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Bemerkungen zum Phänomen des Grabraubs am Beispiel zweier Gräber der frühmittelalterlichen Gräberfelder von Emmering und Erpfting

Mit bisher 513 (inzwischen 539) in verschiedenen Kampagnen ausgegrabenen Gräbern gehört das Emmeringer Reihengräberfeld schon zu den größeren in Bayern. Allerdings - und das macht eine endgültige Auswertung durchaus schwieriger - liegt der Beraubungsgrad mit fast 80% recht hoch. Insgesamt waren etwa 410 Gräber beraubt. Diese Beraubungsquote liegt an der oberen Grenze im Vergleich mit anderen Reihengräberfeldern. Einige Beispiele: Marktoberdorf 1,4 %, Dirlewang 4 %, Steinhöring 9,5%, Reichenhall 12%, Weiding 16%, München-Giesing 20%, Linz-Zizlau 20%, Mindelheim 36%, Pliening 36-40%, Epolding-Mühlthal 39%, Penzing etwa 50%, Westheim 70%, Unterthürheim 72%, Fridingen 75 %, Feldmoching 76%, Pulling 78%, Merdingen 85 %. Insgesamt gesehen hängt die 'Sitte' des Grabraubs offensichtlich von lokalen Gegebenheiten oder Mentalitäten ab und ist nicht allgemein stammestypisch stärker oder schwächer. Nur so lässt es sich erklären, dass der Beraubungsgrad der verschiedenen Reihengräberfelder stark variiert.

Vorgestellt werden soll hier stellvertretend aus der Vielzahl der beraubten Bestattungen des Reihengräberfelds von Emmering nur Grab 156. Es erscheint trotz der geringen Reste von Beigaben deshalb interessant, weil sich an diesem Beispiel der Beraubungszeitpunkt gut zeigen lässt. Bisher ging man allgemein, meist ohne konkrete Anhaltspunkte, von einer Beraubung bald nach dem Begräbnis bzw. nach einem bis drei Jahren danach aus. Zunächst gibt die Art und Weise, wie die Beraubung jeweils durchgeführt wurde, Hinweise auf den Zeitpunkt der Beraubung. So deuten die gezielt gegrabenen Raubschächte darauf hin, dass die Räuber Inhalt und genaue Lage der Beigaben im jeweiligen Fall noch genau kennen mussten. In diesen Fällen dürfte die Beraubung nicht allzu lange nach dem Begräbnis stattgefunden haben. Daraus lässt sich der Täterkreis einengen. Die Grabräuber dürften aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn schon nicht aus der Familie des Beraubten, so doch wenigstens aus dem Kreis der Teilnehmer der Beerdigungsfeiern stammen. Anders verhält es sich, wenn die Grabgruben zum größten Teil ausgehoben wurden, um an die Beigaben zu kommen, d.h. der Beraubungszeitpunkt liegt geraume Zeit nach der Beerdigung bzw. den Tätern war der Inhalt des Grabes nicht genau bekannt. Sonst hätten sie sich ja mit einem begrenzten Raubschacht begnügen können und nicht das Risiko einer Entdeckung ihres im wahrsten Sinn des Wortes 'anrüchigen' Tuns durch die zeitaufwendige Totalöffnung des Grabes eingehen müssen. Geschieht aber eine Beraubung lange Zeit nach der Bestattung, so ist dies überhaupt nur möglich, wenn die Gräber oberirdisch als solche erkennbar waren. Man kann in diesen Fällen nicht mehr von einer gezielten Suche mit Wissen um die Lage der Beigaben sprechen. Diese Methode erlaubte aber eine wesentlich gründlichere Beraubung, nur wenige Funde konnten dem Auge der Räuber entgehen. Allerdings ist zu fragen, was etwa ein eisernes Schwert, das ein oder zwei Jahre oder auch länger im Boden gelegen hat, noch für einen materiellen und damit auch Kampfwert besass. Die Korrosion dürfte hier enge Grenzen gesetzt haben, wenn man nicht davon ausgeht, dass eiserne Beutestücke nicht einfach einem Schmied zur Umarbeitung übergeben wurden. Deshalb ist durchaus zu überlegen, ob nicht auch allgemein magische Gründe für die Beraubung bzw. Entnahme von bestimmten Beigaben vorlagen. Dies umso mehr, da ja auch nicht alle Beigaben entwendet und nicht nur wertvollere Beigaben mit christlichen Symbolen, sondern durchaus auch materiell nutzbare Gegenstände wie vergoldete Fibeln in den Gräbern verblieben, selbst wenn man berücksichtigt, dass auch Grabräubern sicherlich hin und wieder wertvolle Beigaben entgangen sein werden.

Das Emmeringer Grab 156 lag über Grab 157 und unter Grab 136. Es wurde durch einen gezielten Schacht beraubt, nur die Unterschenkel/Füße und die rechte Schulterpartie lagen noch in situ (Abb. 1). Da sich das jüngere Grab 136 genau über 156 befand, liegt zunächst der Gedanke nahe, dass man beim Ausschachten der Grube für 136 auf Grab 156 gestoßen ist und dies gleich zu einer Beraubung genutzt hat. Es gibt nun aber Gründe, die gegen diese Theorie sprechen. U.a. die Lage des größten Teils der Wirbelsäule dient als Indiz. Wenn die Verbindungen durch Bänder zwischen den Wirbeln schon nicht mehr vorhanden gewesen wäre, wäre die Lage der Wirbel in ihrem Verbund an verlagerter Stelle nicht möglich. Die Wirbelsäule muss also sozusagen noch im Ganzen durch die Beraubung aus ihrer ursprünglichen Lage gerissen und verlagert worden sein. Dies bedeutet, da die Bänder als Teil des Kollagengerüsts als letzte der Weichteile verwesen, dass wohl insgesamt der Dekompositionszustand völliger Verwesung der Weichteile noch nicht erreicht war. Es fällt aber auf, dass alle anderen im Oberkörper verlagerten und auch fehlenden Knochen keine Verbundlage mehr erkennen lassen, im Gegenteil sie lagen völlig verstreut. Auf der anderen Seite macht dies deutlich, mit welcher Gewalt die Räuber die Beigaben aus dem Grab gerissen haben, wenn dabei eine große Zahl von noch durch die Bänder verbundenen Knochen völlig verworfen wurden. Das heißt aber, dass die Beraubung spätestens sieben Jahre nach der Beerdigung stattgefunden haben muss. Die Gewalt des Vorgehens der Grabräuber in Rechnung gestellt, darf davon ausgegangen werden, daá der Zeitpunkt der Beraubung wesentlich früher liegt. Das Vorgehen der Räuber mittels eines Raubschachts weist, wie dargelegt, darauf hin, dass sie die Lage der Beigaben genau kannten. Damit erscheint eine Beraubung innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Bestattung am wahrscheinlichsten.

Gewöhnlich fallen besser ausgestattete Gräber der Beraubung zum Opfer. Auch beim Emmeringer Grab 156 darf von größeren Wertgegenständen im Bereich zwischen Oberkörper und Knien ausgegangen werden. Da eine anthropologische Untersuchung des Skelettmaterials nicht vorliegt, kann hier lediglich die Körpergröße von etwa 1,50 m einen vagen Hinweis auf die Bestattung eines weiblichen Individuums geben. Das von allen Beigaben allein noch im Grab verbliebene Bruchstück eines kleinen tönernen Knickwandgefäßes kann kein diesbezügliches Indiz liefern, da Gefäße als Beigaben nicht geschlechtsspezifisch den Verstorbenen mitgegeben wurden. Eine weibliche Bestattung vorausgesetzt, wäre U.a.. mit einer Fibelausstattung zu rechnen. Da aber auch der Schädel verlagert ist, darf zusätzlich von einem kostbareren Perlenensemble der Halskette und entsprechenden Ohrringen ausgegangen werden.
Weist das Emmeringer Grab 156 wohl die häufigste Methode der Beraubung auf, nämlich mittels eines gezielt auf die Beigaben getriebenen Schachts, so soll hier auch eine weniger häufige Methode vorgestellt werden. Dies ist nun nicht im Emmeringer Gräberfeld nachweisbar, jedoch im jüngst teilweise ergrabenen Gräberfeld von Erpfting, Stadt Landsberg a.L. Im Grab mit der Nummer 233 war eine ursprünglich sicher sehr begüterte Frau bestattet, wie die noch im Grab verbliebenen Beigaben zu erkennen geben. Außer einer Perlenkette am Hals fanden sich einzelne Perlen in der Mitte der Brust, eine eiserne Gürtelschnalle, eine Gürteltasche mit einem Eisenring als Verschluss, ein Bronzering neben einem Gefäß, unter dem wiederum ein Messer, daneben ein Beinkamm und ein tönerner Spinnwirtel. Dazu kommen Reste eines silbernen Gürtelgehänges.

In der Grabgrube war kein Raubschacht erkennbar. Zunächst dachte man angesichts des schlechten Erhaltungszustands des Skelettmaterials an ein natürliches Vergehen der meisten Knochen im Oberkörperbereich. Allerdings musste es schon bei der Grabung stutzig machen, dass auch die Ober- und Unterarmknochen fehlten, die normalerweise nicht so schnell wie kleinere Knochen (Rippen, Wirbel, Finger) vergehen. Die übliche Grabungsmethode, nach der die Freilegung des Skeletts im Westen beim Schädel beginnt, brachte dann aber beim Vorarbeiten in den Beinbereich hinein die Lösung. Dort fand sich nämlich eine gebogene Eisenstange, die am dünneren Ende zu einem Haken aufgebogen war. Damit war klar, dass eine Beraubung des Grabs stattgefunden haben musste. Die Räuber hatten wohl einen länglichen Schacht in das Grab getrieben und versuchten mittels des Hakens die für sie interessanten Beigaben herauszuholen. Die Tote war bestimmt mit Fibeln bestattet worden.

Nicht umsonst ist gerade der Oberkörperbereich von fehlenden Knochen gekennzeichnet. Die Fibeln waren zweifellos das Ziel der Räuber, möglicherweise auch Teile des Gürtelgehänges, vielleicht auch Ohrringe. An anderen Teilen des Grabinventars scheinen sie kein Interesse gehabt zu haben.
Man hört heute immer wieder, dass Grabraub angeblich ein todeswürdiges oder zumindest schwerst zu bestrafendes Verbrechen gewesen sei. Diese Meinung entbehrt aber fast jeder Grundlage. Die unseren Raum betreffende Lex Baiuvariorum, also das Gesetzbuch der Bajuwaren, kennt eine derartige Kapitalstrafe für Grabraub nicht. In Titel 19, 1 heißt es: 'Wenn jemand einen toten Freien aus seinem Grabmal ausgräbt, büße er das den Verwandten mit 40 solidi, und das, was er dort weggenommen hat, als einen Diebstahl'. Zum Diebstahl heißt es in Titel 9,1: 'Wenn ein Freier etwas von irgendeiner Sache stiehlt, büße er mit dem Neungeld, d.h. er ersetze neun Häupter'. Der Täter musste also zusätzlich zu den 40 solidi den Angehörigen den neunfachen Wert des Geraubten erstatten.

Eine inhaltsgleiche Bestimmung sieht die Lex Alamannorum, das Recht der Alamannen, vor. Im Vergleich etwa mit dem Recht der Langobarden liegt die Strafe für Grabraub bei den Bajuwaren und Alamannen aber deutlich niedriger. Der Edictus Rothari 15 verhängt für Grabraub nämlich eine Strafe von 900 Solidi, die Mitte des 7. Jahrhunderts dem Gewicht von etwa 3800 g entsprechen.
Es bliebe nun zu untersuchen, inwieweit sich diese harte Strafandrohung in der Beraubungsquote langobardischer Gräberfelder in Italien niedergeschlagen hat. Für Bajuwaren und Alamannen war die Strafandrohung offenbar kein Hindernis, Grabraub wie eine Art 'Volkssport' zu betreiben, U.a. wenn man einen so hohen Beraubungsgrad wie den in Emmering vor Augen hat. Ein Versuch einer Statistik mag verdeutlichen, wie häufig Grabraub tatsächlich stattgefunden hat. Zunächst macht die Zahl von etwa 410 beraubten bei einer Gesamtzahl von bisher 513 erfassten Gräbern den Eindruck dauernder Beraubung. Vergegenwärtigt man sich aber, dass die Belegung des Emmeringer Gräberfelds schon kurz nach der Mitte des 5. Jahrhunderts einsetzt und bis in die Zeit um 700 reicht, also etwa 250 Jahre dort bestattet wurde, dann wurden im Durchschnitt nicht einmal zwei Gräber pro Jahr beraubt. Natürlich ist klar, dass diese Rechnung hypothetisch ist, denn wir wissen nicht, ob es Phasen mit stärkerer und schwächerer Grabraubtätigkeit gegeben hat. Man hat allerdings manchmal den Eindruck, dass im 7. Jahrhundert die Beraubungsquote wesentlich höher liegt als im 6. oder noch im 5., wie verschiedene Gräberfelder nahelegen, etwa das erst in diesem Jahr in Aschheim ausgegrabene. Eine allgemeine Gültigkeit lässt sich aber daraus noch nicht ableiten, dazu fehlen breit angelegte Untersuchungen auf der Basis möglichst vieler zum Vergleich herangezogener Gräberfelder.

Vielleicht ergibt sich in absehbarer Zeit eine gute Möglichkeit zwei benachbarte Gräberfelder zu vergleichen. Auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck wird derzeit zumindest ein Teil eines wohl in etwa so umfangreichen Gräberfelds wie das Emmeringer ausgegraben. Die ersten 10 Gräber waren jedenfalls alle beraubt. Man wird abwarten müssen, was in dieser Hinsicht noch zu Tage kommt.

Autor: Peter Schwenk

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