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Das Estinger Gräberfeld der Glockenbecherleute

In der neuesten Ausgabe des 'Archäologischen Jahrs in Bayern' nennt Dr.Stefan Winghart vom Landesamt für Denkmalpflege in einem Vorbericht das Gräberfeld mit 21 aufgedeckten Bestattungen als 'einen der größten Friedhöfe der Kulturepoche überhaupt' und beschreibt, welche Einblicke es in die historische Situation in der Münchner Schotterebene während der ausgehenden Jungsteinzeit liefert.

Ab der Mitte des 3. vorchristlichen Jahrtausends spielten Herstellung und Verarbeitung der Bronze zunehmend eine entscheidende Rolle für die Menschen in dieser Zeit. Zwischen den Abbaugebieten der Ausgangsmaterialien Kupfer und Zinn, den Herstellern und den Abnehmern entstand ein Netz fester Handelsrouten, in dem die Münchner Schotterebene aufgrund ihrer geographischen Lage eine Drehscheibe zwischen Alpenrand und Donau bzw. dem westlichen und östlichen Europa darstellte.

Das Estinger Gräberfeld gehört zu den ältesten Bestattungen im Raum um München und orientiert sich in Nord-Süd-Richtung entlang eines ehemaligen Baches, der einst zur Amper floss. Die Ausrichtung in den Gräbern ist typisch für die Glockenbecherleute: Frauen bestattete man mit dem Kopf im Süden, Männer mit dem Kopf im Norden, wobei die Toten beider Geschlechter in seitlicher Hockerlage nach Osten der aufgehenden Sonne entgegenblickten. Insgesamt sind in 20 Körpergräbern neun männliche und 8 weibliche Tote, sowie 3 Kinder unbestimmten Geschlechts nachgewiesen.

In 18 Gräbern fanden sich zwischen einem und vier keramische Gefäße, jeweils zwischen Gesäß und Füßen. Drei davon sind Glockenbecher, wovon es sich bei dem aus Grab vier um ein Exemplar der mittleren Stufe der Glockenbecherleute handelt, die auf dem Schotterfeld um München nur westlich der Isar vertreten ist. Östlich der Isar wurden bisher nur Vertreter der Spätphase nachgewiesen. Diese Trennungslinie zwischen einer östlichen und westlichen Einflusssphäre setzte sich in der Spätbronze und Urnenfelderzeit fort. Ein weiterer Becher aus Grab vier gleicht Exemplaren aus dem Mittelrheingebiet, ein Beleg für die weiträumigen Beziehungen in dieser Zeit.

Fünf Gräber enthielten Schmuck in Form von Anhängern aus Eberzähnen bzw. Knochen, bei drei Frauen fanden sich Beinknöpfe mit der für diese Kultur typischen V-Lochung. Ebenso typisch ist das Fragment einer Armschutzplatte in einem der Männergräber. Funde aus Metall ergaben sich nicht. Zur genaueren wissenschaftlichen Auswertung werden zur Zeit die meisten Keramikfunde restauriert. Die Mittel hierfür stammen vom Landkreis, vom Bezirk Oberbayern, der Gemeinde Olching und vom Historischen Verein. Das Landesamt für Denkmalpflege übernimmt ebenfalls einen Teil der Restaurierung. Auch die Skelette werden noch genauer untersucht. Der Besitzer des Grundstücks, Herr Steinherr aus Esting, hat seinen Anteil an den Funden dem Verein als Dauerleihgabe für das Stadtmuseum überlassen.

Zum historischen und archäologischen Hintergrund schreibt Dr. Bernd Engelhardt in der Zeitschrift 'Archäologie in Deutschland - Heft 2 (1999)', bei uns durch seine Vorträge über neolithische Kulturen bestens bekannt, dass es für ihn keine Glockenbecherkultur im Sinne einer ethnischen Einheit wie Stamm oder Volk gibt. Die Gemeinsamkeit der Glockenbecherleute besteht aus einem bestimmten Satz an fest umrissenen Artefakttypen: dem Glockenbecher, dem v-förmig durchbohrten Knopf, dem Bogen und der Armschutzplatte sowie dem kupfernen Griffzungendolch, den man bei uns nicht gefunden hat. Schon der Grabbrauch ist nicht mehr einheitlich, die Ausrichtung der Bestattungen wie bei uns ist typisch für Südbayern.

Trotzdem hat keine Keramikform wie der Glockenbecher eine so weite Verbreitung in Europa. Man trifft ihn sowohl in Portugal und Spanien, ja sogar in Marokko, aber auch in Polen und Ungarn, in der Nord-Süd-Richtung zwischen Sizilien und Schottland. In Süddeutschland liegen die Schwerpunkte im Rhein-Main-Gebiet und in Südbayern, hier mit rund 175 Fundstellen und über 450 Gräbern, mit dem Zentrum entlang der Donau.

Zu den erwähnten typischen Grabbeigaben kommen in südbayerischen Männergräbern aus Knochen oder Eberzähnen geschnitzte bogenförmige Anhänger und in den meisten Gräbern unverzierte Becher, Henkeltassen, Krüge und Schalen, wie z.B. in Grab 12. Die Wurzeln dieser Keramik, so Engelhardt, liegen in der weit früher als bei uns beginnenden Bronzezeit des mittleren Donauraums.

Zeitlich unterscheidet Engelhardt zwei Hauptstufen in Südbayern: eine ältere (2500-2350 v.Chr.), in der sich hauptsächlich Glockenbecher (2350-2200 v.Chr.), meist in Einzelgräbern finden und eine jüngere, vor allem mit der beschriebenen Keramik und viel in Friedhöfen mit oft mehr als 20 Bestattungen. Unser Gräberfeld dürfte aufgrund des Glockenbechertyps so um 2300 angelegt worden sein.

Autor: Rolf Marquardt

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