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Bayern und die Donauschwaben

Bayerische und fränkische Südostbesiedelung seit Tassilo III. in Pannonien

Die Donauschwaben sind in ihrer Wesensart sehr zurückhaltend und wenden sich höchst ungern an die Öffentlichkeit. Dieses scheinbar inaktive Verhalten ist eine ihrer Lebensmaximen, die ihnen das jahrhundertelange Überleben unter fremden Völkern, Kulturen und Religionen möglich machte. Erst 1992 haben die Donauschwaben in Bayern zur Sicherung ihres kulturellen Erbes mit dem Bezirk Oberbayern eine Patenschaft abgeschlossen, die am 5.12.1992 in der Residenz zu München feierlich besiegelt wurde.

Unter dem Begriff Donauschwaben verstehen wir jene Menschen bayerischer, fränkischer, schwäbischer und deutscher Zunge, die sich seit Tassilo III., dem Bayernherzog, in Pannonien und in den angrenzenden Randgebieten der Karpaten, im ungarischen Mittelgebirge und im Hügelland südlich der Donau nach der ersten bayerischen und fränkischen Kolonisation niederließen. Sie machten das Land urbar und kultivierten es, gründeten Dörfer und Städte, brachten die westliche Kultur nach dem Südosten und führten süddeutsches Recht und Gesetz in Pannonien ein. Eine der stärksten Zuwanderungen jedoch fand zur Zeit der Habsburger statt. Sie ging unter dem Namen die "Drei Schwabenzüge" in die Geschichte ein.

Besiedlung Pannoniens

Die planmäßige Besiedlung Pannoniens durch deutsche Bürger aller Berufsgruppen führte dazu, dass es keinen Bereich kultureller Betätigung gibt, in dem sich Deutsche nicht als Initiatoren und als kreative Gestalter eingebracht hätten. Theologie und Philosophie, Landwirtschaft und Bergbau, Handel und Handwerk, Musik und Theater, Buchdruck und Presse, Architektur, Malerei und Literatur profitierten in großem Umfang vom Schaffen deutscher Menschen. Und gerade die so entstandene kulturelle Vormachtstellung war es, die ab dem 19. Jahrhundert den Nationalismus der südosteuropäischen Völker, insbesondere der Serben, auf den Plan rief. Unter der Führung verschiedener panslawistischer Organisationen begann der Kampf gegen alles, was deutsch sprach und deutsch war.

Zunächst sollte die panslawistische Bewegung, ausgehend von der Slowakei, nur ein Forum für eine geistige Auseinandersetzung bilden, insbesondere auf dem Gebiet der Sprache und Literatur. Doch bald, unter dem Einfluss Russlands und der orthodoxen Kirche, bildete sich in Serbien eine supranationale Bewegung, bekannt unter dem Namen "Crna ruka", d.h. "Schwarze Hand", die vom Dialog zum tätlichen Angriff auf deutsche Einzelpersonen und ethnische Gruppen überging. Diese aggressive serbische Haltung führte schließlich 1912 und 1914 zu kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan und provozierte damit auch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Die Hervorhebung historischer Zusammenhang hat hier zwei Zielrichtungen:
Zum einen sollte die Betrachtung der donauschwäbischen Geschichte ein Aufruf sein, die hervorragenden kulturellen Leistungen deutscher Kolonisten im Osten und Südosten Europas zur Kenntnis zu nehmen und sich damit auseinander zu setzen. Zum anderen kann das Schicksal der Donauschwaben für die westlichen Politiker ein Appell sein, sich nicht ohne Kenntnis der komplizierten Beziehungen zwischen den Ethnien des europäischen Südostens auf Pläne und Entscheidungen einzulassen, die nicht auf historischer Wahrheit beruhen, denn dort, an der Trennlinie zwischen Okzident und Orient, wird entschieden, ob Europa im Frieden leben darf.

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Pannonien, ein geschichtsträchtiger Raum

Die donauschwäbische Geschichte ist ein Teil der bayerisch-fränkischen. Sie beginnt im ausgehenden 8. Jahrh. unter Tassilo III.. und Karl dem Großen, setzt sich unter deren Nachfolgern, besonders den Habsburgern fort und endet 1944 mit Flucht, Vernichtung und Vertreibung und wird somit wieder ein Teil der bayerischen und der deutschen Geschichte. Von Tassilo bis zur Gegenwart ist der Geschichtsbogen weit gespannt und mit vielen weltgeschichtlichen bedeutsamen Ereignissen gefüllt.

Jeder historisch interessierte Mensch gerät ins Schwitzen, wenn er sich mit der Geschichte Pannoniens befasst. Verwirrend ist die Vielfalt der V&uouml;lkerschaften, die sich in dem großen pannonischen Becken sozusagen die "Klinke" in die Hand gaben. Der pannonische Raum war schon seit Beginn der europäischen Geschichte eine Drehscheibe, durch deren Zentrifugalkraft immer wieder neue, bisher unbekannte Völker nach Mitteleuropa geschleudert wurden. Manche blieben nur für kurze Zeit, andere setzten sich dort fest. Die vielen Völker Pannoniens machten die Tiefebene zu einem gewichtigen politischen Faktor in Europa. Wie verheerend und tödlich sich bei Nichtkenntnis der europäischen Geschichte politische Fehlentscheidungen auswirken können, zeigt recht deutlich der gegenwärtige Krieg im ehemaligen Kunststaat Jugoslawien.

In der Vorzeit waren es viele namenlose Völkerschaften, die in diesem wasser- und wildreichen, fruchtbaren Gebiet mit seinen ausgeglichenen Temperaturen lebten. Nach ihnen kamen die Kelten, Illyrer, Römer und Germanen.

Zur Zeit der Römer spaltet sich Europa in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Die Donau wird im Südosten zur Grenzlinie, teilweise auch in Bayern. Hier treffen zwei Welten, zwei Kulturen aufeinander: die hochentwickelte römisch-griechische Kultur des Südens und die im Aufsteigen begriffene, noch sehr einfache und primitive Kultur des germanischen Nordens.

Der Vorstoß der Germanen über die Donau und den Rhein bringt den Zerfall des römischen Reiches. Die Ost- und Westgoten breiten sich auf dem ganzen Balkan aus. Alemannen und Franken ziehen westwärts, in die frei gewordenen Räume schieben sich die Sachsen vor, die Langobarden besiedeln übergehend Zentralpannonien. Die Bayern wachsen seit dem 6.Jahrh. aus verschiedenen Gruppen zu einem Stamm zusammen, besiedeln das Land südlich und ördlich der Donau und schieben sich auf ihren Wanderungen in die inzwischen wieder fast menschenleere pannonische Ebene vor, lassen sich nieder und kultivieren das Land. Für fast sieben Jahrhunderte bleibt Westpannonien ihre Heimat, bis sie im Mongolensturm ihre Eigenständigkeit verlieren, das besiedelte Land jedoch nicht ganz aufgeben und unter fremder Herrschaft weiterleben.

Die Donau ist nicht nur der Hauptstrom Pannoniens, ist Bayerns eigentliche Herzader. Sie verbindet das bayerische Land und den Donauraum. Bayern hat sich von allen deutschen Ländern bis heute am nachdrücklichsten mit dem Südosten beschäftigt.

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Tassilo und Karl der Große

Nach dem Zerfall des römischen Weltreiches entstand in Mitteleuropa ein neues großes Reich, das Reich der Franken. Karl der Große einigte die deutschen Stämme und so lag auch Bayern in seinem Interessengebiet. Dort herrschte Tassilo III.., sein Schwager. Bayern wurde auf Betreiben Karls aus dem langobardischen Freundschaftsverhältnis herausgelöst, weil die Langobarden um diese Zeit in Pannonien noch die Nachbarn Bayerns waren und das bayerisch-fränkische Verhältnis störten. Die Bayern leisteten keinen besonderen Widerstand, denn ihr Interesse galt der stark bedrohten Grenze in Pannonien und ihrem Volk, das sich ständig mit vordringenden Steppenvölkern auseinandersetzen musste.

Tassilo musste ständig auf fränkischen Reichstagen im Westen des Frankenreiches erscheinen, den Treueid schwören und Heerfolge leisten. Da die fränkischen Kriegsschauplätze meist weit entfernt von Bayern lagen und die ständige Heeresfolge zur großen Last für Land und Volk wurde, kam es 769 in Aquitanien zum offenen Bruch zwischen Karl und Tassilo. Dieser verließ eigenmächtig das Heer und zog mit seinen Mannen nach Hause. Er fand Unterstützung beim Langobardenkönig Desiderius, dessen Tochter Luitpirga er heiratete. Abt Sturmi aus Fulda vermittelte einen leidlichen Frieden zwischen Karl und Tassilo, der zur stillschweigenden Duldung einer ersten bayerischen Unabhängigkeit führte.

Tassilo widmete nun seine ganze Kraft dem bayerischen Volk und Land. Er gründet zahlreiche Klöster, knüpft neue Verbindungen zu weltlichen und kirchlichen Größen und konzentriert die ganze Stammeskraft der Südostaufgabe. Der Krieg gegen die aufsässigen Karantanen (in Kärnten) und gegen die Awaren jenseits der Theiß wird 772 erfolgreich abgeschlossen und das Land für die Kolonisation zurückgewonnen.

Doch der mächtige Bayernherzog, der über das heutige Bayern, Österreich, Südtirol, Krain und Friaul herrschte, wurde seit 787 militärisch eingekreist und schließlich von seinem Vetter und Schwager Karl politisch entmachtet und 787 abgesetzt. Als sein Vasall, von "unserem allerfrömmsten König Karl" sechs Jahre später vor die Synode nach Frankfurt "vermöncht und tonsuiert" zitiert wird, bedeutet das eine große Demütigung für Tassilo und das bayerische Volk. Nach seinem abschließenden Verzicht "auf alles, was ihm, seinen Söhnen und Töchtern im Herzogtum Bayern zustand" durfte er, so schreibt der Chronist, "nicht mehr nach Bayern zurückkehren". Nach dieser Katastrophe sank Bayern zu einer Provinz des Frankenreiches herab.

Auf den Sturz Tassilos reagierten die Awaren mit zwei Einfällen, so dass für Karl die Notwendigkeit einer Befestigung der Grenze feststand. Mit einem großen bayerischen Heerbann, vereint mit einem Aufgebot aus allen deutschen Stämmen, besiegte Karl 791 die Awaren. Sie wurden in den Fertötösümpfen am Plattensee vernichtend geschlagen, der Herzog von Friaul erstürmte den awarischen Hauptring zwischen Donau und Theiß und brach damit den letzen Widerstand.

Die Donau wurde wieder zur Grenze. Das südliche Donauufer mit den vielen römischen Grenzbastionen wurde bis zum Donauknie und dem Zusammenfluss von Donau, Theiß und Save militârisch ausgebaut, darüberhinaus die Linie Bosnien-Herzegowina zur Adria hin in die "Pannonische Mark" einbezogen und von einem Markgrafen und seinen Truppen besetzt.

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Ostkolonisation und die Anfänge Ungarns

Dieser Feldzug gehörte zum Plan einer groß angelegten Ostmarkpolitik. Die Grenzen gegen die Awaren, insbesondere gegen Byzanz und kleinere Völker, wie Serben, Kroaten und Illyrer, mussten zuerst gesichert werden, weil die Gefahr dort am größten war.

Nach dem Sieg über die Awaren zog ein großer Strom bayerischer und fränkischer Siedler nach Pannonien und nahm das Land weitgehend in Besitz. Ein große Anzahl von Kirchen und Klöstern wurde gegründet. Kurz vor Beginn des 10. Jahrh. war die Gesamtleistung des bayrisch-fränkischen Kolonisationswerkes voll sichtbar. Im Lauf von zwei Jahrhunderten erhielten der Ostalpenraum und das Pannonische Becken bis zur Theiß und Save im wesentlichen einen franko-bayerischen Charakter und der Raum besaß zahlreiche deutsche Siedlungen. Die letzten Ausläufer der Alpen heißen heute noch im deutschen Sprachgebrauch das Frankengebirge. Das gesamte Gebiet zwischen Wienerwald, Drau, Mur, Save, Donau und Theiß erschien für immer deutsch besiedeltes Bauernland zu sein. Doch Ende des 9. Jahrh. kam es zu einer gewaltigen Veränderung, die die Kolonisation in Pannonien fast völlig zerstörte: Der Einfall der Ungarn (Magyaren) um 895.

Der Druck dieses wilden Reitervolks wurde so stark, dass der Markgraf 907 mit dem gesamten bayerischen Heerbann einen Gewaltvorstoß gegen die Ungarn unternahm. Das Ergebnis war niederschmetternd und die Niederlage der Bayern bei Pressburg die schwerste, die die bayerische Geschichte kennt. Nach ihrem Sieg zogen die Ungarn durch fast ganz Europa und verbreiteten Angst und Schrecken. In Bayern jedoch, auf dem Lechfeld, hat sich ihr Schicksal erfüllt. Vor den Toren Augsburgs wurden sie durch Kaiser Otto 955 vernichtend geschlagen. Dieser Sieg Ottos führte schließlich zum Eintritt der Ungarn in die christliche Staats- und Völkergemeinschaft des Westens, sie nahmen das Christentum von den benachbarten Bayern an.

Ihr König, Stephan I., der Heilige, erhielt 1001 von Papst Silvester I. den Titel eines "Apostolischen Königs". Seine Ehe mit der bayerischen Prinzessin Gisela aus dem Hause Wittelsbach, Schwester Kaiser Heinrich II. verstärkte die schon bestehenden Beziehungen zu Bayern und baute sie weiter aus. Der ungarische Senat war nach fränkischem Vorbild aus Bischöfen und weltlichen Würdenträgern zusammengesetzt und auch die Gesetzgebung lehnte sich ganz eng an das Süddeutsche Recht und wurde zum Teil sogar wörtlich übernommen.

Gisela wird wohl erst nach ihrer Hochzeit im Jahr 1000 von der Burg Scheyern aus Bayern weggegangen sein. Der Chronist berichtet: "An die 500 wohlbewehrte Ritter gaben ihr das Geleit, blieben im Lande und halfen mit, das Land aufzubauen". Im Gefolge der Königin, das mit Schiffen und Fl&uouml;ßen von Vohburg, Neustadt a.D., Straubing und Deggendorf "gen Hungarn" fuhr, kamen nicht nur Priester und Ritter als Berater nach Ungarn , sondern auch zahlreiche Kolonisten, Bauern aus verschiedenen Gauen, Handwerker und Beamte. Diese bayerischen Siedler wurden die "zuverlässigsten ütze des Königs in Staat und Verwaltung und auch im Kampf gegen die reaktionären Kräfte des heidnischen Adels".

Der lateinische Westen breitete sich damals gewaltig nach dem Osten und Südosten aus. Die dabei neu in die abendländische Völkerfamilie aufgenommenen Mitglieder wetteiferten miteinander im politischen und kulturellen Leben durch Nachahmung ihrer westlichen Nachbarn. So riefen auch die späteren Könige immer wieder bayerische und fränkische Siedler ins Land, statteten sie mit Privilegien aus und räumten ihnen auch sonst große Freiheiten ein, gestatteten ihnen sogar die Selbstverwaltung. Die "Hospiti", die Gäste des Königs, gründeten Dörfer und Städte, waren auf allen Gebieten initiativ und erhielten nicht selten wichtige Führungsposten in Stadt und Land.

Seit der Wende vom 11. zum 12. Jahrh. vergrößerte sich die Kolonistenzahl zu einer massenhaften Einwanderung, die den Höhepunkt der abendländischen Südostbesiedelung darstellt. Im 13. Jahrh. gab es noch ein ständiges und planmäßiges Anwachsen des Deutschtums im Bereich der gesicherten Marken und ein Siedlungswerk des Deutschen Ritterordens.

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Die Kreuzzüge

Nicht minder bedeutsam in der pannonischen Siedlungsgeschichte waren die Züge (1096-1270), die alle von bayerischem Boden ausgingen, durch Pannonien führten und dort durch die deutschen Siedlungen versorgt wurden, in denen man Relaisstationen errichtet hatte. Regensburg und Passau waren Sammel- und Ausgangspunkt für alle deutschen Kreuzritterheere.

Der dritte Kreuzzug (1189-1192), geführt von Kaiser Friedrich Barbarossa, war nicht nur der größte, sondern auch der bedeutendste. Barbarossa hat zwar das Heilige Land nie erreicht, er ertrank 1190 beim Baden, aber umso bedeutsamer war seine Friedensmission auf dem Balkan. Er führte Gespräche mit König Bela von Ungarn, mit Stepanj Nemanja von Serbien und mit dem König von Bulgarien und Byzanz. Bela begleitete ihn bis hinter Belgrad. In Nisch wurde er vom Serbenfürsten erwartet. Der Chronist berichtet: "Die Serben hatten alles für die Versorgung des Heeres vorbereitet. Ein Markt bot Wein, Getreide, frisches Fleisch und Futter für die Pferde, den Pilgern wurde eine mehrtägige Rast erlaubt".

Die Freundschaft mit dem Serbenfürsten wurde durch die Verlobung eines serbischen Prinzen mit der Tochter Herzog Albrechts von Andechs-Meranien besiegelt. Seit Barbarossas, des Kaisers aus dem Schwäbischen, Aufenthalt in Pannonien werden alle in diesem Gebiet lebenden deutschsprachigen Menschen als Schwaben bezeichnet. Das ist schon unser halber Name, die Donau kommt als erster Wortteil dazu. Noch heute ist dort ein "Schwabe", wer deutsch spricht.
Die vier Jahrhunderte zwischen 800 und 1200 stellen die ertragreichste, vitalste und schöpferischste Epoche der deutschen und europäischen Geschichte dar. Schon damals hatte Karl der Große die Idee, Rhein und Donau zu verbinden, was erst in unserer Zeit verwirklicht wurde.

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Mongolensturm und Osmanenherrschaft

Durch den Mongolensturm auf Mitteleuropa und das dadurch ausgelöste Vordringen der Osmanen Über den Bosporus auf den Balkan und damit nach Europa erfährt die Besiedlung Pannoniens einen fast völligen Stillstand. Die politischen und militärischen Kräfte verschieben sich völlig und vor allem hat Europa gemeinsames Handeln vergessen. So kommt es 1389 zur entscheidenden Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo). Den Vormarsch der Osmanen ist nicht aufhalten. Das Land versinkt, bis vor die Tore Wiens, in eine fast 150 jährige Agonie.

Die neuzeitliche Besiedlung Pannoniens, zu der auch die drei "Schwabenzüge" zählen, beginnt 1686 (Fall von Ofen = Budapest) mit der schrittweisen Rückeroberung der osmanisch besetzten Gebiete. Am Anfang dieser großen militärischen Operation steht der Abschluss einer Allianz zwischen Kaiser Leopold I. von Österreich und Kurfürst Max II. Emanuel von Bayern am 11. März 1681 in Altötting. Wieder ging eine Initiative gen Südosten von Bayern aus. Die Annäherung zwischen Kaiser und Kurfürst wurde geschickt eingeleitet, wobei die Haltung des Kaisers den Ausschlag gab. In seiner Begleitung befand sich auch seine Tochter, die Erzherzogin Maria Antonia, die spätere Gemahlin des Kurfürsten.

Bei der Entsatzschlacht vor Wien, bei den Kämpfen um Ofen, Neuhäusl und viele andere Orte Ungarns und schließlich bei der Erstürmung Belgrads 1688 erwarb sich Max Emanuel seinen Ruf als Feldherr und legte damit den Grundstein zu seinem Waffenruhm. Preis und Ruhm der Türkenkriege wurden teuer erkauft. Kaum eine Stadt und kaum ein Dorf in Bayern wurden von Blutopfern verschont. In so mancher Sterbematrikel steht zu lesen: "In Hungarii defunctu sunt" und dann folgten Namen von Bürgern, die in Pannonien für Volk und Vaterland und für den Glauben ihr Leben ließen.

Auch Fürstenfeldbruck und das Brucker Land wurden nicht verschont. Man erzählt sich, dass auch ein Brucker Bürger, der nachmalige Posthalter Paul Weiß im Heer des Churfürsten Max Emanuel gefochten habe. Eine blau bekleidete Figur auf dem Deckengemälde der Pfarrkirche St.Magdalena soll ihn darstellen und ist deshalb mit einem "W" bezeichnet. Einen schriftlichen Nachweis dafür gibt es nicht, auch nicht im Archiv der Familie Weiß. Aus dem Buch "St.Magdalena in Fürstenfeldbruck" von Birgitta Klemenz (1993) steht folgende Anmerkung: "Das Deckenfresko im Hauptschiff ... , von Ignaz Baldauf im Jahre 1764 gemalt, versucht auf seine Weise den Einfluss des geistlichen Lebens auf die Ereignisse dieser Welt darzustellen". Ein weiterer Hinweis steht in der "Chronik von Fürstenfeldbruck" von Otto Bauer (1984) auf Seite 122: "Am 17. Juli 1683 marschierte das Bärtl'sche Regiment auf seinem Zug gegen die Türken nach Ungarn durch den Markt Bruck." Eine handschriftliche Aufzeichnung des Pater Edmund von Fürstenfeld sagt: "In Allem sollen von unserm gnädigen Herrn Max II. Emanuel dem Herrn Kaiser zu Hilfe geschickt worden sein 8000 Mann, nämlich zwei Regimenter zu Pferd, sechs zu Fuß und ein Regiment Dragoner". Und eine weitere Notiz aus dem Jahr 1685 lautet: "Zuverlässigen Nachrichten zufolge soll das Bayerische Heer, das 14000 Mann stark vor einem Jahre nach Ungarn geschickt wurde, nur mehr 2500 Mann zählen, die Übrigen seien teils durch Hunger, teils durch Krankheit gefallen und gestorben".

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Neue Siedler kommen ins Land, die "Schwabenzüge"

Nach den Türkenkriegen wurde das völlig zerstörte Land wieder aufgebaut. Seinen Feldherren gab der Kaiser große Landgüter. Geflohene Siedler, Bauern und Handwerker kehrten zurück, entlassene Soldaten machten sich sesshaft. Der Kaiser, die Feldherren, weltliche und geistliche Besitzer sind sich darin einig, dass die zurückeroberten Ländereien planmäßig mit Menschen besiedelt werden müssen. Und schon sehr bald nach den Kämpfen kamen Tausende siedlungswillige Menschen aus allen Teilen des Reiches. Sie ließen sich zunächst vorwiegend in den Städten nieder. Durch sie wird das übrig gebliebene städtische Bürgertum wieder aufgefrischt. Unter den siedelnden ehemaligen Soldaten sind auch viele Handwerker, Händler und Verwaltungsbeamte.

Größere Ausmaß nahm das Siedlungswerk aber an, nachdem das Land gänzlich von Türken befreit war und der Reichstag 1723 dazu ein Gesetz erlassen hatte: "Seien geheiligte Majestät wird gütig erlauben, dass freie Personen jeder Art ins Land gerufen werden, die von jeder öffentlichen Steuer für sechs Jahre zu befreien sind und dass die Freiheit im ganzen Lande verkündet werden kann". Nachdem durch solche Maßnahmen die gesetzgeberischen Voraussetzungen geschaffen waren, konnte die Ansiedlungsarbeit in größerem Umfang beginnen. Drei Herrscher waren es, in deren Regierungszeit sich die "Schwabenzüge" in den pannonischen Raum ergossen: Der erste unter Karl VI. (1711-1740), der zweite unter Maria Theresia (1740-1780), der letzte unter Josef II. (1780-1790).

Die zahlreichen Privilegien, die man den siedlungswilligen Menschen bot, der vieljährige Steuererlass, die Unabhängigkeit von der Grundherrschaft waren für viele Anlass genug, in die weit entfernten Landesteile auszuwandern. Dazu kam die Verlockung, eigenen Grund und Boden besitzen zu können, frei und Herr über die eigenen üsse zu sein, ermutigte viele, das Risiko eines Neubeginns einzugehen.

Auch aus allen bayerischen Gauen machten sich siedlungswillige Bewohner auf den Weg. Sammel- und Ausgangspunkt waren die bayerischen Flüsse, die in die Donau münden, den diese wies ihnen den Weg in die neue Heimat. In der Schriftenreihe der Deutschen Akademie der Wissenschaften, München, haben Dr.Fritz Wilhelm und Dr.Josef Kallbrunner in den zwanziger Jahren das Buch "Quellen zur deutschen Siedlungsgeschichte in Südosteuropa" verâffentlicht, in dem sich detaillierte Angaben über Zeit und Ort der Aussiedlung, samt einer Statistik für die Zeit von 1748 bis 1768, befinden. Eingeschlossen ist ein Register mit ca. 2000 Ortsnamen und 65000 Familiennamen.

So verließen z.B.
München: der Kupferschmied Josef Frankbauer mit zwei Personen, der Bauer und Müller Paul Wagmüller, der Schuhmachermeister Ignaz Schweizer,
Burghausen: der Webermeister Mathias Müllner, ferner Georg Schimpfhauser und Mathias Moser,
Dachau: der Seilermeister Michael Bader mit vier Personen
Schongau: ein Mathias Polz und Jakob Hürtl,
Polling bei Weilheim: der Webermeister Michael Schiefer
Landsberg am Lech: der Bauer Johann Mövius mit vier Personen.

Diese Aufzählung ließe sich noch beliebig lange fortsetzen. Besonders fällt auf, dass in den Jahren 1772 bis 1779 eine massenhafte Auswanderung aus Altbayern stattgefunden hat. Die Ursache ist mir bisher unbekannt geblieben. Fest steht jedoch, dass in diesem Zeitraum ca. 1400 Familien Bayern verlassen und sich in Pannonien angesiedelt haben. Sie kommen überwiegend aus dem Raum Freising-Moosburg, Straubing, Deggendorf, Regensburg, Ingolstadt, Landshut und Passau.

Sucht man nach den Gründen für die frühen Auswanderungen, so wird man sehr schnell feststellen können, dass diese im politischen und wirtschaftlichen Bereich lagen. Den Bürger hielt man von der weltlichen und geistlichen Seite aus für unmündig. Daher wurde vom Untertanen, vom Leibeigenen, zuviel abverlangt. Die Möglichkeit, das drückende Joch abzuschütteln und frei zu sein, haben daher viele wahrgenommen. Abgesehen davon befand sich das Land oft in irgendeinem Krieg, dies und die Prunksucht der weltlichen und geistlichen Herren machten die Steuerlast ständig drückender. Da war nach den Türkenkriegen der spanische Erbfolgekrieg (1701-1714) mit der Sendlinger Mordweihnacht 1705 und österreichischer Besetzung, 1742 bis 1745 ein Krieg mit Österreich - Panduren und Kroaten hausen in Bayern - und 1778 erneut Krieg mit Österreich. Für die Grundherren waren Hand-, Spann- und Frondienste zu leisten, die Schlösser Nymphenburg, Schleißheim und Dachau wurden gebaut, viele kirchliche und klösterliche Bauten wurden errichtet - und immer zahlte der kleine unfreie Mann. Ist es da nicht verständlich, dass man sich die neue Gelegenheit nicht entgehen lässt und schweren Herzens das unbekannte Los auf sich nimmt? Ende des 18. Jahrh. kann die Besiedlung als abgeschlossen betrachtet werden. Der Zuzug neuer Siedler in der Folgezeit ist unbedeutend.

Auch im 19. Jahrh. bestanden enge Beziehungen zwischen Bayern und Pannonien, vor allem auf kulturellem Gebiet durch Schulen und Universitäten, aber auch durch die 1812 erfolgte Eheschließung zwischen dem Fürsten Antal Esterhazy und der Prinzessin Maria Theresia von Thurn und Taxis. Im späten 19. und zu Beginn des 20. Jahrh. spielten künstlerische Beziehungen zwischen München und Pannonien eine herausragende Rolle. Die Münchner Kunstakademie bildete eine ganze Elite donauschwäbischer Künstler heran.

Seit Anbeginn der Besiedlung hat das Deutschtum in Pannonien immer eine besondere Rolle im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben innegehabt und ist trotz vieler Anfeindungen im guten nachbarlichen Verhältnis zu seinen nichtdeutschen Nachbarn gestanden. Doch eingezwängt in europaweite politische Entscheidungen seit 1914 und später hat uns unser Schicksal 1944 erreicht. Flucht, Vertreibung und vieltausendfacher Mord an Unschuldigen, meist alten Leuten und Kindern, beschloss unser Leben und Wirken in Pannonien. Und wir durften wieder nach Bayern zurückkehren. Aus donauschwäbischen Bayern sind wir wieder bayerische Donauschwaben geworden.

Autor: Anton Wüst


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