 1990 enthielten 209 Gräber 3 oder weniger Beigaben, ein Prozentsatz von immerhin 74,28%.

Welche Erklärungsmöglichkeiten gibt es für diese Beobachtung, die von Stein bereits 1961 als häufiges Phänomen spätmerowingerzeitlicher Gräberfelder Süddeutschlands erkannt wurde?[2]

Die Forschung am Gräberfeld Emmering ist diesbezüglich noch nicht abgeschlossen, so bislang nur einige grundsätzliche Theorieansätze vorgetragen werden können.

Zunächst einmal fällt auf, daß die späten Gräber im Westen aufgereiht und dicht nebeneinanderliegen. Darin manifestiert sich eine ausgeprägte Grabsitte, von der die Reihengräberfelder ihren Namen haben. Es muß bei der Beraubung häufig vorgekommen sein, daß beim Anlegen des Raubschachtes für ein bestimmtes Grab bereits eine weitere Grabgrube angeschnitten wurde. Diesen Sachverhalt werden auch die Raubgräber des Frühmittelalters registriert, und sich so stetig weiter vorgearbeitet haben.

Die frühen Gräber dagegen sind verstreuter, weiter auseinanderliegend. Rein technisch wäre es also schwieriger, sie ausfindig zu machen, sofern eine obertägige Markierung bereits vergangen war.

Vielleicht ist dies eine Erklärung dafür, warum die westlichen, zusammenliegenden Gräber häufiger gefrevelt wurden. Sie funktioniert jedoch nur, wenn man animmt, daß eine Beraubung der älteren Gräber, solange ihre Lage in der mündlichen Überlieferung der zugehörigen Siedlungsgemeinschaft noch bekannt war, gar nicht versucht wurde. Später, als sie dann dem allgemeinen Vergessen anheim gefallen und eventuelle obertägige Markierungen vergangen waren, konnten sie nicht mehr geortet werden.

Die Überlegung führt uns zu der Frage, warum in der jüngeren Merowingerzeit vergleichbare Vorbehalte bei der ortsansässigen Bevölkerung offenbar nicht mehr existierten.

Mindestens in drei Gräbern (309, 431 und 456) lagen die verworfenen Knochen noch teilweise im Sehnenverbund, was auf eine Beraubung bald nach der Grablege schließen läßt, als die Weichteile der Leichname noch nicht vollständig vergangen waren.

Hypothesen zu dieser Problematik gibt es eine Vielzahl: Möglicherweise spiegeln sich im Grabraub Auflösungserscheinungen im religiösen Empfinden der Zeit wider, als die Abkehr vom alten, germanischen Glauben sich langsam vollzog, die Zuwendung zum neuen, christlichen Glauben aber nocht nicht ausreichend gefestigt war.

Vielleicht jedoch hat gerade der neue christliche Glaube das noch frische Vermächtnis der Vorfahren um so verdammungswürdiger erschienen lassen, und deren Totenruhe wurde im glühenden Eifer der neuen Gläubigen nicht mehr als besonders schützenswert empfunden. In diesem Fall wäre von einer recht abrupten Abkehr der alten Glaubensvorstellungen auszugehen, die sich vielleicht in weniger als der Zeitspanne einer Generation vollzog.

Die vielen Anzeichen einer spätmerowingerzeitlichen Aufsiedlung des bayerischen Voralpenlandes müssen mit einer gestiegenen Bevölkerungsdichte korreliert werden. Sie läßt zumindestens rein statistisch die Wahrscheinlichkeit von Grabraub steigen. Vor allem dann, wenn der Anteil ärmerer Bevölkerungsanteile gestiegen wäre, und diese im Grabfrevel eine günstige Möglichkeit sahen, ihr wirtschaftliches Auskommen aufzubessern, oder auch dann, wenn Neuankömmlinge keinen Bezug mehr zu den Bestatteten hatten.

Die Fragen zum diesem Themenkomplex können derzeitig noch nicht abschließend beantwortet werden. Für ihre Beantwortung wäre zusätzlich zur archäologischen eine anthropologische Aufarbeitung des vorhandenen Skelettmaterials wünschenswert, wie sie vielleicht in näherer Zukunft noch stattfinden wird.



[1] F. Stein, Adelsgräber des achten Jahrhunderts im rechtsrheinischen Deutschland, München (1961) 7 et passim.

[2] F. Stein, Adelsgräber des achten Jahrhunderts im rechtsrheinischen Deutschland, München (1961) 6.