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Erinnerungen an eine düstere Zeit (Teil 1)

von Helmut Geys

Dies ist der Bericht eines Zeitzeugen. Er schildert, wie Jugendliche im Alter von 16 Jahren die Kriegsjahre 1943/1944 im Raum München erlebten. Der Bericht stellt keine Wertung der Geschehnisse aus heutiger Sicht dar.
Geboren im Jahre 1927, wuchs ich in München-Schwabing auf, verbrachte aber auch oft die Wochenenden und Ferien bei meinen Großeltern in Fürstenfeldbruck. Seit 1938 besuchte ich das Alte Realgymnasium (damals "Oberschule an der Siegfriedstraße"). Bei Kriegsbeginn im September 1939 war ich zwölf Jahre alt. Bis zum Jahre 1943 hatte ich schon zahlreiche Fliegeralarme und auch einige kleinere Luftangriffe auf München erlebt.

Luftkrieg über München

In unserer im vierten Stock eines Mietshauses gelegenen Wohnung stand ständig das "Luftschutzgepäck" bereit: Koffer mit Kleidung, Wertgegenständen und Dokumenten, sowie für jeden eine 'Volksgasmaske'. Solche waren schon vor dem Krieg für fünf Reichsmark das Stück zum Kauf angeboten worden. Alles nahmen wir bei Alarm mit in den Keller. Auf dem Speicher befand sich das vorgeschriebenen Feuerlöschgerät: Einige Eimer Wasser, eine Kiste voll Sand (zum Abdecken von Phosphor-Brandbomben, die mit Wasser nicht zu löschen waren) und ein Besenstiel mit einem daran befestigten Putzlumpen, die berühmte "Feuerpatsche". Ins Wasser getaucht, sollten damit kleinere Brandstellen ausgeschlagen werden. In jedem Haus war ein Bewohner als Luftschutzwart eingeteilt, der sich um alles zu kümmern hatte. In den einzelnen Stadtvierteln wurden Luftschutzkurse abgehalten, in denen man Brandbekämpfung und Erste Hilfe lernte. Auch ich hatte einmal einen solchen besucht. Die Speicher selbst waren schon vor dem Krieg in einer als "Entrümpelung" bezeichneten Aktion weitgehend geleert worden; nach Kriegsbeginn waren auch die hölzernen Lattenverschläge, die die einzelnen Abteilungen voneinander trennten, entfernt worden.

Eine der vielen Luftschutzsirenen befand sich auf dem Dach des Wohnblocks gegenüber, so dass uns schon der Schreck aus dem Bett scheuchte, wenn nachts plötzlich auf- und abschwellend ihr infernalischer Heulton einsetzte. Vor dem Verlassen der Wohnung öffneten wir stets die Fenster, um sie gegen das Zerbersten durch den Luftdruck detonierender Bomben zu sichern. Die Jalousien mussten dagegen wegen der Verdunkelung, auf die sehr streng geachtet wurde, geschlossen bleiben. Im Luftschutzkeller machten es sich die Hausbewohner auf Stühlen und Bänken so bequem wie möglich und warteten. Oft geschah überhaupt nichts, bis schließlich die Sirenen durch einen lang andauernden, gleichbleibend hellen Heulton "Entwarnung" gaben. Dann konnte man, mitunter erst nach Stunden, wieder in die Wohnung und zurück ins Bett. Bei besonders langen Alarmen begann am nächsten Tag die Schule später oder fiel auch mal ganz aus.

Wenn dagegen tatsächlich Feindflugzeuge im Raum München erschienen, merkten wir dies in der Regel am Einsetzen des Flakfeuers (Flak = Abkürzung für Fliegerabwehrkanone). Zahlreiche Flakbatterien standen in einem Ring um München, um die Flieger möglichst schon vor der Stadt bekämpfen zu können, selbstverständlich wurden sie aber auch über dem Stadtgebiet beschossen. Hatte der Luftschutzkeller offene Fenster oder Schächte nach außen, vernahmen wir auch das Summen der Flugzeugmotoren. Es war ein unheimliches Gefühl, den Feind so nahe zu wissen, wo doch die Landfronten so überaus fern schienen - die deutsche Wehrmacht stand am Atlantik, am Nordkap, in Nordafrika und tief in der Sowjetunion. Und dann hörte man auch die Detonationen von Spreng-bomben, wenn sie in der Nähe einschlugen. Von den zahllosen kleinen Stab-brandbomben, etwa von der Größe eine Knirps-Regenschirms, merkte man im Keller dagegen nichts. Sie blieben auf den Speichern liegen und setzten die Dachstühle in Brand.

Der erste Luftangriff auf München - im Juni 1940 - war in seiner Wirkung noch recht bescheiden. Bei uns in Schwabing hatte es ein Gebäude in der Nähe unserer Schule getroffen. Gleich nach dem Unterricht gingen wir hin und betrachteten den Einschlag. Die Außenwand des Hauses war eingestürzt und es war faszinierend für uns, wie wir in die Zimmer hineinsehen konnten. Wir ahnten nicht, dass dies später ein alltägllicher Anblick werden sollte. Bei einem der nächsten Luftangriffe kam einer unserer Lehrer ums Leben. Sein Haus hatte einen Volltrffer erhalten und er war verschüttet worden. Kam es in der Nähe unserer Wohnung zu Bränden, so besahen wir uns diese manchmal nach der Entwarnung noch in der gleichen Nacht. Man brauchte ja nur dem Feuerschein nachzugehen. Einmal war es eine kleine Villa neben unserer Schule. Die Bewohner unternahmen verzweifelte Löschversuche. Hätte es nicht die Schule treffen können? Ein anderes Mal stand der große Komplex des nahen Schwabinger Krankenhauses in Flammen und warf einen riesigen Feuerschein an den Himmel. Laut prasselten die brennenden Dachstühle, in der Luft lag ein beißender Geruch von Qualm und Phosphor, der noch tagelang anhielt. Am Tag danach war es immer ein Sport für uns Jugendliche, Flaksplitter zu sammeln, bizarr geformte, zackige Eisenstücke bis zu etwa 10 cm Länge von den in der Luft zerborstenen Granaten der Flak. Mit geübtem Blick konnte man sie auf den Straßen entdecken.

Als die Luftangriffe zunahmen und die Schäden immer größer wurden, wurden wir von der Schule aus manchmal zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt, so auch einmal in einem Institut der Universität München. Es war durch Sprengbomben ziemlich beschädigt, die Dächer abgedeckt, die Fenster zerborsten. Wir hatten den Schutt zusammenzukehren und aus den Räumen zu schaffen. Natürlich kam es vor, dass wir an den zahllosen Glasvitrinen und Schränken, die in den Räumen herumstanden, die eine oder andere ganz gebliebene Scheibe noch selbst einwarfen, weil es Spass machte. Auf eine mehr oder weniger, dachten wir, kommt es doch nicht an. Bei dieser Gelegenheit fand ich Teile einer nicht abgebrannten Leuchtbombe, Pappröhren, ähnlich Feuerwerkskörpern, und nahm sie mit nachhause. Zusammen mit Kameraden setzte ich einmal nachts vor unserer Schule eine winzige Menge der Füllung mit einem Zündholz in Brand. Wegen der Verdunkelung war es ja stockfinster, aber wir erschraken gewaltig, als für Sekunden der ganze Platz in rotem Licht aufleuchtete, bis hinauf zur Turmspitze des Alten Realgymnasiums. Welch ungeheure Helligkeit strahlten diese Leuchtbomben aus, die, an Fallschirmen abgeworden, die Ziele für die nachfolgenden Bomber markierten!

Einer meiner stärksten Eindrücke war in der Nacht zum 9. März 1943 der Einschlag einer Luftmine - einer besonders schweren, kurz über dem Boden explodierenden Bombe - in der Herzogstraße, nur wenige hundert Mewter von unserer Wohnung entfernt. Unvermittelt gab es einen fürchterlichen dumpfen Schlag, und unser Keller erzitterte. Mir gegenüber saß der Direktor des Gymnasiums, der in unserem Haus wohnte. Sein Gesicht begann heftig zu zucken, was mich bei dieser Respektsperson verblüffte, denn ich selbst empfand keine Angst. Als Jugendlicher schätzte ich die Gefahr wohl überhaupt nicht realistisch ein. Natürlich besichtigten wir am nächsten Tag den Einschlag. Der Sprengkörper war genau über der Straße explodiert. Diese wies nur eine flache Mulde im Pflaster auf, aber die vierstöckigen Häuserblocks rechts und links waren durch den ungeheuren Luftdruck nahezu vollständig zerstört.

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Als Schüler zur Fliegerabwehr

Anfang 1943 war die deutsche 6. Armee in Stalingrad mit über 300.000 Mann vernichtet worden. Allein an der Ostfront betrugen die Verluste der Wehrmacht, so wurde gemunkelt, im Tagesdurchschnitt dreitausend Mann. Sie mussten ersetzt werden, es wurden also in anderen Bereichen, so auch bei der Flak in der Heimat, Soldaten für die Front abgezogen. Ich war noch nicht 16 und beendete gerade die 5. Klasse (heute 9. Klasse), als wir Oberschüler vom Jahrgang 1927 als "Luftwaffenhelfer" zur Flak eingezogen wurden. Wir waren zwar nicht direkt begeistert, sondern betrachteten es eher als kriegsbedingte Notwendigkeit, aber ein klein wenig waren wir schon stolz darauf, dass wir gebraucht wurden und unseren jüngeren Mitschülern etwas voraus hatten.

Zwei Wochen bekamen wir noch Ferien, dann, am 15. Juli, wurde es ernst. Ich hatte mich mit Waschzeug und sonstigen privaten Gebrauchsgegenständen bei einer Flakbatterie am Hasenbergl, nördlich des Stadtteils Milbertshofen, einzufinden. Die Gegend war damals noch nicht bebaut. Die Luftwaffenhelfer des Jahrgangs 1926, die schon einige Monate hier Dienst taten, zeigten uns die Stellung. In einem großen Sechseck waren in gut zwei Meter tiefen quadratischen Gruben sechs Geschütze aufgestellt. Die Grubenwände waren mit Brettern verschalt, in den vier Ecken kleine Munitionsbunker eingebaut. Durch einen kurzen Graben gelangte man hinunter. Daneben, ebenfalls in Gruben, standen kleine Baracken für die Bedienungsmannschaften, je Geschütz 6 Mann. Daneben befand sich in einiger Entfernung das Kommandogerät und das mir damals noch fremde Radargerät (seinerzeit "Funkmessgerät" genannt), beides Apparate zum Anvisieren der Flugzeuge und zur Berechnung der Schießdaten.

Auf der Kleiderkammer, ebenso wie Küche und Speisesaal in einer großen überirdisch aufgestellten Baracke untergebracht, bekam jeder seine Ausrüstung: Eine fliegerblaue Ausgehuniform, eine graue, einfachere Arbeitsuniform für den täglichen Dienst sowie den sogenannten Drillich, eine Hose und Jacke aus grau-weißem Stoff, für Exerzierdienst und Dreckarbeiten.. Dazu Hemden, Unterwäsche, Socken, Schnürstiefel und Mantel. Ferner Koppel, Stahlhelm und Gasmaske. Schließlich erhielt jeder eine Erkennungsmarke aus Aluminium, die ständig um den Hals zu tragen war - zur Identifizierung der Leiche im Falle des Falles

Die Reichsleitung der Hitlerjugend wollte aus Propagandagründen, dass die Luftwaffenhelfer im öffentlichen Bewusstsein ihrer Organisation zugerechnet werden. So hatten wir im Gegensatz zum Militär an der Ausgehuniform die rot-weiß-rote Hakenkreuzarmbinde und an der Mütze die HJ-Raute zu tragen. Dies passte uns insofern garnicht, weil die Flak zur Luftwaffe, also zur Wehrmacht, gehörte und wir uns als Soldaten fühlten, deren Dienst wir ja auch übernehmen sollten. Die älteren Luftwaffenhelfer veranlassten uns deshalb, an der Mütze nicht die HJ-Raute, sondern den Luftwaffenadler zu befestigen, den die Soldaten trugen. Ebenso hatte es sich beim Ausgang in die Stadt, wöchentlich einmal einen Nachmittag und die Nacht bis zum nächsten Morgen, zunächst eingebürgert, die HJ-Armbinde nach Verlassen der Stellung abzustreifen und in die Tasche zu stecken. So fühlten wir uns ganz als Soldaten. Bald kam man jedoch auf diese Schliche und es wurde bei der Abmeldung stets geprüft, ob die Armbinde festgenäht war. Auch der Haarschnitt wurde kontrolliert, die Haare mussten "auf Zündholzlänge" geschnitten sein. Da der Batteriefriseur nicht immer verfügbar war, schnitten wir sie uns in unserer Not manchmal gegenseitig mit der Nagelschere selbst. Man kann sich vorstellen, wie!

Wir erhielten die normale Truppenverpflegung: Zum Frühstück Ersatzkaffee ('Negerschweiß' genannt), Kommissbrot, Margarine und Marmelade oder Kunsthonig, mittags warmes Essen und abends kalt, meist Brot, Margarine, Wurst oder Käse. Gemessen an den Kriegsverhältnissen war die Verpflegung ganz ordentlich. Das Mittagessen wurde gemeinsam im Speisesaal der großen Baracke eingenommen, Frühstück und Abendbrot in dem Wohnbaracken, in denen wir untergebracht waren, je nach Gegebenheiten sechs, zwölf oder auch mal sechzehn Mann auf einer Stube. Die Betten waren zweistöckig und mussten morgens sorgfältig "gebaut" werden: Strohsack und Kopfkissen aufschütteln, das Leintuch glattziehen, die bezogene Decke sorgfältig falten, über das Bett ziehen und mit möglichst scharfen Kanten um den Kopfkeil legen. Der "U.v.D." (Unteroffizier vom Dienst, der die tägliche Aufsicht hatte) riss beim Stuben-durchgang die Betten, die ihm nicht ordentlich genug schienen, wieder heraus. Natürlich mussten wir alles selber sauber halten, wozu jeden Tag ein anderer zum Stubendienst eingeteilt wurde. Auch Disziplinarstrafen gab es: Zusätzlichen Stubendienst, Küchendienst, Strafexerzieren, oder auch mal Ausgangssperre, wenn man besonders unangenehm aufgefallen war.

Um die Stuben etwas wohnlicher zu gestalten, schmückten wir sie mit Bildern aus. Dafür stand jedem die Wand über seinem Bett zur Verfügung. Bilder von nackten Mädchen, die einige von uns als besondere Attraktion anbrachten, wurden zwar von den Vorgesetzten toleriert, aber wir mussten mal schnell helfen, die Reißnägel zu entfernen, als ein Stubengenosse unversehens Besuch von seinen Eltern bekam.

Die ersten Wochen verbachten wir mit allgemeinem Exerzieren ("Fußdienst") und mit der Ausbildung an den Geschützen und Geräten, für die wir eingeteilt worden waren. Vormilitärisache Grundkenntnisse hatten wir schon vom Dienst bei der Hitlerjugend, der jeder seit dem 10. Lebensjahr angehörte. Kommandos wie "Antreten / Stillgestanden / Rechts um / Im Gleichschritt marsch / Rechts schwenkt marsch / Links schwenkt marsch / Im Laufschritt marsch marsch / Hinlegen / Auf marsch marsch / Ganze Abteilung halt / Wegtreten" usw., waren uns seit Jahren vertraut. Neu war aber die totale Einbindung in den mili-tärischen Betrieb rund um die Uhr. Dienst in der Hitlerjugend war ja nur einmal in der Woche und mitunter am Sonntag, ab jetzt kam man allenfalls einmal wöchentlich nachhause. Es gab praktisch keine Privatsphäre mehr.

Um die ständige Feuerbereitschaft der Batterie zu gewährleisten, gab es zwei Alarmstufen, die die friedlich klingenden Decknamen "Alpenrose" und "Edelweiß" trugen. "Alpenrose" wurde bereits gegeben, wenn Feindflugzeuge ins Reichsgebiet einflogen und anzunehmen war, dass sie den Luftraum München erreichen könnten. Dann wurde Ausgangssperre verhängt und jeder musste sich da, wo er gerade zu tun hatte, bereithalten. "Edelweiß" bedeutete die Herstellung der unmittelbaren Feuerbereitschaft, d.h., Geschütze und Geräte mussten besetzt werden. Auch diese Alarmstufe wurde immer noch einige Zeit vor dem allgemeinen Fliegeralarm für die Zivilbevölkerung ausgelöst.

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Wie funktioniert eine Flakbatterie?

Die Ausbildung an den Geschützen und Geräten war interessant. Es war unmöglich, mit den schweren Kanonen - sie schossen etwa 10 km hoch bzw. 15 km weit - einfach nach Augenmaß auf Flugzeuge zu schießen. Schon, wie weit man vor das Flugzeug zielen musste, damit es nicht längst vorbei war, bis das Geschoss oben angekommen war, war nicht zu schätzen, auch die Entfernung nicht, nach der es explodieren sollte - natürlich möglichst dicht am Flugzeug, um dieses zum Absturz zu bringen. Die ganzen Schießdaten wurden elektro-mechanisch errechnet. Bei sichtbaren Zielen durch das Kommandogerät: Drei Mann drehten und schwenkten das mit starken Ferngläsern ausgerüstete Gerät so, dass sie damit ständig das Ziel im Fadenkreuz hatten. Ein komplizierter Mechanismus, ähnlich einem Computer, errechnete alle nötigen Daten und gab sie über Kabel an die Geschütze weiter. War das Ziel nicht sichtbar (nachts oder bei bedecktem Himmel), geschah das gleiche durch das Radargerät.

An jedem Geschütz befanden sich für Seiten- und Höheneinstellung des Rohrs und für die Einstellung der Laufzeit des Geschosszünders Armaturen, ähnlich dem Tachometer eines Autos, in denen sich elektrisch gesteuerte Zeiger bewegten. Wir Luftwaffenhelfer mussten mit Handrädern einen zweiten Zeiger mit dem elektrisch gesteuerten stets in Übereinstimmung halten ("abdecken"). War dies überall exakt der Fall, dann zielten alle sechs Geschütze richtig, ohne dass die Kanoniere das Flugzeug überhaupt sehen mussten. Die Radargeräte waren damals noch störanfällig. Um auch dann schießen zu können, wenn das Gerät einmal ausgefallen war, bediente man sich des Geräts einer benachbarten Batterie. Dessen Daten mussten aber in einer Rechenstelle, der "Umwertung", mittels eines komplizierten Apparats auf den Standort der eigenen Batterie umgerechnet werden.

Dies war mein erster Dienstposten; später kam ich zur Bedienung der Zünderstellmaschine an ein Geschütz, eine schwere Fliegerabwehrkanone vom Kaliber 8,8 cm, mit 5 m langem Rohr. Fest auf einen Betonsockel montiert, konnte sie rundherum geschwenkt und bis 85 Grad hochgedreht werden. Das Gewicht des einzelnen Geschosses samt Treibladung betrug knapp 15 kg. Sie schoss, wenn es darauf ankam, zehnmal in der Minute.

Es war das gleiche Geschütz, das ich als Modell vor dem Krieg einmal zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Soldatenspielzeug war damals sehr populär. In den Auslagen der Spielwarengeswchäfte hatte man oft Schlachten aufgebaut, Panzer mit Uhrwerkantrieb durften wir in die Schule mitbringen und gegeneinander fahren lassen. Beim Kriegsspielen im Zimmer schossen wir mit Bleistiften, die getroffenen Soldaten fielen um und galten als tot. Natürlich kam uns dabei nicht in den Sinn, dass wir schon fünf Jahre später eine echte Kanone bedienen müssten.

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'Mosquitos' und die Katastrophe von Hamburg

In diesen Sommerwochen kamen nur hin und wieder bei Tag englische Mosquito -Aufklärer, mit Fotoapparaten ausgerüstete und für jene Zeit außerordentlich schnelle Flugzeuge, die bis zehntausend Meter hoch flogen und nicht beschossen werden durften. Der Munitionsverbrauch wäre im Verhältnis zum Erfolg viel zu groß gewesen. Was uns in diesen Wochen aber ganz besonders bewegte, waren die Berichte über eine Serie verheerender Luftangriffe auf Hamburg im Juli 1943. Da aus Rundfunk und Presse der Umfang der Verwüstungen nicht zu entnehmen war, kursierten die wildesten Gerüchte. Es war die Rede von hunderttausend Toten. Im Zuge der dienstlichen Unterweisungen erhielten wir jedoch Kenntnis von einigen besonderen Umständen dieser Angriffe. Erstmals hatten die Flugzeuge Unmengen kleiner Stanniolstreifen abgeworfen, die langsam zu Boden schwebten. Schlagartig waren dadurch sämtliche Radargeräte der Flak ausgefallen, weil ihre Funkimpulse nicht von den Flugzeugen, sondern von den Stanniolstreifen reflektiert wurden.

Angesichts dieser bedrückenden neuen Dimension des Luftkriegs jagte uns am 17. August 1943 während einer Feuerbereitschaft am hellichten Tag die Meldung "Hundert viermotorige Bomber im Anflug auf München" einen gelinden Schrecken ein. Eine solch gewaltige Zahl von Feindflugzeugen am Himmel hatte es bisher in Süddeutschland noch nicht gegeben - dass es ein Jahr später Tausende sein würden, ahnten wir damals noch nicht. Mit Erleichterung hörten wir deshalb die Durchsage, es handle sich um einen "Überführungsflug". Uns war nicht recht klar, was das bedeutete. Erst nach dem Krieg erfuhr ich, dass die Amerikaner ihren ersten Tagesangriff auf Rüstungsbetriebe tief im Süden des Reichs unternommen hatten, nämlich auf die Kugellagerwerke von Schweinfurt und die Messerschmitt-Flugzeugwerke in Regensburg. Ein Teil der in England gestarteten Flugzeuge flog dann nach Süden weiter, um in Nordafrika zu landen. Ein kühnes, aber auch riskantes Unternehmen. Von den 300 angreifenden Bombern, jeder mit etwa 10 Mann Besatzung, waren dabei immerhin 60 durch deutsche Jagdflugzeuge oder von der Flak abgeschossen worden.

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7. September 1943: Nächtliche Feuertaufe

Meine 'Feuertaufe' erhielt ich dann in der Nacht vom 7. auf 8. September 1943, kurz vor meinem 16. Geburtstag. Die schrillen Alarmglocken schreckten uns aus dem Schlaf hoch. Raus aus den Betten und schnell in die Kleider, war eins. Dann eilten wir auf unsere Gefechtsstationen. Da die Umwertung gerade überbesetzt war, wurde ich als "Flugmeldeposten" eingeteilt, um mit einem starken, auf ein Stativ montierten Fernglas den Himmel zu beobachten. Etwas abseits stand ich so, den Stahlhelm auf dem Kopf, auf einer Wiese. Eine Zeit lang war alles noch stockfinster und still. Dann hörte man von Milbertshofen her die Luftschutzsirenen heulen. Es wurde also tatsächlich mit einem Angriff auf München gerechnet.

Über den schwarzen Himmel huschten Scheinwerferstrahlen. Immer deutlicher vernahm ich dann das gleichmäßige Summen vieler Flugzeugmotoren. Plötzlich schrillten für Sekunden die Feuerglocken an unseren Geschützen, dann zeriss ein gewaltiger Donner die Luft. An den sechs Rohrmündungen zuckten gleichzeitig große, orangefarbene Feuerbälle auf. So ging es Schlag auf Schlag, etwa alle sechs bis zehn Sekunden. Dann Feuerpause, dann begann das Schießen von neuem. Am Himmel dagegen war nicht viel zu erkennen, lediglich das kurze Aufblitzen der detonierenden Granaten. Die Flugzeuge, unsichtbar im Dunkel der Nacht, wurden von unserem Funkmessgerät angepeilt.

Als die ersten Maschinen den Luftraum über der Stadt erreicht hatten, setzte dort ein Feuerzauber ein, den man, wäre die Situation nicht todernst gewesen, nur als phantastrisch hätte bezeichnen können. Leuchtbomben, abgeworfen an Fallschirmen, tauchten minutenlang den Raum über der Stadt in gleissendes weißes Licht. Dann fielen ganze Kaskaden von roten, gelben und grünen Leuchtkugeltrauben, im Volksmund "Christbäume" genannt, aus dem Dunkel und schwebten langsam herunter, abgeworfen von vorausfliegenden Maschinen ("Pfadfindern"), die für die nachfolgenden Bomberverbände das Zielgebiet markierten. Von meinem Standort aus, auf dem ich mich ungefährdet fühlte, da er weit außerhalb des Stadtgebiets lag, erinnerte mich der Anblick, den ich so zum erstenmal erlebte, ein wenig an die großen Feuerwerke, die ich als Kind vor dem Krieg beim Saar-Anschluss und am "Tag der Deutschen Kunst" in München gesehen hatte. Jetzt allerdings mischte sich in das Leuchten der 'Christbäume' am Himmel alsbald der Feuerschein der brennenden Häuser auf der Erde. Dunkelrot und schwarzbraun stiegen Qualmwolken empor. Zwischen dem Krachen der eigenen Schüsse, dem Bersten der Flakgranaten und dem Summen von hunderten von Flugzeugmotoren hoch über uns hörte ich immer wieder die dumpfen Detonationen von Sprengbomben. Flugzeuge konnte ich während des Angriffs dagegen nur ganz vereinzelt erkennen, wenn sie ins Scheinwerferlicht gerieten. Einmal schwebte im Strahlenkreuz zweier Scheinwerfer ein Mensch langsam am Fallschirm herab, Besatzungsmitglied eines abgeschossenen Bombers. Die Lichtbündel verfolgten ihn, bis er in Bodennähe wieder im Dunkel verschwand. Nach etwa einer Stunde war der Angriff zu Ende. Die Motoren-geräusche verstummten, das Schießen der Flak hörte auf. Dann gaben in der Stadt die Sirenen "Entwarnung", und schließlich durften auch wir wieder in die Betten. Nur der Feuerschein am Himmel über München blieb.

In den nächsten Tagen erhielten wir schichtweise Ausgang in die Stadt. Bei mir zuhause war gottseidank nichts passiert. In der Batterie wurden einige Zahlen über den Angriff bekanntgegeben. Es wurden etwa 300 angreifende Flugzeuge geschätzt. 17 davon waren abgeschossen worden, die Mehrzahl allerdings durch Nachtjäger, nicht durch die Flak. Dabei hatten die Batterien rings um München zusammen etwa 15.000 Granaten verschossen. Ein recht bescheidenes Ergebnis. Wir waren etwas enttäuscht.

Nach einer Statistik des Münchner Stadtarchivs (entnommen aus: Richard Bauer, Fliegeralarm - Luftangriffe auf München 1940-1945, Hugendubel-Verlag, München, 1987) wurden in der Nacht vom 7. auf 8. November etwa 150 Leuchtbomben, 70 schwere Luftminen, 300 Sprengbomben, 6.000 Phosphorkanister und 180.000 Stabbrandbomben abgeworfen. Es gab 208 Tote, 785 Verletzte und 17.600 Obdachlose in der Stadt.

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Alltag in der Batterie

Im Laufe des September gingen die Schulferien zu Ende und es sollte nun auch für uns in der Batterie eine Art Unterricht geben. Aber noch bevor es dazu kam, erhielten wir völlig überraschend den Befehl: Stellungswechsel! Alles musste schnell gehen, damit die Einsatzbereitschaft nicht zu lange unterbrochen war. Mit Lastwagen, auf denen unsere Munition gestapelt war, wurden wir samt Gepäck in eine einsame Gegend gefahren, an den "Arsch der Welt", wie wir bald sagten.

In "llach-West", so hieß unsere neue Stellung, gab es nicht einmal eine Wasser-leitung. Jedenfalls vorläufig musste das Wasser in einem pferdebespannten Tankwagen hergebracht und beim Verbrauch entsprechend gespart werden. In unseren Baracken hatten wir aus Gründen der Platzersparnis dreistöckige Betten. In das oberste hinaufzukommen, war etwas umständlich, aber dafür brauchte man sich dort mit dem Bau der Betten nicht so viel Mühe zu geben, sie waren nämlich von unten kaum einzusehen. Nach wie vor wurde von den Vorgesetzten viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit gelegt. Es gab Spind-, Kleider- und manchmal sogar Fußappelle, d.h., der U.v.D. sah nach, ob wir uns auch die Füße gewaschen hatten. Wenn wir zum Mittagessen angetreten waren, kontrollierte er manchmal die Fingernägel, und während er die erste Reihe abschritt, putzten wir uns in der zweiten und dritten mit der Gabel noch schnell den Dreck aus den Nägeln. Natürlich gab es unterschiedliche Vorgesetzte, sie kamen auch aus den verschiedensten Berufen, vom Bierfahrer bis zum Architekten. Manche waren großzügig, manche kleinlich, der eine oder andere auch schikanös. Militärischer Sprachgebrauch, Befehlston, Gehorsam und Unterordnung waren wir ja schon von der Hitlerjugend her gewöhnt, aber in der Soldatenwelt der Erwachsenen war alles noch ein wenig rauher. Bei dem engen Zusammenleben traten menschliche Eigenheiten und Schwächen bei Vorgesetzten wie Luftwaffenhelfern stärker hervor als im zivilen Leben.

Südlich unserer neuen Stellung lagen die Krauß-Maffei-Werke. Dieser große Rüstungsbetrieb produzierte hauptsächlich Panzer. Bei Fliegeralarm wurde deshalb die ganze Gegend künstlich eingenebelt. Alles lag dann unter einem weißen Schleier, der Augen, Nase und Rachen reizte. Wir sahen überhaupt nichts mehr und schossen nur nach den Zielangaben des Funkmessgeräts. Es fehlte gerade noch, dass wir die Gasmaske hätten aufsetzen müssen. Aber als giftig galten die Dämpfe nicht, und wir haben es ertragen.

Jeden Vormittag hatten wir unseren spärlichen Schulunterricht. Mathematik und Physik gab ein ganz freundlicher Unteroffizier, Latein und Deutsch ein Studienrat, der jeden Morgen aus der Stadt herausgeradelt kam. Er war nicht sehr beliegt, weil er wenig Verständnis für unsere dienstliche Situation nach dem Unterricht aufbrachte. Es war ja nicht so, dass wir danach etwa frei gehabt hätten, sondern der restliche Tag war ausgefüllt mit Geschützexerzieren, theoretischem Flakunterricht, Einölen der Munition, Küchendienst, Stubendienst, bis hin zum Kleiderreinigen, Stiefelputzen und Sockenstopfen, was ich so nebenbei lernte. Es gab also immer etwas zu tun und für "Hausaufgaben" blieb kaum Zeit und noch weniger Lust. Bei Feuerbereitschaft wurde der Unterricht natürlich sofort abgebrochen und wir liefen eilends auf unsere Posten. Besonders freuten wir uns, wenn dadurch eine Schulaufgabe durchkreuzt wurde.

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Weihnachten und Winterdienst

In den nächsten Monaten gab es zwar noch viele Alarme, aber nur wenige Angriffe. Insgesamt wurde 1943 in München 137 mal Fliegeralarm gegeben, was fast immer mit Unterbrechung der Nachtruhe verbunden war, es erfolgten jedoch nur sechs Luftangriffe auf die Stadt.

Zu Weihnachten bekam jede Stube ihren Christbaum, ein großer befand sich im Speisesaal. Von daheim brachten wir Gebäck und, soweit verfügbar, alkoholische Getränke mit. Zur offiziellen Weihnachtsfeier gab es besonders gutes Essen, gesungen wurde auf Anordnung eines Leutnants allerdings nicht "Stille Nacht, heilige Nacht", weil das zu christlich war, sondern das Lied "Hohe Nacht der klaren Sterne". Anschließend feierten wir auf unseren Stuben weiter, wobei es schon vorkam, dass einer von den Getränken zu viel erwischte. Immerhin blieb uns in dieser Nacht der Fliegeralarm erspart.

Im Übrigen war der Dienst im Winter nicht besonders angenehm. In den Stuben standen zwar große eiserne Öfen, aber unsere Tätigkeit spielte sich weitgehend im Freien ab; es lag Schnee und zeitweise war es bitterkalt. Für eine gewisse Abwechslung sorgte der theoretische Flakunterricht (Ballistik), und der 'Flugzeugerkennungsdienst'. Anhand von Bildmaterial und Modellen wurden wir über die technischen Details sämtlicher Flugzeugtypen eingehend instruiert und konnten sie fast im Schlaf aufsagen. Als deutscher Flugzeugtyp neu war für uns 1943 die He 177, ein Flugzeug von der Größe eines viermotrigen ameri-kanischen Bombers. Es sollte der deutsche Fernbomber werden und uns wurde gesagt, dass es sich bei einem Rekordflug 65 Stunden lang in der Luft gehalten habe. Wir dachten, vielleicht könne man damit sogar einmal New York angreifen. Allerdings stellte sich bald heraus, dass er wegen technischer Mängel leicht in Brand geriet und wir beobachteten selbst einmal den Absturz so einer He 177. Sie bekam deshalb bald den Spitznamen "Reichsfeuerzeug".

Schließlich gab es noch die Truppenbetreuung. Hin und wieder eine Film-vorführung, mal eine Art Varieté, mal ein bunter Abend, den wir Luftwaffen-helfer mit Liedern und Sketchen selbst bestritten, und zweimal kam auch ein Propagandaredner der NSDAP, der uns über die "Neuordnung Europas unter dem Nationalsozialismus" aufklärte. Auf den Stuben führten wir Gespräche und erörterten auch Zukunftspläne.. Eine Zeit lang hatte ich die Vorstellung, über ein Jura-Studium einmal in den diplomatischen Dienst zu kommen. Ich zog Erkundigungen ein, ob es dazu wohl erforderlich wäre, Reserveoffizier zu sein, und wandte mich deshalb an eine mir bekannte Dame im Auswärtigen Amt in Berlin. Sie schrieb mir, Offizier sei zwar sicher eine gute, aber keine zwingende Voraussetzung, "unser Führer ist ja schließlich auch nur Gefreiter gewesen". Auch über das Thema "Frauen" wurde natürlich gesprochen. Einige von uns hatten die Absicht, Medizin zu studieren und hielten speziell den Beruf des Frauenarztes für erstrebenswert. Sie wussten über alles schon besonders gut Bescheid. Ein Stubenkamerad berichtete uns eines Tages von einem Bordellbesuch in München, und was er da so alles erlebt hatte. Wir standen neugierig um ihn herum, schließlich kannten wir das nur vom Hörensagen.

Im Februar 1944 musste ich wegen Schluckbeschwerden zur Untersuchung auf das Krankenrevier der Luftwaffe. Dort stellte sich heraus, dass ich Diphterie-bazillenträger war. Sofort wurde ich deshalb in ein Seuchenlazarett verlegt. Ich gab meine Uniform ab, durfte heiß duschen, was in der Batterie ja nie möglich war, und wurde von freundlichen Rot-Kreuz-Schwestern in einen großen Saal geführt, in dem zwar zahlreiche Kranke in ihren Betten lagen, aber eine angenehme, gedämpfte Atmosphäre herrschte. Ich bekam mein eigenes, schnee-weiß bezogenes Bett und außerdem vorzügliches Essen mit Dingen, die es schon lange nicht mehr gegeben hatte. Im Vergleich zu dem rauhen Dienstbetrieb fühlte ich mich für einige Wochen fast wie im Paradies. Anschließend bekam ich zu meiner Verwunderung sogar noch 16 Tage Genesungsurlaub und dazu einen sogenannten Wehrmachtsfahrschein, d.h. freie Bahnfahrt, wohin ich wollte. Ich entschied mich für Hamburg und Rendsburg in Schleswig-Holstein, das ich von einem Ferien-Aufenthalt vor dem Krieg in schöner Erinnerung hatte. Hamburg jedoch machte auf mich einen niederschmetternden Eindruck. Ich war ja wegen der verheerenden Luftangriffe des Sommers 1943 auf einiges gefasst, aber es war doch erschreckend und gespenstisch, kilometerweit nichts als ausgebrannte oder eingestürzte Häuser, Schutthalden und Ruinen zu sehen, der einst so belebte Hafen öde und leer.

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Makabre Eindrücke

In der Nacht vom 24. auf den 25. April flogen die Engländer wieder einen schweren Luftangriff auf München. Es fielen etwa 80 Sprengbomben, 25.000 Phosphorbomben und 550.000 Stabbrandbomben. 139 Tote, 500 Verletze und 70.000 Obdachlose waren die Folge. Diesmal sah ich von dem Angriff überhaupt nichts, weil die ganze Gegend vernebelt war. Wir schossen nach den Ziel-angaben des Funkmessgeräts.

Plötzlich vernahmen wir dicht über unseren Köpfen ein dröhnendes Orgeln von Flugzeugmotoren und kurz darauf, ganz in der Nähe, zwei schwere Detonationen. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass ein offenbar angeschossener englischer Bomber im Tiefflug über unsere Stellung gebraust, auf einem Acker niedergegangen und dabei explodiert war. Möglicherweise hatte er seine Bombenladung noch an Bord gehabt.

Zusammen mit einigen Kameraden wurde ich beauftragt, an der Absturzstelle die Bordmunition des Flugzeugs einzusammeln. Den ganzen Vormittag durch-streiften wir die Gegend, ein riesiges Trümmerfeld. Große Flugzeugteile fanden wir überhaupt nicht mehr. Die Explosionen hatten alles zerfetzt. Aber verstreut zwischen den Aluminiumteilen lagen Tausende von Patronen einzeln oder noch am Gurt. Diese schweren Bomber waren ja mit zahlreichen Maschinengewehren bewaffnet. Tote fanden wir dagegen nicht. So eine Maschine hatte acht Mann Besatzung. Ich weiß nicht, ob welche mit dem Fallschirm hatten abspringen können oder ob, bevor wir eintrafen, schon Leichen abtransportiert worden waren. Aber immer wieder entdeckten wir kleinere Leichenteile zwischen den Trümmern. Am Griff eines Maschinengewehrs hing eine abgerissene Hand. Meistens war aber nicht erkennbar, von welchem Körperteil die Fleischfetzen stammten. Mitunter hatten sie sich mit den Metallteilen so ineinander verwickelt, dass sie kaum zu trennen waren. Dabei stellten wir fest, dass das menschliche Fleisch mit Haut und Sehnen recht widerstandsfähig ist und nicht so leicht reißt.

Beim anschließenden Mittagessen kam ich im Speisesaal zwei Vorgessetzten gegenüber zu sitzen und hörte ihre Gespräche. Auch sie unterhielten sich über ihre Eindrücke an der Absturzstelle des Bombers. "Man möchte garnicht glauben, was Menschenfleisch doch für eine zähe Materie ist", sagte der eine, während er mit der Kelle in der Suppenschüssel nach der Fleischeinlage suchte. "Wenn man sich vorstellt, dass da so eine Hand auftaucht" erwiderte der andere. So blieb mir dieser Luftangriff in jeder Hinsicht in höchst makaberer Erinnerung.

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Stellungswechsel nach Obergrashof

Kurz darauf machten wir erneut Stellungswechsel, und zwar in die Gegend südlich der B 471 zwischen Dachau und Schleißheim. Die Landschaft war reizvoll: Ein Bach floss hindurch, in dem wir bald baden konnten, ringsum Fichten- und Birkenwäldchen. Daneben lag noch eine zweite Flakstellung, zusammen bildeten wir die Großbatterie Obergrashof. Im Süden sahen wir die Silhouette von München mit dem Gaskessel und den Frauentürmen. Zu meiner Freude war ich zwischenzeitlich weg von der Umwertung zu einer Geschütz-bedienung versetzt worden. Das war viel interessanter und der Winter war ja vorbei.

Die Stellung war noch im Aufbau. Die zwei Meter hohen Erdwälle um die Geschütze mussten wir zur Tarnung mit Graswasen abdecken. Die Krone des Walls wurde ganz schmal gehalten, um sie schnell abtragen zu können. Es hieß, wenn wir bei inneren Unruhen von den Insassen des nahegelegenen KZ Dachau angegriffen würden, müssten wir dorthin die Möglichkeit zum direkten Beschuss haben. Wir waren damals der Meinung, im KZ wären Kriminelle sowie politische Umstürzler inhaftiert, also Leute, die, zumal im Krieg, eine Gefahr für das Reich und die öffentliche Sicherheit darstellten. Manchmal sahen wir Häftlingstrupps, die in der Umgebung von Dachau beim Straßenbau eingesetzt waren, in ihren gestreiften Anzügen. Wir, die wir im "Dritten Reich" auf-gewachsen waren, betrachteten damals das KZ als legale Einrichtung zum Strafvollzug oder zur Sicherungsverwahrung. Von den Greueln, die dort geschahen, berichtete uns niemand etwas.

Unser Batterichef war wieder der gleiche Oberleutnant, knapp 30 Jahre alt, der die Batterie schon am Hasenbergl geleitet hatte und zwischenzeitlich an die Ostfront abkommandiert gewesen war. Wegen seiner Strenge war er unbeliebt und fiel auch durch rüden Umgangston unangenehm auf.

Dagegen hatte ich einen recht freundlichen Wachtmeister als Geschützführer. Außer ihm gehörten zur Bedienung der Kanone ein erwachsener Soldat, drei Luftwaffenhelfer unf zwei russische Kriegsgefangene. Von den Luftwaffenhelfern hatte einer das Geschütz der Höhe nach einzustellen, einer hatte es seitlich zu schwenken und ich musste die Zünderstellmaschine bedienen, in die von einem Russen die Geschosse hineingestellt wurden. Mittels einer Kurbel hatte ich die Maschine in Gang zu halten, mit deren Hilfe der Zünder an der Spitze der Granate laufend gedreht wurde. Mit der anderen Hand musste ich in einer Armatur einen Zeiger stets mit dem vom Kommandogerät aus gesteuerten Zeiger in Ünbereinstimmung halten. So übertraug sich die aktuelle Messung fort-während auf den Zünder der Granate, bis diese ins Rohr geschoben und abgefeuert wurde. Da meine Aufgabe höchste Konzentration erforderte, hatte ich als einziger einen Sitz, der stets mit dem Geschütz geschwenkt wurde. Mit diesem Posten war ich sehr zufrieden.

Der erwachsene Soldat hatte die körperlich schwerste Arbeit zu verrichten, nämlich jeweils auf Kommando das einschließlich Kartusche knapp 15 kg schwere Geschoss aus der Zünderstellmaschine zu heben, ins Rohr zu schieben und abzufeuern. Dies musste exakt innerhalb von drei Sekunden geschehen - solange schrillte jeweils die Feuerglocke, die vom Feuerleitoffizier zentral betätigt wurde. Auf diese Weise schossen alle sechs Geschütze der Batterie gleichzeitig und erzeugten einen einzigen gewaltigen Knall. Bei schneller Schussfolge - etwa alle sechs Sekunden - erforderte dies vom Ladekanonier erhebliche Kraft im rechten Arm. Nur wenige Luftwaffenhelfer schafften das mit ihren sechzehn Jahren. Die Russen schließlich hatten die Geschosse aus den Munitionsbunkern herbeizutragen. Sie trugen noch ihre eigenen Uniformen und Stahlhelme.

Außer beim Dienst am Geschütz hatten wir mit den Russen kaum Kontakt. Sie wohnten in eigenen Baracken und bekamen offenbar schlechtere Verpflegung. Sie tauschten nämlich bei uns manchmal Brot gegen selbst gebasteltes Spielzeug ein. Eigentlich war dies verboten. Einmal maßregelte unser Chef die Batterie, weil er bei einer Kontrolle der Russenbaracken zwei Brotwecken gefunden hatte, wie sie nur in den Bäckereien der Stadt hergestellt wurden. Wir hatten ja das unverwechselbare Kommissbrot. Die Wecken mussten also von Luftwaffen-helfern beim Ausgang von zuhause mitgebracht und an die Russen vertauscht worden sein. Der Batteriechef nahm sie ihnen wieder ab. Wir hielten das für ungerecht, konnten aber nichts machen.

Er geriet später an der Ostfront in russische Kriegsgefangenschaft, musste zwei Jahre im Bergwerk arbeiten und wurde mit schweren Gesundheitsschäden entlassen. Ich traf ihn während meines Studiums wieder. Da war der einst Gefürchtete ein ganz schlichter, freundlicher Studienkollege, der einen nicht mehr, wie früher manchmal, mit "sie Scheißhaus", sondern mit "Kamerad" ansprach. Wie sehr Befehlsgewalt und Macht über andere einen Menschen doch hatten verändern können. Unser Chef war allerdings dafür nur ein harmloses Beispiel. Aber ich bin sicher, während seiner Gefangenschaft hätte er wohl unendlich gerne die beiden Brotwecken gehabt, die er damals unseren Russen abgenommen hat.

Anfang Juni 1944 starb mein Großvater Philipp Aschauer in Fürstenfeldbruck, wo er sich nach dem Ersten Weltkrieg als pensionierter General niedergelassen hatte. Zur Beerdigung bekam ich einen Tag dienstfrei. Auf dem alten Brucker Friedhof fand ein großes Begräbnis statt mit vielen Würdenträgern unter den Trauergästen, ausgenommen solche der NSDAP. Mit denen hatte er sich nicht verstanden. Er war kein Nazi, sondern kaisertreu, und hatte sich gewünscht, dass auf seinen Sarg nicht die Hakenkreuzfahne, sondern die kaiserliche, schwarz-weiß-roteReichskriegsflagge gelegt werde. Aber das wäre natürlich eine Provokation gewesen, und meine Großmutter ließ die Flagge deshalb nicht auf, sondern in den Sarg legen. Mich ärgerte dies, und ich schob über meine rot-weiß-rote Armbinde den Trauerflor so, dass daraus Schwarz-weiß-rot wurde. Über dem Grab schoss eine Ehrenformation des Fliegerhorsts Salut. Einer der Schützen, das entging mir nicht, hatte Ladehemmung und tat nur so als ob.

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Glück gehabt!

Auf der Rückfahrt nach Obergrashof machte ich mit dem Rad einen kleinen Umweg über unsere ehemalige Stellung in Allach-West. Ich wollte einfach einmal sehen, was dort nun war. Die Gegend war wieder völlig einsam, die Baracken abgebaut, die Geschützstände leer. Aber rings herum, mitten in der verlassenen Stellung, fand ich zahlreiche mächtige Bombentrichter. Und ich traute meinen Augen nicht, als ich mich dem ehemaligen Standort meiner kleinen Umwertungs-baracke näherte. Eine Bombe hatte direkt den Wall getroffen und dort einen riesigen Krater hinterlassen. Wäre unsere Einheit nicht kurz zuvor verlegt worden, diesen Einschlag hätte ich nicht überlebt. Die Detonation hätte mit Sicherheit die gesamte Bedienungsmannschaft vernichtet.

Es sind tatsächlich häufig Flakstellungen angegriffen worden und dabei zahlreiche Luftwaffenhelfer ums Leben gekommen, so z.B. bei einem einzigen Luftangriff auf die Insel Helgoland allein sechzig. In München-Pasing, so erfuhren wir gerüchteweise, hatte es in der Batterie "Gleisdreieck" durch Bombenvolltreffer Tote gegeben. Natürlich wurden im Krieg darüber keine Angaben gemacht; das NS-Regime wollte den faktischen Kriegseinsatz von Jugendlichen nicht ins öffentliche Bewusstsein rücken. Deshalb gibt es auch kaum Dokumentarfilme über den Einsatz der Luftwaffenhelfer im Zweiten Weltkrieg.

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Juli 1944: Inferno über München - Die Amerikaner kommen bei Tag

Am 6. Juni erfolgte in der Normandie die lange erwartete Invasion der Alliierten, 14 Tage später begann der Beschuss Englands mit der "Vergeltungswaffe" V 1. Wir waren der Ansicht, dass der Krieg in sein entscheidendes Stadium getreten sei und verfolgten die Ereignisse mit höchster Aufmerksamkeit. Das Leben in unserer Flakbatterie ging jedoch, davon scheinbar unberührt, weiterhin seinen gewohnten Gang, mit spärlichem Schulunterricht, viel Geschützexerzieren und dem sonst üblichen Routinedienst. Fast jeden Tag und jede Nacht gab es Feuerbereitschaft, denn feindliche Flugzeuge befanden sich laufend über dem Reichsgebiet und dehnten ihre Aktionen zunehmend nach Süden aus. Auf diese Weise wurden wir ganz schön in Trab gehalten. Freilich war längst nicht in jedem Fall München das Ziel der Flieger.

Bisher hatten wir nur nächtliche Luftangriffe der Engländer erlebt. Wir wussten aber, dass sich die Alliierten ihre Aufgabe, Deutschland "rund um die Uhr" zu bombardieren, geteilt hatten: Die Engländer nachts, die Amerikaner bei Tag. Während die englischen Bober leichter bewaffnet waren und dafür eine größere Bombenlast trugen, waren die bei Tag wesentlich stärker gefährdeten ameri-kanischen Maschinen mit zwölf schweren Maschinengewehren außerordentlich stark bewaffnet. Sie flogen zudem unter dem Schutz zahlreicher eigener Jagdflugzeuge, so dass es für deutsche Jagdflieger äußerst schwierig und riskant war, sie anzugreifen.

Am 9. und am 13. Juni 1944 flogen die Amerikaner erstmals am hellichten Tag zwei schwere Luftangriffe auf München, denen im Juli eine Serie von sieben weiteren schwersten Angriffen folgte. Sie bildeten den Höhepunkt meines Einsatzes als Luftwaffenhelfer.

Der Alarm kam jedesmal während des Unterrichts. Wir stürzten sofort an die Geschütze, um dann dort zunächst noch zu warten. Dann tauchten im Norden am strahlend blauen Himmel die weißen Kondensstreifen der ersten Bomber-pulks auf. Wegen der großen Flughöhe von sechs- bis achttausend Metern sahen wir die großen viermotorigen Maschinen nur als winzige, in der Sonne silbern glitzernde Punkte. Aber ihre Zahl wuchs unaufhörlich. Ein Pulk nach dem anderen, jeder etwa 20 Flugzeuge stark, schob sich langsam über den Horizont empor. Zunächst sammelten sie sich außerhalb der Reichweite unserer Flak, dann begann in breiter Front der Anflug auf die Stadt.

Wir eröffneten das Feuer und schossen Salve auf Salve (damals "Gruppe" genannt). Es zeigte sich schnell, dass es ein Unterschied war, ob man während des Schießens hundert Meter entfernt in der Umwertungsbaracke saß oder dicht neben dem Rohr. Jeder Abschuss verursachte einen ohrenbetäubenden Knall und auf meinem Sitz eine gewaltige Erschütterung. Die Zeiger in der Armatur meiner Zünderstellmaschine gerieten in heftigste Pendelbewegungen und es war nicht leicht, sie exakt einzustellen. Nach jedem Angriff war ich eine Zeit lang fast taub. Doch daran gewöhnte ich mich und schließlich vermittelte das Schießen auch das Gefühl, dass wir nicht ganz wehrlos waren.

Während des Schießens hatte ich keine Möglichkeit, die Wirkung oben zu beobachten. Durch die permanente Anspannung, den Blick auf die Armaturen gerichtet, kam auch keine Angst auf. Es wundert mich noch heute, dass anscheinend nie jemand von den zahllosen herabschwirrenden Granatsplittern getroffen wurde. Der Himmel war nämlich - das zeigte ein kurzer Blick nach oben - schwarz von den Sprengwolken der Flak zwischen den weißen Kondens-streifen der Flugzeuge. Der Stahlhelm hätte einen Splitter vielleicht ausgehalten, aber der übrige Körper war ungeschützt.

In einer Feuerpause bemerkte ich über Schleißheim drei im Tiefflug heran-brausende Jagdflugzeuge. Ich hörte das Knattern ihrer Maschinengewehre und sah, wie plötzlich die mittlere Maschine abstürzte. Die beiden anderen nahmen direkt Kurs auf unsere Stellung, wahnsinnig niedrig, vielleicht dreißig Meter hoch, amerikanische Jäger vom Typ "Mustang". Aber sie brausten, ohne einen Schuss abzugeben, dicht über unsere Köpfe hinweg. Vermutlich haben sie uns in der Aufregung garnicht bemerkt. Am nächsten Tag erfuhren wir nämlich, dass die abgestürzte Maschine eine deutsche FW 190 gewesen war. Sie hatte den einen Amerikaner verfolgt und war dabei selbst von dem anderen gejagt und abgeschossen worden. Über die menschlichen Schicksale, die sich hinter diesem mehr technischen Ablauf verbargen, dachten wir damals freilich nicht nach. Unser Chef hatte für die Batterie neun Abschüsse gemeldet; wir waren schon froh, dass er diesen nicht für uns reklamiert hatte.

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Wiederholt sich die Katastrophe von Hamburg?

Beim nächsten Angriff, am 11. Juli 1944, glaubte ich noch, es sei auch nur wieder ein einzelner wie die vorangegangenen, aber als die Amerikaner am 12., 13., 16., 19. und 21. Juli und dann nochmals am 31. Juli wiederkamen, war für mich klar, dass München das gleiche Schicksal erleiden würde wie Hamburg vor einem Jahr. Die Zahl der angreifenden Bomber lag bei den ersten beiden Angriffen jeweils über 1.000, bei den übrigen zwischen 200 und 600.

Es dauerte stets etwa ein bis zwei Stunden, bis alle die Stadt überflogen hatten. Wir verschossen mehrmals unsere ganze Munition - pro Geschütz bis zu 300 Schuss - bekamen aber auf Lastwagen immer wieder Nachschub. Am 12.7. verschoss die Batterie 1.800 Schuss, bei den sieben Juliangriffen insgesamt 7.635 Schuss, wie mein Freund in einem Tagebuch notierte. Rings um München standen vielleicht zwanzig Flakbatterien; man kann sich den ungeheuren Munitionsverbrauch vorstellen und auch das "Stahlgewitter", das allein schon in Form von Flaksplittern herniederging. Genaue Abschusszahlen wurden uns damals nicht bekanntgegeben, aber heute weiß ich, dass bei den sieben Juli-Angriffen insgesamt 106 Bomber abgeschossen wurden und weitere 36 schwer beschädigt in der Schweiz notgelandet sind. Nicht viel, wenn man die ungeheure Zahl von Flugzeugen am Himmel bedenkt, aber doch ein Ausfall von 10 Mann pro Maschine, also von etwa 1.400 Mann fliegenden Personals der US Air Force (vergl. Irmtraud Permooser, Der Luftkrieg über München 1942-1945, Aviatic-Verlag 1997).

In einer Feuerpause konnte ich einmal mitverfolgen, wie in etwa 1000 Meter Entfernung ein schwerer "Bombenteppich" - ein Massenabwurf von Spreng-bomben - niederging. In Sekundenschnelle schoss von links nach rechts eine Wand von riesigen schwarzgrauen Rauchpilzen empor, begleitet von dröhnendem Gepolter, wie wenn man einen Sack Kartoffeln auf eine Trommel schütten würde. Dieser Wurf war wohl uns zugedacht. Hätte der Bombenschütze einige Sekunden früher aufs Knöpfchen gedrückt, wir wären wohl umgepflügt worden. Später zählte ich an der Einschlagstelle 35 große Bombentrichter in der grünen Wiese.

Einmal wimmelte der Himmel über uns von grauen Punkten. Wir konnten uns zunächst nicht erklären, was das war. Die Wolke senkte sich langsam, lautlos und unheimlich auf uns herab. Da wurde über die Sprechanlage durchgesagt: "Flugblätter, Flugblätter". Kurze Zeit später regneten sie zu Abertausenden auf uns herab und wir fanden sie später überall in den Wiesen und Wäldern rings umher. Es waren kleine Zeitungen aus wasserfestem Papier mit Berichten über die Lage an den Fronten aus alliierter Sicht. In den nächsten Tagen mussten wir sie einsammeln und abliefern. Solche Flugblätter weiterzugeben, wäre "Wehr-kraftzersetzung" und damit lebensgefährlich gewesen. Eins hob ich mir heimlich auf und besitze es noch heute. Liegenlassen durften wir dagegen die millionen-fach herumliegenden Stanniolstreifen, die abgeworfen wurden, um unsere Radargeräte zu stören.

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Diskussion um tote US-Flieger

Neben unserer Stellung stürzte eine B 17 ("Fliegende Festung") auf eine Waldlichtung. Im Lärm des Angriffs hatten wir das garnicht bemerkt. Aus dem Wrack wurden zwei tote Flieger geborgen, die übrigen waren wohl mit dem Fallschirm abgesprungen. Die beiden Amerikaner waren vielleicht zwanzig Jahre alt, es waren die ersten Kriegstoten, die ich sah. Sie lagen ganz friedlich und scheinbar unverletzt im Gras. Jedenfalls sahen wir weder Wunden noch Blut. Ihre Fallschirme hatten sie offenbar nicht angeschnallt gehabt, dagegen trugen sie, was wir mit großem Interesse feststellten, Leinenwesten mit ein-genähten Panzerlamellen zum Schutz gegen Flaksplitter. Sodann untersuchten wir Dosen mit Notverpflegung und energiespendenden Medikamenten, welche die Flieger bei sich trugen. Ich hatte damals die Vorstellung, dass sie, im Gegensatz etwa zu Infanteristen im Erdkampf, einen verhältnismäßig bequemen Dienst hätten. In Wirklichkeit waren es ungeheuer harte Einsätze: Acht Stunden Flug oder länger, in Höhen bis 8.000 Meter, ständig unter der Sauerstoffmaske, bei Temparaturen von minus 20 Grad. Die B 17 besaß noch keine Druckkabine und mit Ausnahme der beiden Pilotensitze auch keine Heizung. Durch die Öffnungen für die Bordwaffen pfiff der Fahrtwind.

Als wir so um die Toten herumstanden, entspann sich eine kurze Debatte. Einer sagte, man dürfe mit ihnen kein Mitleid haben, weil sie ihre Bomben auf die Zivilbevölkerung abwerfen würden. In Presse und Rundfunk war in der üblichen NS-Terminologie auch stets von "Terrorangriffen" und "Terrorfliegern" die Rede. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es auf diese Äußerung eine entsprechende Resonanz gegeben hätte. Hassgefühle kamen bei mir nicht auf und ich konnte sie auch sonst nirgends wahrnehmen. Ich war der Auffassung, dass es sich um Soldaten handelte, die eben ihren Auftrag ausführten, und dass deutsche Flieger in England oder Russland ebenso tot daliegen konnten wie hier diese beiden Amerikaner.

Eingehend besichtigten wir dann die Trümmer der abgestürzten Fliegenden Festung. Im Gegensatz zu dem englischen Bomber vom 24. April war sie nicht in tausend Fetzen zerrissen, sondern lag noch im ganzen da, wenn auch total demoliert. Ein mächtiger Haufen verbogenen Aluminiums. Ich fotographierte das Wrack mit meiner Box. Unser Waffenwart baute ein unversehrt gebliebenes Maschinengewehr aus und montierte es auf einen Pfahl, zur Abwehr von Tieffliegern. Munition dafür fanden wir genug.

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Ausgebombt

Dann bekam ich Ausgang nach München. Ich war natürlich begierig, zu erfahren, was zuhause los war. Mit dem Fahrrad in der Stadt angekommen, stieg meine Spannung, als ich am Schwabinger Krankenhaus vorbei in Richtung unseres Wohnblocks fuhr. Auf den ersten Blick sah ich dann, dass das Dachgeschoss und der vierte Stock, in dem sich unsere Wohnung befunden hatte, nur noch aus rußgeschwärzten Trümmern bestand. Ausgebrannt. Nachdem ich immer zuversichtlich gewesen war, es werde uns schon nichts passieren, schien mir der Anblick im ersten Augenblick fast unwirklich. Unten im Hof traf ich dann Bewohner unseres Hauses bei ihren Möbeln, die sie aus den tiefer gelegenen, mehr oder weniger beschädigten Wohnungen herunter getragen hatten, und schließlich auch meine Eltern. Sie waren unverletzt und sehr gefasst, meine Mutter sagte nur: "Unsere schöne Wohnung!" Hausbewohner "kondolierten" mir zu dem Verlust. Mich berührte dieser aber garnicht mehr so sehr, weil ich ja bereits seit einem Jahr von zuhause weg war und sich für mich keine unmittelbare Änderung der Lebensverhältnisse ergab. Und einige Dinge, die mir besonders wertvoll waren, hatte ich schon vorsorglich nach Fürstenfeldbruck ausgelagert.

Ich stieg die bis zum dritten Stock noch begehbare Treppe empor und kletterte dort durch die Räume. Sie hatten keine Decke mehr, der Boden sowie die Möbel, die noch darin standen, waren über und über mit Schutt bedeckt, der vom vierten Stock heruntergefallen war. Aus unserer Wohnung fand ich nur noch einige verglühte Kochtöpfe und Bestecke. Suchen war zwecklos.

Mein Vater schilderte dann, was sich bei dem Luftangriff ereignet hatte. Ein Phosphorkanister war ins Dach eingeschlagen und auf dem Speicherboden liegengeblieben. Der Dachstuhl hatte sofort Feuer gefangen. Dieses wurde zwar von den Hausbewohnern bemerkt und man versuchte während einer Angriffspause, mit Wassereimern und Handspritzen zu löschen. Die Arbeiten wurden durch Wäsche behindert, die zum Trocknen aufgehängt war. Dann wurde die Hitze so stark, dass man an den Brandherd nicht mehr herankam. Schließlich nahte die nächste Bomberwelle, und die Frauen holten die Männer wieder in den Keller. Als der Angriff dann zu Ende war, hatte sich das Feuer bereits so weit ausgebreitet, dass es zum Löschen zu spät war.

Ein Rundgang durch Schwabing bot ein Bild der Verwüstung. Rauch, Ruinen, Schutt und Trümmer überall. Viele Häuserblocks qualmten noch, manche waren bis zum Erdgeschoss hinunter ausgebrannt oder durch Sprengbomben zum Einsturz gebracht. Ich suchte meine Münchner Großeltern auf. Auch sie hatten den Angriff überlebt. Ihre Erdgeschosswohnung war nur wenig beschädigt, aber darüber war der Block so weitgehend zerstört, dass er ganz geräumt werden musste. Wenigstens konnten sie so ihren Hausrat retten. Vor dem Hauseingang klaffte ein Bombenkrater. Es muss für die Insassen des Luftschutzkellers wenige Meter daneben einen fürchterlichen Schock gegeben haben, als die Bombe dort einschlug. In der Einfahrt zum Hof lagen einige Leichen, offenbar erst jetzt aus den Trümmern geborgen.

Auch die Wohnungen einiger Klassenkameraden fand ich zerstört. In einem Fall wurde ein Einfamilienhaus durch einen Volltreffer praktisch halbiert; die Bombe schlug bis in den Keller durch. Die 16-jährige Schwester eines meiner Stubengenossen wurde dabei getötet. Über allem lag ein beißender Geruch nach Brand und Phosphor und eine mächtige Rauchschicht verfinsterte den Himmel.

Dann war die Ausgangszeit um. Ich ging ganz gern wieder in die Batterie zurück. Meine Eltern, mein Bruder und meine Münchner Großeltern übersiedelten nach Fürstenfeldbruck, erstere in das Haus meiner Brucker Großeltern in der Polzstraße, letztere zur Familie Buck, mit der sie von früher her befreundet waren, in der Münchner Straße. So war, bei allem Pech, doch niemand von uns obdachlos geworden.

Nach Zahlen aus dem Münchner Stadtarchiv fielen bei den sieben Luftangriffen im Juli 1944 etwa 27.000 Sprengbomben, 80.000 Phosphorbomben und 1,4 Millionen Stabbrandbomben. An Opfern in der Stadt hatten sie 2.000 Tote, 5.000 Verletzte und 220.000 Obdachlose gefordert. Das volle Ausmaß der Verwüstung erfasste ich erst nach dem Krieg, als ich wieder Gelegenheit hatte, mich in der ganzen Stadt umzusehen. Insgesamt hatte München 6.000 Tote durch Luftangriffe; mehr als die Hälfte der Stadt war zerstört. Längst sieht man keine Spuren mehr davon. Aber das Bild dieser Julitage, der Himmel von Horizont zu Horizont überzogen von den Kondensstreifen mit den silbernen Flugzeugen an der Spitze, dazwischen die schwarzten Sprengwolken der Flak, und über München eine gewaltige Wolke von Staub, Qualm und Rauch, wird mir immer in Erinnerung bleiben.

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Entlassung und Schnaufpause

In diese Wochen fielen auch die Ereignisse um den 20. Juli, das Attentat auf Hitler. Zwar betrachteten wir die Kriegslage mit großer Skepsis, aber von dem Versuch eines Umsturzes in den eigenen Reihen waren wir doch völlig überrascht. Eine gewisse Nachdenklichkeit löste der Umstand schon aus, dass höchste Wehrmachtsoffiziere die Initiatoren waren, aber die Hintergründe durchschauten wir nicht.

Am 8. September wurden die Luftwaffenhelfer des Jahrgangs 1927 entlassen. Als Ersatz für uns kamen Lehrlinge und auch einige Nachrichtenhelferinnen ("Blitzmädel"). Ich erhielt das Schlusszeugnis der 6. Klasse Oberschule (heute 10. Klasse) und durfte nachhause zu meinen Eltern, nunmehr in Fürstenfeldbruck. Endlich einmal wieder in Zivil, morgens kein Wecken, kein Stubendienst, keine Spindkontrolle, kein Appell, kein Drill und keine Schikanen, kein Kasernenhofton und abends kein Zapfenstreich. In diesen Tagen konnte ich einmal in aller Ruhe die Wirkung unserer Flak beobachten. Am 12. September flogen die Amerikaner wieder einen Angriff auf München. In Bruck fühlte ich mich relativ sicher und ging nicht in den Keller, sondern mit einem Fernglas vor das Haus. So sah ich die Flugzeuge in Ruhe und recht nahe. Ich beobachtete gerade eine viermotorige Liberator, silbern in der Sonne glänzend, vielleicht fünftausend Meter hoch. Plötzlich erhielt sie einen Volltreffer. Die linke Tragfläche brach ab und die schwere Maschine stürzte torkelnd und sich überschlagend in die Tiefe. Ich sah keinen, der noch mit dem Fallschirm herausgekommen wäre.

Die "Ferien" dauerten leider nur vier Wochen, gerade über meinen 17. Geburtstag. Dann folgten zwei Monate Reichsarbeitsdienst und dann die Wehrmacht. Der Einberufungsbefehl lag schon vor.

Autor: Helmut Geys

Der zweite Teil: "Erinnerungen an eine düstere Zeit"



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