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Der politische Neubeginn nach dem Ende des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft

Über den Autor:
Helmut Geys, Jahrgang 1927, aufgewachsen in München, aber sehr häufig an den Wochenenden und in den Ferien auch bei den Großeltern in Fürstenfeldbruck. Ab 1934 Volksschule, ab 1938 Oberschule (Gymnasium) in München-Schwabing. Übliche Erziehung im 'Dritten Reich': Ab 1937 (mit 10 Jahren) Deutsches Jungvolk (Pflichtmitgliedschaft), ab 1941 (mit 14 Jahren) Marine-Hitlerjugend (Pflichtmitgliedschaft, nur die Wahl der Gattung - z.B. Allgemeine HJ, Flieger-HJ, Marine-HJ, Nachrichten-HJ, Reiter-HJ usw. - war frei).

Er war an allen politisch-historischen Dingen, besonders der Zeit seit etwa 1870 schon von Jugend auf sehr interessiert. Seine frühesten Erinnerungen an politische Ereignisse, natürlich nur vermittelt durch Gespräche Erwachsener, reichen zurück bis zum Wiener Arbeiteraufstand (Februar 1934), zum Mord am österreichischen Bundeskanzler Dollfuß, zur Röhm-Affäre (Juli 1934), zum Abbessinienkrieg (1935) und, hierüber auch schon aufgrund eigener Zeitungslektüre, zum Spanischen Bürgerkrieg (ab 1936). Ab Juli 1943 Luftwaffenhelfer bei der 8,8-Flak in verschiedenen Stellungen nördlich Münchens, im Herbst 1944 Reichsarbeitsdienst, ab Januar 1945 Wehrmacht (Infanterie, Maschinengewehr-Kompanie). Ausbildung in Murnau, ab März Fronteinsatz (Westfront), Ende April bis Anfang August US-Kriegsgefangenschaft (Heilbronn).

Rückkehr aus der Gefangenschaft am 5.8.45 nach Fürstenfeldbruck, da die Münchner Wohnung bei den Luftangriffen im Juli 1944 ausgebrannt war. Am 23.9.45 18 Jahre alt. Erneuter Schulbesuch (Oberschule München-Pasing) von Januar 1946 bis März 1947, Abitur, Aufbaudienst an der Universität München, Jura-Studium ab Herbst 1947.

Herbst 1945

Als im Herbst 1945 das politische Leben recht zaghaft wieder begann - Informationen durch Zeitungen gab es wegen der Papierknappheit nur in sparsamstem Umfang (nur ein- bis zweimal die Woche) - habe ich dies aufmerksam verfolgt, zunächst mehr die allgemeine Entwicklung weniger das örtliche Geschehen. Motiv war neben dem vorhandenen persönlichen Interesse an politischen Dingen vor allem die allgemeine Notlage (Hunger, zerstörte Städte, Mangelwirtschaft, Wohnungsnot, Flüchtlingselend), für deren Behebung ich Vorschläge bzw. Rezepte erwartete, die völlig ungeklärte Zukunft Deutschlands, und natürlich auch der Reiz des Neuen an sich.

An die örtlichen Gründungsversammlungen von CSU und SPD 1945 in Fürstenfeldbruck habe ich keine Erinnerung, sie waren vielleicht auch nicht öffentlich. Die erste öffentliche Versammlung der KPD fand im Kino an der Maisacher Straße statt, der Zeitpunkt ist mir nicht mehr erinnerlich. Sie hätte mich zwar interessiert, weil die Kommunisten für mich als etwas völlig Andersartiges, Exotisches erschienen, ich bin aber auf Wunsch meiner Eltern nicht hingegangen, weil sie meinten, dies schade ihrem Ruf. Über die Kommunisten hatte ich im Dritten Reich ohnehin nur Negatives gehört, aber nach allem, was ich wusste, galten sie auch schon in der Zeit der Weimarer Republik als umstürzlerisch und chaotisch. Dabei spielten in Bayern insbesondere die Erinnerungen der Erwachsenen an die Episode der Münchner Räterepublik im April 1919 eine Rolle.

Tatsächlich fand die Neugründung des Ortsvereins Fürstenfeldbruck der Sozialdemokratischen Partei, wie er bis zum Verbot der SPD im Frühjahr 1933 bestanden hatte, im Dezember 1945 statt. Nach den vorhandenen Aufnahmescheinen beteiligten sich daran als Gründungsmitglieder die nachstehend genannten Brucker Bürger: Biber Hans, Maler; Buchauer Martin, Bäckermeister; Bühler Josef, Schlosser; Diehl Josef, Privatier; Dischler Andreas, Wäschereibesitzer; Forster Josef, Schlosser; Hetterich Georg, Polizeibeamter i.R.; Keil Johann, Installateur; Kopp Heinz, Student; Lang Hans, Arbeiter; Neumair Josef, Maurer; Neumeier Leonhard, Pensionist; Neumeier Michael, Steuerhelfer; Neumeier Michael jun., Schlosser; Westermaier Thomas, Kesselwärter; Wieland Anton, Polier. Von den insgesamt 16 Gründungsmitgliedern waren 11 schon vor 1933 bei der SPD. Von diesen 'Alten' waren die meisten seinerzeit schon im Alter von 18 - 25 Jahren der SPD beigetreten, bei der Wiedergründung 1945 lag das Eintrittsalter etwa zwischen 40 und über 70 Jahren, nur zwei waren mit Anfang 30 die jüngsten. Es dauerte noch Jahre, bis sich die Parteimitgliedschaft verjüngte. Krieg und Drittes Reich hatten eine große Lücke gerissen.

Die Gründungsversammlung im Dezember 1945 fand in der Gaststätte 'Münchner Hof' am Leonhardsplatz, heute das Lokal 'Alte Liebe', statt. Das Nebenzimmer, eine wenig attraktive, von billigem Tabak meist recht verräucherte Bude, aufgewertet nur durch die freundliche Wirtin, Therese Obermeier, war für viele Jahre das Versammlungslokal der Brucker SPD.

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Die Jahre 1946 bis 1948

An die ersten Gemeindewahlen am 27. Januar bzw. Kreistagswahlen im April 1946 habe ich keine besondere Erinnerung. Ich war ja auch noch nicht wahlberechtigt, das aktive Wahlrecht begann damals mit 21 Jahren. Meine Eltern meinten nur, das Wahlergebnis sei wohl auch nicht repräsentativ, da Millionen von Soldaten noch in Gefangenschaft und ebensoviel Flüchtlinge noch unterwegs waren.

Für viele, auch für mich, stand die Zeit politisch stark unter dem Eindruck der Berichterstattung über den Nürnberger Prozess (Oktober 1945 bis Oktober 1946), durch die das Ausmaß der unter der NS-Herrschaft begangenen Verbrechen bekannt wurde. Im Frühjahr 1946 lief auch in Bruck der amerikanische Dokumentarfilm 'Die Todesmühlen'. Er zeigte schauerliche Bilder von den Greueln der Konzentrationslager, teils aufgenommen bei der Befreiung der KZs Buchenwald, Bergen-Belsen und Dachau, teils aus Beutefilmen, die einen gewissen Schock auslösten und bleibende Eindrücke hinterließen. In manchen Gemeinden (nicht in Bruck) verfügten die amerikanischen Militärkommandanten, dass Lebensmittelkarten an die Einwohner nur ausgegeben wurden, wenn sie den Film gesehen hatten. In Weimar hatten die Amerikaner im Frühjahr 1945 die Bevölkerung durch das KZ Buchenwald mit den noch nicht beerdigten Leichen führen lassen. Auch diese Szenen waren in dem Film zu sehen. Zehn Jahre später habe ich selbst in mehreren SPD-Versammlungen im Landkreis Fürstenfeldbruck den wesentlich besseren KZ-Film 'Nacht und Nebel' vorgeführt.

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Die ersten Wahlen

Nach den ersten Kommunalwahlen brachte das Jahr 1946 aber noch weitere Wahlentscheidungen, und zwar solche von überrötlichem Interesse:

30.6.46: Wahlen zur Verfassunggebenden Landesversammlung
Bayern
CSU 58,3%, SPD 28,8%, KPD 5,3%, WAV 5,1%, FDP 2,5%

1.12.46: Volksabstimmung über Bayerische Verfassung
71 % Ja-Stimmen

1.12.46: Wahlen zum ersten Nachkriegslandtag:
CSU 52,2%, 104 Sitze - SPD 28,6%, 54 Sitze
WAV 7,4%, 13 Sitze - FDP 5,6%, 8 Sitze
(diese beiden Parteien hatten die damals geltende
10 %-Hürde in einem Regierungsbezirk übersprungen)
KPD 6,1% (kein Sitz wegen der 10%-Klausel)

In diesem Zusammenhang und in der Folgezeit besuchte ich in Fürstenfeldbruck und auch in München zahlreiche Versammlungen, die ich in einem kleinen Notizbuch stichwortartig festhielt. In der Zeit vom 29.6.46 bis 24.4.48, also in knapp zwei Jahren, waren dies 37 Parteiversammlungen (5 CSU, 8 SPD, 8 KPD, 9 WAV (Wirtschaftliche Aufbauvereinigung), 7 von diversen kleineren Parteien wie FDP, Bayernpartei, Deutscher Block, Deutsche Konservative Partei), außerdem Versammlungen der Gewerkschaft, der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) sowie einige Sitzungen des neugewählten Bayerischen Landtags. In den Augen der Herrschenden wäre ich damit sicher ein vorbildlicher junger Staatsbürger gewesen.

Die meisten Versammlungen waren sehr gut besucht. Es gab ja kein Fernsehen, wenig Zeitungen, dafür allgemeine Not und die Hoffnung auf Besserung. Häufig kam es zu lebhaften Diskussionen, manchmal beteiligte ich mich auch selbst. Oft wurden bei den Versammlungen Programme, Broschüren usw. umsonst oder gegen geringe Reichsmarkbeträge angeboten, die Parteien erhielten dafür gewisse Papierkontingente. Insbesondere die KPD bot viele Drucksachen an. Interessiert registrierte ich im Winter 1946 die Gründung der Bayerischen Heimat- und Königspartei. Der Name vermittelte für mich, auch wenn ich keine besondere Beziehung zur Monarchie hatte, in der damaligen Notzeit etwas vom Flair der 'guten alten Zeit', wie ich sie mir vorstellte. Enttäuscht und verärgert war ich deshalb, als diese neue Partei schon bald darauf, im Mai 1946, durch die Militärregierung verboten wurde. Für einen König hatten die Amerikaner kein Verstândnis.

Hier einige beispielhafte Versammlungsnotizen:

29.6.46, SPD, Fürstenfeldbruck, Jungbräusaal (erste besuchte Versammlung):
'Redner: Arbeitsminister Albert Rosshaupter. Verhältnismäßig gut besuchte Versammlung (ca. 300 Personen). Rosshaupter gemütlicher älterer Herr (68). Er sprach gut, was man von seinem Vor- und Nachredner nicht behaupten konnte.' (Anmerkung: Letzter war einer der örtlichen SPD-Funktionäre.

14.7.46, KPD, München, Circus Krone
'Redner: Minister a.D. Heinrich Schmidt. Cirkus stark überfüllt. Schmidt sieht eher aus wie ein Großindustrieller als wie ein Kommunist. Am Schluss wurde die Internationale gespielt, wobei alles mitsang oder so tat, als ob.' (Anmerkung: Weil der Text weitgehend unbekannt war. Schmidt war einige Monate Minister für Entnazifizierung gewesen und dann zurückgetreten.)

13.9.46, WAV (Wirtschaftliche Aufbauvereinigung), Fürstenfeldbruck, Jungbräusaal
'Redner: Alfred Loritz. Anwesend ca. 500, Saal üllt. Loritz kann sehr gut reden, versteht es, die Leute fast zu hypnotisieren. Auf seine Schimpfkanonaden fällt fast alles herein. Unter den Zuhörern 'fanatische Weiber'. (Anmerkung: Solche stürzten vor Begeisterung zu Loritz vor und griffen nach seinen Händen; der Ausdruck 'Weiber' war damals gebräuchlich für Frauen, die negativ in Erscheinung traten, z.B. 'Flintenweiber', die sich an Kampfhandlungen beteiligten.

27.11.46, CSU, Jungbräusaal
'Redner: Spruchkammervorsitzender von Seutter. Anwesend ca. 400. Sehr starke Opposition im Saal. Drei Diskussionsredner. Heftige Angriffe auf den Redner und die CSU unter Beifall eines großen Teils der Zuhörer. Der CSU-Redner war nicht der beste und seine Verteidigung gelang ihm nicht besonders.

28.11.46, FDP, Jungbräusaal
'Rednerin: Landtagskandidatin Frau Dr. Wenger. Versammlung fand nicht statt, mangels Zuhörern. Privatunterhaltung mit ihr und ihrem Begleiter'. (Anmerkung: Ich war der einzige Gast). In dem Notizbuch habe ich den Parteien jeweils ein Abzeichen zuzuordnen versucht, denn aus der Hitlerzeit war ich gewohnt: Eine Partei hat ein Abzeichen. Bei der KPD war dies am einfachsten: Hammer und Sichel. Bei einer rechtsradikalen Gruppierung zeichnete ich ein Hakenkreuz ein. Bei der SPD nahm ich die drei Pfeile der Eisernen Front von vor 1933. Bei der FDP war ich zunächst ratlos, schließlich zeichnete ich einen Geldsack mit dem Dollarzeichen hin.

20.11.47, Bayernpartei, Fürstenfeldbruck, Jungbräusaal
'Redner: Dr.Jakob Fischbacher, anwesend ca. 300-400. Rede gegen das Preußentum. 'Preuße' ist keine geographische Kennzeichnung, sondern eine Gesinnung. Deshalb war auch Hitler ein Preuße. Wer sich zu Bismarck bekennt, bekennt sich zu Hitler. Am Schluss wurde ein Preuße von den Zuhörern geohrfeigt und rausgeworfen'. (Anmerkung: Dr.Fischbacher war bekannt geworden durch die angebliche Äuáerung, es sei 'Blutschande', wenn ein Bayer ein Flüchtlingsmädchen heirate. Das Wort 'Blutschande' erinnerte an die NS-Terminologie der Nürnberger Rassegesetze von 1935, mit denen Heiraten zwischen Deutschen und Juden verboten wurden, oder an das Verbot des Beischlafes zwischen nahen Verwandten. Dazu erklärte Dr.Fischbacher in der Versammlung, natürlich nur ein Preußischer Journalist mit seiner blamablen Unkenntnis des bayerischen Dialekts hätte ihn so interpretieren können, in Wirklichkeit habe er gesagt, es sei 'a Bluat's-Schand', was nicht mit 'Blutschande' gleichgesetzt werden dürfe.

Als Kuriosum galt unter den politisch Interessierten in Bruck, dass die alteingesessene, damals am Marktplatz situierte Firma Uhl mit Anton Uhl von der Bayerischen Volkspartei den letzten Bürgermeister vor der Nazizeit und 1945 auch den ersten, von den Amerikanern eingesetzten Nachkriegsbürgermeister, jetzt CSU, gestellt hatte, dass aber Uhls Schwiegersohn, der Arzt Dr.Krausenecker, bei der KPD war. Ein Brucker Funktionär der WAV, in einer Versammlung auf diese Konstellation angesprochen, bezeichnete die Firma Uhl als 'Zwingburg am Marktplatz', womit er die konservative Brucker Geschäftswelt anprangern wollte, und Dr.Krausenecker als 'die Rückversicherung des Hauses Uhl für alle Fälle' (Damals war die Angst, die Russen könnten ihren Machtbereich auch nach Westdeutschland ausdehnen, weit verbreitet).

24.11.46, SPD, München, Königsplatz
'Redner: Beauftragter der SPD für die Westzonen Dr. Kurt Schumacher, eingeführt durch Bürgermeister Thomas Wimmer. Anwesend ca. 10.000. Schumacher gibt sich weniger mit den Tagesfragen wie Bayerische Verfassung usw. ab, als mit der Lage Deutschlands und seiner Behandlung durch die Alliierten (Potsdamer Abkommen, Reparationen, Demontage usw.). Schumacher ist zweifellos der bedeutendste Politiker des heutigen Deutschland.'

Am Schluss dieser Kundgebung wurde von einer Kapelle die Melodie von 'Brüder, zur Sonne, zur Freiheit' intoniert. Ich kannte sie nur aus der Hitlerjugend von dem Lied 'Brüder in Zechen und Gruben' und wusste damals noch nicht, dass es sich um ein altes Lied der Arbeiterbewegung handelte. Ich wunderte mich also, wieso auf einer SPD-Kundgebung eine 'Nazi-Melodie' gespielt wurde. Kurt Schumacher (Jahrgang 1895, damals also 50 Jahre alt), genoss schon wegen seines ungewöhnlichen Lebenslaufs höchstes Ansehen: Kriegsfreiwilliger des 1.Weltkriegs, schwer verwundet (er hatte den rechten Arm verloren). In der Weimarer Republik Reichstagsabgeordneter der SPD, hatte er die Nationalsozialisten scharf angegriffen. Aus einer Reichstagsrede von 1932 wurden die Zitate bekannt: Dem Nationalsozialismus sei 'erstmals die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen', er sei 'der permanente Appell an den inneren Schweinehund'.

Schumacher war ab 1933 zehn Jahre im KZ Dachau. Er konnte es sich deshalb leisten, auch die Politik der Besatzungsmächte scharf zu kritisieren, vor allem wegen der Ernährungslage und der Demontage der Industrieanlagen. Er war kein Emigrant, sondern ein politisch Verfolgter, der im KZ gelitten hatte. Das spielte für weite Teile der deutschen Bevölkerung, die sechs Jahre Krieg hinter sich hatte, eine nicht unerhebliche Rolle. Er war, was die künftige deutsche Staatsform betraf, Zentralist, nicht Föderalist.

Für den Föderalismus gab es damals insbesondere in der Kriegsgeneration und bei den Jüngeren, die im zentralistisch regierten Dritten Reich aufgewachsen waren, wenig Verständnis. Über den bayerischen SPD-Ministerpräsidenten Dr.Wilhelm Hoegner, - auch er ehemaliger Reichstagsabgeordneter, der aber 1933 in die Schweiz flüchten konnte - der überzeugter Föderalist war, soll Schumacher gesagt haben: 'Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als Hoegner durch das Brandenburger Tor'. Schumacher war ein entschiedener Gegner der Kommunisten, der sowjetischen Besatzungspolitik und insbesondere der Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD in der Ostzone. Seine diversen Sprüche, mit denen er seine Reden würzte, haben seine Gegner oft empört, seinen Anhängern und auch mir aber sehr imponiert. So sagte er über die KPD: 'Rotlackierte Nazis', 'Die Leichtmatrosen vom Panzerkreuzer Impotemkin', über die Bayernpartei: 'Den König im Herzen und Hämorrhoiden im Hintern', über die Kirche: 'Die katholische Kirche ist die fünfte Besatzungsmacht'.

In Wirklichkeit hatte er sich im letzteren Fall natürlich schon weit differenzierter geäußert, aber damals und noch bis in die sechziger Jahre hinein bestand - hauptsächlich historisch bedingt - ein erheblicher Gegensatz zwischen der Sozialdemokratie und der katholischen Kirche. Dieser wurde erst durch das Godesberger Programm der SPD von 1959 allmählich überwunden.

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Hunger

Am 20.9.47 besuchte ich erstmals eine Sitzung des Bayerischen Landtags, der damals im Saal der Oberfinanzdirektion München tagte. Unter den Zuhörern saß zufällig neben mir der Brucker Bäckermeister Josef Schwalber, in späteren Jahren langjähriger CSU-Stadtratskollege. Wir kannten uns persönlich nicht. Als er eine Tüte herauszog und Brotzeit machte, steckte er mir wortlos eine Semmel zu. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, was das in der damaligen Hungerzeit bedeutete. Diese ist hier nicht das Thema, aber damals stand sie im Mittelpunkt des Daseins. Bei uns zuhause war ich beauftragt, allmorgendlich die kärgliche Brotration aufzuschneiden und auf alle Familienmitglieder gerecht zu verteilen, darin hatte ich vom Gefangenenlager her Übung. Mal ein Sack Saubohnen zusätzlich war schon eine Wohltat und Fleisch vom Brucker Pferdemetzger Bacher, acht Tage in Essig eingelegt und dann als 'Sauerbraten' zubereitet, ein ganz besonderes Fest.

Ein damals in der Zeitung veröffentlicher Vers lautete:
Bei Kaiser Wilhelm - voll Toleranz
aßen wir manchmal eine Gans.
Später, bei den Sozialdemokraten
hatten wir noch den Schweinebraten.
Unter Hitler und Göring
gab's manchmal noch einen Hering,
doch unter der heutigen Leitung
gibt's nur Kalorien in der Zeitung.
Oder, weniger vornehm ausgedrückt, z.B. von Leuten, die bei der Entnazifizierung unter die Räder gekommen waren:
'Lieber satt und Nazischwein
als Demokrat und hungrig sein.'

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Entnazifizierung

Viel Raum in der öffentlichen und auch privaten Diskussion nahm damals die Entnazifizierung ein. Sie war in weiten Kreisen nicht populär, vor allem wohl deshalb, weil sie einen viel zu groáen Personenkreis erfasste. Das ganze Volk wurde mit einer riesigen Flut von Fragebogen überschwemmt; der sogenannte 'Große Fragebogen' soll über 130 Fragen enthalten haben. Zahllose kleine Beamte, die einfache NSDAP-Mitglieder gewesen waren, wurden aus ihren Ämtern entlassen und mussten sich und ihre Familien irgendwie durchbringen, Selbständigen wurden 'Treuhänder', manchmal auch Leute zweifelhaften Typs, wie sie zu allen Umbruchszeiten vorübergehend hochkommen, in die Unternehmen gesetzt. Alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder mussten ein Spruchkammerverfahren durchlaufen, das zu Einstufungen als 'Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer oder Entlastete' führte und mit Strafen vom Bußgeld bis zum Arbeitslager und Vermögenseinzug enden konnte. Dabei entstand aber vielfach wohl zu Recht der Eindruck: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.

Selbst besuchte ich nur eine Spruchkammerverhandlung, nämlich die gegen den ehemaligen Brucker Lehrer und NSDAP-Ortsgruppenleiter Böck. Ich hatte ihn im Herbst 1937 selbst einmal kurz als Lehrer gehabt, weil in München die Schulen wegen Kinderlähmung geschlossen waren und mich meine Eltern vorübergehend in Bruck einschulten. Böck eröffnete eine Unterrichtsstunde, das ist mir noch heute in Erinnerung, einmal mit den Worten: 'Beim Reichsparteitag in Nürnberg ist die SA in Zwölferreihen aufmarschiert. Und so kommen wir heute zum Zwölfer-Einmaleins'.

Die Spruchkammerverhandlung gegen ihn fand wegen des großen Publikumsandrangs nicht im Amtsgericht, sondern im Jungbräusaal statt. Eine der Hauptvorwürfe gegen Böck war meiner Erinnerung nach, dass er zusammen mit NS-Kreisleiter Emmer 1942 zwei deutsche Frauen, die sich mit französischen Kriegsgefangenen 'eingelassen' hatten, kahlscheren und am Marktplatz an den Pranger hatte stellen lassen, umgehängt mit Schildern mit der Aufschrift 'Ich bin eine deutsche Hure'. Böck hatte auch noch seine Schulklassen an diesen Frauen vorbeigeführt und vor ihnen ausgespuckt. Bemerkenswert für die damalige Betulichkeit in sexuellen Dingen war dabei übrigens der in der Verhandlung am Rande zur Sprache gekommene Vorwurf, die Schulkinder hätten doch gar nicht wissen können (oder dürfen!), was eine 'Hure' sei. Immerhin, für Nazis wie Emmer oder Böck gab es damals weniger Verständnis. Trotzdem kamen auch sie meines Wissens letztlich ziemlich glimpflich davon.

Häufiger besuchte ich - ich hatte ja im Herbst 1947 an der Universität München mit dem Jura-Studium begonnen - die Verhandlungen des amerikanischen Miltärgerichts im Sitzungssaal des Rathauses. Freilich ging es da meist um 'kleine Fische': Besitz amerikanischen Eigentums (meist Gegenstände, die von amerikanischen Soldaten eingetauscht oder auch gestohlen worden waren), oder um Fragebogenfälschung. Für falsche Angaben im Entnazifizierungsfragebogen verhängte der als Richter fungierende US-Offizier in aller Regel 6 Monate Gefängnis, die meines Wissens im Brucker Amtsgerichtsgefängnis abzusitzen waren. Der Fall eines Bauern, in dessen Scheune eine Pistole gefunden worden war, wurde an das höhere Miltärgericht abgegeben.

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'Umerziehung' zur Demokratie

Der Aufbau einer neuen demokratischen Ordnung im ehemaligen Nazideutschland war Ziel der westlichen Siegermächte. Nach meinem Eindruck haben sich die Amerikaner trotz der Härten, die jede militärische Besetzung zwangsläufig mit sich bringt, in ihrer Besatzungszone auch in sehr positiver Weise um den Aufbau der Demokratie bemüht. Viel haben dazu in Fürstenfeldbruck z.B. die regelmäßigen Veranstaltungen des 'Deutsch-amerikanischen Diskussionsklubs' im TUS-Heim auf der Lände beigetragen, die ich gern besuchte. Sie wurden im Rahmen des amerikanischen Regierungsprogramms zur Demokratisierung der deutschen Jugend 'German Youth Activities', abgekürzt GYA in Bruck von zwei Angehörigen der US-Army, Lieutenant Johnson und Sergeant Di Prima geleitet; als Dolmetscherin fungierte, ebenso wie auch bei den Militärgerichtsverhandlungen, in sehr gewandter Weise eine Bruckerin, Frau Loehnert. Besucher waren sowohl junge Leute in meinem Alter als auch interessierte Erwachsene. Für diesen Club fertigte ich im Auftrag der Amerikaner einen Schaukasten an, der am Alten Rathaus angebracht wurde. Die Gestaltung war mir überlassen. Außen malte ich ihn in den amerikanischen Nationalfarben blau-weiss-rot an und klebte silberne Sterne auf das blaue Dach; innen strich ich ihn (im Vorgriff auf die erst 1949 im Grundgesetz festgelegten deutschen Nationalfarben) schwarz-rot-gold. Die Amerikaner fanden diesen zweifellos recht bunten Schaukasten wunderbar, meine sehr konservative Großmutter, nicht wissend, dass ich ihn gemacht hatte, bezeichnete ihn als 'scheußlich'.

Es gab Clubabende mit interessanten Vorträgen und Diskussionen zu allgemeinpolitischen und kommunalen Themen, manchmal Ausflüge mit amerikanischen Militärlastwagen und auch kommunalpolitische Aktivitäten - so wurde vom Club z.B. eine Verkehrserziehungswoche mit einem großen Umzug durch die Stadt, angeführt von einer Kapelle der US-Military Police, veranstaltet. Die Amerikaner hatte nämlich vor allem gestört, dass die Fußgänger kaum die Gehsteige, sondern meist die Straßen benutzten, was auf den im Krieg kaum vorhandenen Autoverkehr zurückzuführen war und jetzt nicht selten zu Unfällen mit Militärjeeps führte. Außer zu diesen offiziellen Clubabenden war ich zusammen mit einigen anderen jungen Leuten allmonatlich bei einem amerikanischem Offizier, Lieutenant Empey, mit seiner Frau, ebenfalls Armeeangehörige, privat in sein Haus in der Werftsiedlung eingeladen. Weil diese Siedlung Sperrgebiet war, holte er uns mit seinem Jeep jeweils von zuhause ab und fuhr uns spät nach Mitternacht auch wieder heim. Es gab interessante Gespräche - natürlich nur auf englisch - und eine sagenhafte Verpflegung. Wenn ich am nächsten Tag zuhause davon erzählte, lief allen das Wasser im Mund zusammen. Leider wurde Empey nach etwa einem Jahr versetzt. Es gelang uns zwar einen Nachfolger zu finden, aber bei dem gab's nur Salzstangen und Coca Cola.

Später trug auch Dr.Johannes Strelitz, leitender deutscher Mitarbeiter des US-Resident-Officer, durch Vermittlung von Kontakten zwischen Deutschen und Amerikanern sowie durch eigenen Vorträge viel zur Verbreitung und Pflege demokratischen Gedankenguts bei. Dr.Strelitz war politisch ausserordentlich beschlagen. Er konnte interessant erzählen und ich lud ihn nach der Gründung einer sozialistischen Jugendgruppe in Fürstenfeldbruck im Jahre 1950 (siehe S.48) manchmal zu Gruppenabenden ein. Sein Weggang von Fürstenfeldbruck wurde allgemein sehr bedauert, und ich schenkte ihm zum Abschied einige Schallplatten mit Liedern der Arbeiterbewegung. Viele Jahre danach wurde Dr.Strelitz, der SPD-Mitglied war, in Hessen Justizminister.

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Die Zeit ab 1949

Am 1.7.49 trat ich in den Fürstenfeldbrucker Ortsverein der SPD ein. Mit dem Gedanken hatte ich mich schon länger getragen, aber ich wollte warten, bis ich 21 Jahre alt, d.h. volljährig war. Der aktuelle Anlass war nun der herannahende Wahltermin zum ersten deutschen Bundestag am 14.5.49. Motive hatte ich mehrere. Da war das Kriegserlebnis und der Zusammenbruch Deutschlands. Die SPD-Prognose von vor 1933, 'Wer Hitler wählt, wählt den Krieg', hatte sich offensichtlich als zutreffend erwiesen. Dazu kam vor allem das Bekanntwerden der Greuel in den Konzentrationslagern und des Ausmaßes der Judenverfolgung; einige gute Bekannte unserer Familie waren zwar noch vor dem Krieg ausgewandert, die Daheimgebliebenen später aber deportiert und vergast worden. Der Aufbau eines neuen deutschen Staates sollte nach dem Prinzip der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit erfolgen. Im Sozialismus, wie ihn die SPD vertrat, sah ich ein plausibles theoretisches System, das nur in die Praxis übertragen werden müsse. Die Methoden der KPD, die ihn in der Ostzone zwangsweise, mit ähnlichen Mitteln wie die Nazis, durchsetzen wollten, kamen für mich nicht in Frage.

Hinzu kam schließlich eine gewisse jugendliche Begeisterung für alles Neue. Ich wollte mich überhaupt irgendwie politisch betätigen und natürlich aktiv am Wahlkampf beteiligen. Auch wollte ich mir im Fall eines SPD-Wahlsiegs nicht nachsagen lassen, ich hätte erst das Wahlergebnis abwarten wollen, bevor ich den Eintritt erklärte. Bekanntlich ging die Wahl dann nicht so aus, wie von der SPD erhofft. Bundeskanzler wurde nicht Kurt Schumacher, was wir als politisch und menschlich gerecht empfunden hätten, sondern der damals weit weniger bekannte CDU-Politiker Konrad Adenauer. Freilich, rückblickend lässt sich auch aus meiner Sicht sagen, dass die Bundesrepublik Deutschland in dem knappen halben Jahrhundert ihres Bestehens eine so positive Entwicklung genommen hat, wie wir sie damals nie für möglich gehalten hätten. Allein schon an eine fünfzigjährige Friedensperiode hat seinerzeit in Deutschland wohl kaum jemand geglaubt. Und Kurt Schumacher hat auch als Oppositionsführer in den wenigen Jahren, die ihm noch beschieden waren - er starb 1952 - ganz wesentlich zur Festigung der neuen deutschen Demokratie beigetragen.

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Mitglied im SPD-Ortsverein

Der Alltag in der Brucker SPD bestand für mich zunächst in der Teilnahme an den regelmäßig etwa alle sechs Wochen stattfindenden Mitgliederversammlungen des Ortsvereins im 'Münchner Hof'. Schon in der ersten Versammlung wurde ich zum Schriftführer gewählt, nachdem dieser Posten gerade vakant war und ein alter Genosse gemeint hatte: 'Du bist Student, du kannst lesen und schreiben!' Ich führte also die Protokolle der nicht sehr attraktiven Versammlungen, schrieb die Einladungen, hektographierte sie im Gewerkschaftsbüro und fuhr sie mit dem Fahrrad an die damals noch nicht so zahlreichen Mitglieder des Ortsvereins - es waren vielleicht fünfzig - aus. Manchmal besuchte ich auch Stadtratssitzungen. Einmal schlug ich unserem Ortsvorsitzenden vor, doch in der Mitgliederversammlung über den Sozialismus zu diskutieren und z.B. die Schriften von Karl Marx zu behandeln. Der Vorsitzende, zugleich auch Stadtrat, meinte aber, nur mitleidig lächelnd: 'Anwesend drei Genossen - das interessiert niemand'.

Aus dieser Zeit (1950) existieren noch einige Tagebuchnotizen, die erkennen lassen, wie ich im jugendlichen Alter von 22, 23 Jahren über unsere zum Teil schon in Ehren ergrauten Stadträte und Mitglieder urteilte:
'Das Leben in unserem SPD-Ortsverein ist ziemlich eintönig und steril. Jedesmal die gleichen Gesichter in der Mitgliederversammlung, endlose Debatten über kommunale Angelegenheiten, die mich gar nicht interessierten. Manchmal ein Vortrag, manchmal persönliche Streitigkeiten.

Unsere Stadtratsfraktion zieht auch nicht recht - aus verschiedenen Gründen: Bürgermeister Neumeier ist wegen seines Unfalls meist in Urlaub, tritt aber nicht zurück. Stadtrat A. schläft, und wenn er etwas sagt, dann zum Schaden der Fraktion. Stadtrat B. schweigt konstant, stimmt jedoch wenigstens mit der Fraktion. Stadtrat C. schwankt dauernd hin und her, Stadtrat D. ist gut, genießt jedoch hier geschäftlich keinen guten Ruf. Stadtrat E. ist ebenfalls gut, muss jedoch stets auf seinen Schwiegervater, den Ersten Bürgermeister, Rücksicht nehmen'.

Es handelte sich um die Stadtratsperiode 1948 bis 1952; die SPD hatte 1948 etwas über 20 % der Stimmen erhalten und stellte auch den damals noch nicht vom Volk, sondern vom Stadtrat gewählten Ersten Bürgermeister, sowie 5 von 20 Stadträten; Mein Urteil war, schließlich auch gemessen an langjähriger eigener Stadtratserfahrung, sicher recht hart. Im Übrigen fragt man sich aber auch, ob heutzutage die jungen Leute die Mitglieder des Stadtrats - und nicht nur die der SPD - besser beurteilen, als ich es damals getan habe.

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Jugendarbeit

Um etwas Leben in die politische Arbeit zu bringen und auch für Nachwuchs zu sorgen, gründete ich im Frühjahr 1950 zusammen mit anderen in Fürstenfeldbruck eine Kinder- und eine Jugendgruppe der Sozialistischen Jugend Deutschlands - 'Die Falken'. Diese Jugendorganisation war in den zwanziger Jahren in Österreich entstanden und hatte vor der Hitlerzeit auch schon in Deutschland existiert, sie stand der SPD nahe und war international. Inzwischen gab es Schwesterorganisationen in vielen demokratisch regierten Ländern Europas. Wir trafen uns zu regelmäßigen Gruppenabenden im Jugendheim auf der Lände, mit den Älteren ging ich danach meistens noch in ein Lokal.

Neben kleineren Ausflügen in die Umgebung mit den Fahrrädern, manchmal auch mit Militärlastwagen, die von den Amerikanern gestellt wurden, nahmen Mitglieder unserer Gruppe auch an großen deutschen und internationalen Zeltlagern teil, so 1950 auf der Insel Sylt und in Stockholm, 1951 in London, 1952 in Wien und 1953 in Zadar, unserer heutigen Partnerstadt. Sie vermittelten in der damaligen Zeit, in der es noch keinen Massentourismus gab, schöne Erlebnisse; für mich waren es die ersten Auslandsaufenthalte. An Ammersee und Nordsee bewährten sich zwei große Fliegerschlauchboote, die wir von den Amerikanern geschenkt bekommen hatten. Zweimal besuchte ich mit den Brucker Falkengruppen auch die KZ-Gedenkstätten in Dachau.

1951 in London legten wir auch einen Kranz am Grab von Karl Marx nieder. Mit den Fotos von dieser Feier gewann ich zwar einen Wettbewerb, aber in Bruck, jedenfalls in CSU-Kreisen, stand ich bald im Ruf, ich sei 'linksradikal'. Auch hielt sich lange Zeit - völlig wahrheitswidrig - das Gerücht, ich sei aus der Kirche ausgetreten (dabei wurde ich später, schon im Stadtrat, von einer Klosterschwester sogar einmal mit 'Herr Stadtpfarrer' angesprochen.). Ein CSU-Mandatsträger, mit dem ich jahrzehntelang im Verwaltungsrat der Sparkasse zusammenarbeitete und mit dem ich mich sehr gut verstand, sagte einmal zu mir: 'Von dir heißt's immer, du bist so linksradikal. Aber du bist eigentlich gar nicht linksradikal'.

So machte ich von 1950 bis 1953 in Fürstenfeldbruck SPD-nahe Jugendarbeit und arbeitete als Vertreter der Falkenjugend auch im Kreisjugendring mit. Damals lernte ich auch meine Frau kennen, die in München eine Gruppe leitete und einmal als Referentin über die 'Falkengrundsätze' zu unserer neugegründete Gruppe nach Fürstenfeldbruck herausgeschickt wurde. Über einige dieser Grundsätze, die noch aus der Zeit vor 1933 stammten (z.B. 'Ein Falke raucht nicht, ein Falke trinkt nicht') konnten wir allerdings nur mitleidig lächeln.

Einmal wurde mir zugetragen, auf dem Königsplatz in München sei eine große Kundgebung rechtsradikaler Jugendgruppen geplant. Ich war der Meinung, da müsse eine Gegenkundgebung organisiert werden, und verständigte den Landesvorstand der Falken sowie andere Jugendorganisationen, darunter auch die kommunistische FDJ, die damals in Mü?nchen relativ stark war. Da wurde ich vom Landesvorsitzenden, dem bekannten späteren Münchner SPD-Stadtrat Hans Preissinger, gerügt: 'Mit Kommunisten kann man nicht zusammenarbeiten. Das sind keine ehrlichen Menschen. Sie erkennen keine anderen Standpunkte an, sie wollen einen immer umdrehen' sagte er. Ich zweifelte da zunächst, aber in der Folgezeit tauchten tatsächlich bei unserer Brucker Falkengruppe ständig ungebeten FDJler aus München auf, um uns in ihrem Sinn zu beeinflussen. Solange, bis uns der Kragen platzte und wir sie hinauskomplimentierten. Die Sache mit der rechtsradikalen Kundgebung in München erwies sich als Ente.

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Plakatkleben

In den Wahlkämpfen jener Jahre bestand unsere Hauptarbeit im Flugblätterverteilen und Plakatkleben, und zwar sowohl in der Stadt als auch in allen kleinen Gemeinden des westlichen Landkreises, in denen wir keine eigenen Ortsvereine hatten und die wir mit dem VW-Käfer des Brucker Gewerkschaftssekretärs (und ab November 1950 Landtagsabgeordneten) Otto Priller anfuhren. Dabei halfen mir die älteren Mitglieder der Falkenjugend.

Wildes Plakatieren war zwar nicht offiziell erlaubt, aber weitgehend üblich und geduldet. Es gab noch auch keine städtischen Anschlagtafeln wie heute. Wir wurden beim Kleben nie behindert. Aber wenn die amerikanische Militärpolizei, die nachts mit dem Jeep durch die Straßen fuhr, KPD-Leute beim Kleben erwischte, nahm sie diese manchmal in den Fliegerhorst mit und ließ sie erst am nächsten Morgen wieder heraus. Daraufhin bat mich der hiesige KPD-Chef, der Müller Heini, ihm doch einige SPD-Plakate zu überlassen, damit sie sich mit diesen vor den Amerikanern tarnen könnten. Das lehnte ich aber ab mit der Begründung, bei den Wahlen gingen die KPD-Stimmen ja der SPD verloren, und das käme dann letztlich der CSU zugute. Da war er beleidigt und sagte, wir würden die 'Genossen' von der KPD den Amerikanern 'an's Messer liefern' (obwohl ihnen weiter nichts geschah). Dass in der Ostzone bzw. DDR die SPD verboten und ihre Anhänger bei illegaler Betätigung tatsächlich den Russen bzw. der Staatssicherheit an's Messer geliefert wurden, und zwar in vielen Fällen mit Gefahr für Leib und Leben, focht ihn dagegen keineswegs an.

Beim Kleben waren wir nicht kleinlich. An jeder Wand, an jedem Zaun galt die Regel: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ob es die Steinmauer der Treppe am Alten Rathaus oder der Erker am Hotel Post war, nichts blieb verschont. Unser Bundestagskandidat 1953 hieß Georg Kahn-Ackermann. Als wir beim Restaurant Venezia die Ampermauer vollklebten, ein gegen Abreissen der Wahlplakate sicherer' Platz, den wir mittels einer ins Wasser gestellten langen Leiter erreichten, hieß es in der Zeitung, das wären 'die Ackermänner mit dem Kahn' bzw. mit einem Schlauchboot gewesen. Und im Fürstenfeldbrucker Tagblatt wurde uns eine Glosse gewidmet: 'Die Ästheten mit dem Kleistertopf', die das ganze Ortsbild verschandelten. Als sich der Hotelier Weiß (der Vater des derzeitigen Inhabers) einmal bei der Stadt beschwerte und ich davon erfuhr, kratzte ich die Plakate an seinem Hotel allerdings auch wieder ab. Schwierigkeiten wollte ich immer vermeiden. Auch legte ich stets Wert auf möglichst werbewirksame Zusammenstellung der unterschiedlichen Plakate und auf sorgfältiges Kleben. Nichts war mir so zuwider wie Plakate, die weghingen und im Wind flatterten.

Ein Kommissar unserer damaligen Stadtpolizei, Herr Mägerlein, Vater unseres jetzigen Bürgermeister-Referenten, kannte mich und erwischte mich des nachts öfters. Er schritt zwar nicht ein, weil 'Sachbeschädigung' nur auf Antrag des Hauseigentümers verfolgt wurde, aber einmal sagte er: 'Herr Geys, ich glaub' immer, Sie werden einmal zahlen müssen.'. Ich musste aber nie zahlen.

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Lautsprecherwerbung

Bei größeren öffentlichen Versammlungen der SPD legte ich Wert auf musikalische Umrahmung. Eine Kapelle war natürlich viel zu teuer. Außerdem sollten es möglichst Lieder aus der Arbeiterbewegung sein, die hier ohnehin weitgehend unbekannt waren. Ich besorgte deshalb von der österreichischen Falkenjugend in Wien einige entsprechende Schallplatten, und so spielten wir vor den Versammlungen im Jungbräusaal den Sozialistenmarsch, die Arbeitermarseillaise und 'Brüder, zur Sonne, zur Freiheit'. Nur die 'Internationale' wagten wir nicht zu spielen, obwohl auch sie ein klassisches Lied der Arbeiterbewegung aus dem 19. Jahrhundert war. Sie galt eher als das Lied der Kommunisten. Aber wenn sich im Garten des Pfarrhauses, das neben dem Haus meiner Eltern lag, die katholische Jugend traf, stellte ich manchmal unseren Radio ans Fenster, schloss das Grammophon an und ließ die Internationale dort hinüberschallen. Um sie zu ärgern, wie ich meinte.

Vor der Stadtratswahl 1952 fuhren wir erstmals mit einem Lautsprecherwagen durch die Stadt und versuchten uns dabei auch mit Musik, indem wir ein uhrwerkgetriebenes Grammophon mitnahmen und Schallplatten auflegten. Aber bei den damals meist schlechten Straßen musste man sehr vorsichtig fahren, sonst hüpfte die Nadel quer über die Platte. Später, mit einem kleinen Kasettenrecorder, machte mir das Lautsprecherwagenfahren stets großen Spaß. Vor den Bundestagswahlen beschallten wir auch die Landkreisgemeinden und organisierten dazu lange Korsos mit plakatbeklebten Autos. Besonders aufregend war es immer, wenn wir einem 'feindlichen' Lautsprecherwagen (solchen der CSU) begegneten und uns Rededuelle lieferten. Mal hängte ich mich hinten an einen Autokorso der CSU mit dem Bundestagsabgeordneten Dr.Jaeger und wiederholte fortwährend den Spruch: 'Wir freuen uns, dass Dr. Jaeger nach vier Jahren endlich wieder in unseren Wahlkreis kommt.' Aber später, bei Dr. Peter Glotz, verschonte ich gelegentlich auch unseren eigenen Kandidaten nicht. Er fuhr im offenen Cabriolet durch die Straßen und grüßte das Volk. Dabei hatte ich ihn mit meinem Lautsprecherwagen akustisch zu begleiten, als mir der Spruch einfiel: 'Es ist wie beim Faschingszug. Das Volk ist kaum zum Lachen zu bringen'.

Schon seit vielen Jahren ist die politische Lautsprecherwerbung aus der Mode gekommen. Die Leute sind lärmempfindlich geworden, und Aufdringlichkeit ist nicht unbedingt die beste Werbung. Damals aber hielten wir die Lautsprecherwerbung für besonders wirksam, weil man sich ihr nicht entziehen kann. Bei Plakaten kann man wegschauen, sagten wir, aber das Gehör abschalten kann man nicht.

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In den Stadtrat gewählt

Bei der Kommunalwahl 1952 konnte ich nicht kandidieren, weil damals das Mindestalter für Gemeinderatsmitglieder noch bei 25 Jahren lag. Aber als es an die Aufstellung des Wahlvorschlags der SPD für die Stadtratswahl 1956 ging, war es aufgrund meiner langjährigen Aktivitäten keine Frage, dass ich auf die Liste kam.

Politik war in jener Zelt fast ausschließlich Männersache. Jetzt wurde im Brucker SPD-Ortsvorstand erstmals auch die Nominierung von Frauen erörtert. Ich befürwortete dies sofort zu und sagte: 'Da nehmen wir die Erika X., das ist unsere Schönste'. (Immerhin war sie von Beruf Gewerkschaftssekretärin und politisch auch durchaus beschlagen). Ich hatte die Sache schon längst vergessen, als ein halbes Jahr später eine ältere Genossin plötzlich wie eine Furie über mich herfiel, ich hätte die Erika damals als 'Schönste' bezeichnet.' Ich freilich empfand den Vorwurf als ungerecht und mein Urteil - jedenfalls im Vergleich zu dieser Genossin - als durchaus zutreffend, behielt dies aber dann doch lieber für mich.

Ich machte aber auch schon damals die Erfahrung, dass bei der Zusammenstellung von Wahlvorschlägen mitunter mit Versprechen oder Intrigen gearbeitet wird und man sich nicht unbedingt auf jedes Wort verlassen kann: Der Vorsitzende schlug mich überraschend nicht für den 'sicheren' Platz vor, den er mir vorher zugesagt hatte, sondern zwei Plätze weiter hinten. Aber diese Scharte wetzte ich bei der Stadtratswahl wieder aus. Ich verteilte flächendeckend 5000 eigene Flugblätter, damals für das Stadtgebiet gerade ausreichend, und wurde als Jüngster in den Stadtrat gewählt. Dem gehöre ich - siebenmal wiedergewählt - nunmehr ununterbrochen seit über 40 Jahren an.

Autor: Helmut Geys



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