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Erinnerungen an eine düstere Zeit (Teil 2)

In den Brucker Blättern 2001 erschien der erste Teil dieser Erinnerungen. Sie umfassten meinen Einsatz als "Luftwaffenhelfer" im Alter von 16 Jahren bei einer Flakbatterie im Norden von München in der Zeit von Juli 1943 bis September 1944, in der ich zahlreiche Fliegeralarme und 12 schwere Luftangriffe erlebt hatte. Im Juli 1944 wurde dabei auch unsere Münchner Wohnung zerstört, meine Eltern und mein Bruder blieben jedoch unverletzt und übersiedelten in das Haus meiner Großeltern in Fürstenfeldbruck. Am 8. September 1944 wurden wir Luftwaffenhelfer des Jahrgangs 1927 von der Flak entlassen und durch jüngere ersetzt, um unsere "Kriegslaufbahn" beim Reichsarbeitsdienst und dann bei der Wehrmacht fortzusetzen.

Reichsarbeitsdienst

Noch bei der Flak erhielten wir alle zunächst den Einberufungsbefehl zu einem vierwöchigen "Wehrertüchtigungslager" der Hitlerjugend in der Gegend von Bad Tölz. Es hatte sich aber herumgesprochen, dass es nicht schwer war, sich dem zu entziehen. Schließlich waren wir Luftwaffenhelfer der Meinung, dass wir in dem Jahr unseres Einsatzes schon genug "Wehrertüchtigung" erfahren und es nicht nötig hätten, uns noch von Hitlerjugendführern schleifen und drillen zu lassen. Ich schickte einfach ein ärztliches Attest an die Dienststelle, das offensichtlich akzeptiert wurde, denn es erfolgte keine Reaktion. So hatte ich vier Wochen geruhsame "Ferien" in Fürstenfeldbruck. Alsbald traf der Einberufungsbefehl zum RAD, wie die übliche Abkürzung für "Reichsarbeitsdienst" lautete, ein. Es handelte sich hierbei um die im Jahr 1935 eingeführte gesetzliche Dienstpflicht, die vor dem Krieg sechs Monate, aber jetzt, im sechsten Kriegsjahr, wo die jungen Leute möglichst schnell für die Wehrmacht gebraucht wurden, nur noch zwei Monate betrug. Am 5.10.44 sollte ich mich also im RAD-Lager Dettendorf bei Rosenheim einfinden. Mit der Bahn fuhr ich hin.

Das Lager befand sich abseits des kleinen Bauerndorfes eingezäunt in einem Wald. Es bestand aus einer Anzahl Baracken für je 30 Mann, jeweils 10 in einer Stube, sowie den entsprechenden Gemeinschaftsräumen und Unterkünften für die Ausbilder. Insgesamt waren wir dort etwa 200 "Arbeitsmänner" des Jahrgangs 1927.

Ungern gab ich wieder meine Zivilkleider ab und nahm, wie schon im Juli 1943 bei der Flak, erneut die mehr oder weniger attraktiven Uniformstücke in Empfang: Eine einfache grau-weiße Arbeitsuniform mit Schiffchen und Koppel sowie eine bessere, braune Ausgehuniform mit Hakenkreuzarmbinde und der etwas komisch geformten RAD-Kappe mit Schirm und Längsfalte auf der Oberseite, deswegen von uns als "Arsch mit Griff" bezeichnet. Zur Ausrüstung gehörte ferner der RAD-Spaten, eine Gasmaske, ein Seitengewehr (Bajonett) und ein Karabiner belgischer Herkunft, ähnlich dem deutschen Wehrmachtskarabiner 98 K. Denn es war uns bekannt und zeigte sich auch alsbald, dass der Dienst beim RAD keine Arbeitseinsätze mehr, sondern nur noch reine In-fanterieausbildung umfasste.

Jede Zehnergruppe hatte einen jungen Ausbilder, "Vormann" genannt; je drei Gruppen einen Truppführer. Darüber stand die Lagerleitung mit einem "Oberstfeldmeister" an der Spitze und einem "Oberfeldmeister" als Stellvertreter. Die Ausbilder waren von recht unterschiedlichem Charakter. Von gutmütig über streng-korrekt bis zum schikanösen Schleifer war alles vertreten. Meine Gruppe hatte Glück, unser Vormann war anständig und sympathisch.

Neu war für uns, dass - im Gegensatz zur Flak, die ja zur Wehrmacht gehörte - beim RAD bei der Anrede der Vorgesetzten das Wort "Herr" wegzubleiben hatte. Während bei der Wehrmacht die Antwort auf einen Befehl lautete: "Jawohl, Herr Unteroffizier", "Jawohl, Herr Oberleutnant", hatte man hier zu antworten: "Jawohl, Vormann", "Jawohl, Oberfeldmeister". Dies rührte wohl daher, dass die Arbeitsdienstpflicht bei ihrer Einführung im "Dritten Reich" auch zum Ausgleich sozialer Unterschiede und zum Abbau von Gegensätzen zwischen "Arbeitern der Faust" und "Arbeitern der Stirn", wie es damals hieß, gedacht war. Dabei stand, so glaubte man offenbar, die "bürgerliche" Anrede "Herr" im Wege. Trotzdem nutzten manche Vorgesetzte ihre Machtstellung aus, um gerade an uns Oberschülern (heute: Gymnasiasten), die ja später doch wieder für gehobene Funktionen heranstanden, ihr Mütchen zu kühlen, indem sie uns besonders gründlich beibrachten, was sie allein für "echte" Arbeit hielten.

Die ersten Tage im Lager waren noch die angenehmsten. Ich wurde zu einem sogenannten "Kleiderbügelkommando" eingeteilt. Wir mussten den Wald durchstreifen, geeignete Äste sammeln und daraus mittels Schnitzmesser und Draht etwa 400 Kleiderbügel fertigen, um in den Spinden unsere Uniformen aufhän-gen zu können. Eine ganz geruhsame Arbeit, frei von Drill und Schikanen. Da-bei entdeckten wir, dass im Wald rings um das Lager zum Schutz bei etwaigen Luftangriffen zahlreiche Deckungslöcher ausgehoben waren. Im Herbst 1944 gab es nämlich auch hier auf dem Land öfters Fliegeralarm. Die Alliierten beherrschten den Luftraum total, oft zogen amerikanische Langstreckenjäger vom Typ Lightning am Himmel ihre Kreise. Mitunter fielen auch Bomben, vermutlich auf die in der Nähe befindliche Bahnlinie. Da die Deckungslöcher mit Regenwasser gefüllt waren, legten wir uns in einem solchen Fall meist daneben, nachdem wir gesehen hatten, dass ein Kamerad einmal triefend nass wieder herausgekommen war. Einmal beobachteten wir, wie eine Lightning aus nicht erkennbarer Ursache plötzlich abstürzte und einen großen schwarzen Rauchpilz am Horizont erzeugte. Unser Oberfeldmeister kommentierte dies frei nach Willhelm Busch mit den Worten "Hier sieht man ihre Trümmer rauchen, der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen". Die Verpflegung im Lager erwies sich für die Verhältnisse im sechsten Kriegsjahr als recht gut. Anscheinend hatten wir einen hervorragenden Organisator und einen guten Koch. Während uns als Luftwaffenhelfer bei der Flak das Rauchen offiziell noch verboten war, erhielten wir beim RAD, jetzt gerade 17 Jahre alt, erstmals Raucherkarten. Wie alles andere waren ja auch die Tabakwaren im Deutschen Reich streng rationiert. Ich war einer der ganz wenigen Nichtraucher und vermachte meine Raucherkarte komplett einem Bauernsohn, der von zuhause öfters Lebensmittelpakete erhielt und auf die Lagerverpflegung nicht voll angewiesen war. Dafür erhielt ich von ihm seine tägliche Butterration. Dies war kein schlechter Tausch, denn wir erhielten jeden Abend etwas Butter, nicht, wie bei der Flak, die damals minderwertige Margarine. Insofern ging es mir, gemessen an der damaligen Verpflegungslage in Deutschland, ganz gut. Freilich war im Alter von siebzehn Jahren und bei dem anstrengenden Dienst der Hunger auch entsprechend groß.

Unsere Lagerführer, der Oberstfeldmeister, und sein Stellvertreter, der Oberfeldmeister, waren überzeugte Nationalsozialisten, Träger des Goldenen Parteiabzeichens, also schon vor 1933 Mitglieder der NSDAP. Sie gaben sich streng-korrekt und sehr dienstlich. Der Oberfeldmeister konnte infolge einer Verwundung, die er an der Front erlitten hatte, seinen rechten Arm nicht mehr zum "Deutschen Gruß" heben. Er leistete ihn deshalb bei der allmorgendlichen Flaggenhissung stets ebenso zackig mit dem linken Arm. Meistens hielt auch er den politischen Unterricht, der für die erste Dienststunde angesetzt war, beliebt vor allem deshalb, weil man dabei noch seine Ruhe hatte, während danach der mitunter recht strapaziöse Außendienst begann. Der Lagerleiter hatte auch seine Familie mit im Lager, und sein kleiner Bub schaute uns gern beim Exerzieren zu. Daran erkenne man, sagte er einmal im Unterricht, dass die Freude am Soldatendasein den Deutschen schon in die Wiege gelegt sei und sozusagen zu unserem Volkscharakter gehöre.

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Infanterieausbildung

Der zweimonatige Dienst beim RAD bestand fast nur aus militärischer Grundausbildung. Mit Akribie wurden uns die Finessen des Erdkampfs beigebracht: Das Schießen mit dem Karabiner, das Handgranatenwerfen, die Bedienung der Panzerfaust. Feindgerechtes Verhalten im Gelände: Das Ausheben von Schützenlöchern, das Tarnen, das Anschleichen, die Geländeerkundung. Dass man im Wald nicht rennt, weil ein sich quer zu den Bäumen schnell bewegender Mann viel eher entdeckt wird als einer, der sich vorsichtig von Baum zu Baum begibt. Dass man aus der Deckung hinter einem Holzstoß nicht oben drüber schießt, sondern besser seitlich vorbei oder durch eine Lücke, weil der Gegner den Kopf des Schützen immer am ehesten oben erwartet. Dass man beim Schießen aus einem Fenster das Gewehr nicht auf der Brüstung auflegt, weil man dort schnell entdeckt wird, sondern die Schüsse aus dem Dunkel des Zimmers heraus abgibt. Dass man ein Schützenloch am besten winkelförmig anlegt, damit man sich, wenn ein Panzer mit seiner Kette in den einen Schenkel des Winkels hineinfährt, noch schnell in den anderen flüchten kann. (Nerven hätte man dazu wohl haben müssen; im Zweifel hätte der Panzer mit seinem Gewicht das ganze Loch samt Insassen zermanscht.) Und vieles andere mehr.

Für Zielübungen war im Lager eigens ein "Schießgarten" angelegt worden, eine Miniaturlandschaft mit kleinen Häusern und sich bewegenden Autos, Panzern und Figuren. Scharf geschossen wurde in einer nahegelegenen Kiesgrube. Und Drill, immer wieder Drill, den ganzen Tag über. Daneben mussten wir aber - im sechsten Kriegsjahr und bei der sich rapid verschlechterndern Kriegslage für uns unbegreiflich - auch noch den Präsentiergriff mit dem Spaten lernen und üben, bis er wie am Schnürchen klappte, worauf wir freilich schon ein wenig stolz waren. Gebraucht haben wir ihn nur ein einziges Mal: Zur feierlichen Vereidigung auf dem Marktplatz in Rosenheim. Nach Hitlerjugend und Flak war dies nun schon meine dritte Vereidigung. Es war dies auch das einzige Mal, dass wir aus dem Lagerbereich herauskamen; anderweitigen Ausgang gab es während der zwei Monate in Dettendorf nicht.

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Schleiferei und Schikanen

Der Dienstbetrieb war, verglichen mit der Zeit bei der Flak, ausgesprochen scharf und bisweilen auch schikanös. Das begann schon bei den Stubendurchgängen am Morgen und am Abend mit Kontrolle der Sauberkeit der Unterkunft, des Bettenbaus und der Spindordnung. Wenn nicht alles blitzsauber und ordentlich war, gab es Strafen für den einzelnen oder für die ganze Stube: Kleider-appell, Spindappell, "Maskenball", Strafexerzieren. Beim Maskenball z.B. musste die ganze Stubenbelegschaft alle zwei Minuten in anderer Uniform vor der Baracke antreten. Wenn es nicht klappte, folgte Strafexerzieren. Dieses, wie das Exerzieren und der Dienst im Gelände überhaupt, konnte einen ganz schön schlauchen. Lange Märsche, mitunter auch Dauerlauf, dann das Kommando: "Ein Lied!". Wenn das dann nicht laut genug war: "Was, das soll ein Lied sein? An den Horizont marsch, marsch! - Hinlegen! - Auf marsch marsch! - Hinlegen! - Auf dem Koppelschloss kehrt!" Dabei musste man sich, flach auf dem Boden liegend, um 180 Grad drehen. Wenn man Pech hatte, war da gerade eine Pfütze oder Morast, was eine ärgerliche Uniformreinigung in der Freizeit nach sich zog. Dann das ganze wieder von vorn: "Ein Lied!" Plötzlich das Kommando: "Gasalarm!" Jeder musste die Gasmaske aufsetzen. Der Filter erschwerte das Atmen. Dann wieder: "Ein Lied!" Beim Singen unter der Gasmaske war natürlich kaum etwas zu hören, es war der Gipfel des Schwachsinns und reine Schikane. Auch Kniebeugen, möglichst mit dem Karabiner in den waagrecht nach vorn ausgestreckten Armen, oder Liegestütz waren beliebte Schleifermethoden. Begründet wurde alles mit der notwendigen körperlichen Ertüchtigung für den bevorstehenden Fronteinsatz. Zum Lernen von Liedern war daneben aber immer noch Zeit: Das Standard-Lied des Reichsarbeitsdienstes "Es tönt auf grüner Heide..." (nach der Melodie des Kaiserjägermarsches), das Fallschirmjägerlied "Rot scheint die Sonne - fertig gemacht! - Wer weiß, ob sie morgen für uns auch noch lacht....." oder das alte NS-Kampflied "Als die goldne Abendsonne sandte ihren letzten Schein, zog ein Regiment von Hitler in ein kleines Städtchen ein....." usw. gehörten auch im sechsten Kriegsjahr noch zum Ausbildungsprogramm.

Nachts musste rund um die Lagerumzäunung "Wache geschoben" werden, dazu wurde scharfe Munition für den Karabiner ausgegeben, die am nächsten Tag wieder abzuliefern war. Die Wache dauerte für den einzelnen jeweils zwei Stunden, 20-22 Uhr, 22-24, 0-2, 2-4 odere 4-6 Uhr. Der letzte Wachtörn war besonders unbeliebt, weil er praktisch bedeutete, dass man schon um vier Uhr anstatt um sechs Uhr aufstehen musste und somit einen um zwei Stunden längeren Tag hatte. Eine unangenehme Disziplinarstrafe, von der manchmal beim RAD, vermehrt später bei der Wehrmacht Gebrauch gemacht wurde, war "Eine Nacht auf Sonderwache!". Das kostete dann, wenn man ohnehin zum Wacheschieben dran war, in einer Nacht nicht zwei, sondern vier Stunden Schlaf.

Manche der Ausbilder, ohnehin nicht gerade eine Auslese an Pädagogen, schlugen mit Vorliebe einen besonders derben Ton an, wie z.B.: "Mann, stellen sie sich gerade hin! Hätte ihr Vater ein Astloch gefickt, wäre wenigstens ein anständiger Besenstiel aus ihnen geworden!". Der Lagersanitäter, beim RAD "Heilgehilfe" genannt, sagte zu jedem, der mit irgendeiner Unpässlichkeit oder Krankheit zu ihm kam, zunächst einmal nur: "Das kommt vom Wichsen", bevor er ein paar Pillen verabreichte. Manches von dem hatten wir zwar schon früher bei der Hitlerjugend und bei der Flak in ähnlicher Weise erlebt, aber da ließ es sich leichter ertragen. HJ-Dienst war ja nur ein- oder zweimal die Woche. Als Luftwaffenhelfer waren wir zwar kaserniert, hatten aber mehr praktischen, uns sinnvoll erscheinenden Dienst und einmal in der Woche Ausgang nachhause. Nirgends waren wir bisher so streng eingebunden und so restlos den Vorgesetzten ausgeliefert wie in dem weltabgeschiedenen RAD-Lager.

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Politischer Unterricht

Der Reihe nach wurden morgens in der ersten Dienststunde die 25 Punkte des Programms der NSDAP behandelt. Die meisten von ihnen seien bereits verwirklicht, soweit der Krieg dies nicht verhindert habe, erklärte der Oberfeldmeister, der meist den Unterricht hielt. Der Lagerchef selbst ging einmal auf die Luftkriegführung der Alliierten gegen deutsche Städte ("Terrorangriffe gegen Frauen und Kinder") ein. Sollte ein feindlicher Flieger mit dem Fallschirm in unserem Waldgebiet niedergehen, so garantiere er, dass dieser den Wald nicht lebend verlassen werde. Obwohl wahrscheinlich die meisten von uns, jedenfalls ich, schon während des Dienstes bei der Flak und auch jetzt keine Hassgefühle gegen die alliierten Flieger hatten, sondern sie als Soldaten betrachteten wie die deutschen Flieger auch, bekam der Lagerchef für diese Äußerung doch frenetischen Beifall. Eigentlich sonderbar, denn wir erwarteten ja auch für deutsche Flieger, die über Feindgebiet abgeschossen wurden und mit dem Fallschirm niedergingen, dass sie als Kriegsgefangene behandelt würden. Aber der Chef verstand es, die Emotionen aufzuputschen. Gottseidank sprang nie ein Flieger bei uns ab. Nach dem Krieg fahndeten die Amerikaner nach allen, die abgesprungene Flieger ermordet hatten. Wer erwischt wurde, wurde zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Im Lager hatten wir auch einige "Adolf-Hitler-Schüler"; das waren Gymnasiasten in eigenen nationalsozialistischen Erziehungsanstalten, die dort für spätere Führungsaufgaben in Partei und Staat ausgebildet wurden. Sie zeichneten sich nicht nur durch außergewöhnlichen Diensteifer aus, sondern genossen auch das besondere Vertrauen der Lagerleitung und wurden manchmal für den politischen Unterricht herangezogen. So musste einer einmal eine Unterrichtsstunde mit dem Thema bestreiten: "Warum gewinnen wir den Krieg? Weil wir einen Führer haben!" Das Fazit seines Vortrags war - immerhin im November 1944, als die Alliierten bereits an den Reichsgrenzen standen - dass wir zwar allein schon wegen der überragenden Leistungen und des Heldenmuts der deutschen Soldaten sowie der Qualität unserer Waffen den Krieg gewinnen würden, aber selbst wenn dem nicht so wäre, gäbe die Persönlichkeit Adolf Hitlers die Garantie für den Endsieg. Keiner unserer Gegner hätte nämlich einen solch überragenden Führer aufzuweisen.

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Der Einsatz der V 2

Zeitungen bekamen wir im Lager keine, aber der tägliche Wehrmachtsbericht wurde uns regelmäßig bekanntgegeben. So erfuhren wir auch, dass im Herbst 1944 die Beschießung Englands mit der V 2 begonnen hatte, nach der V 1 der zweiten von der deutschen Propaganda seit langem angekündigten "Vergeltungswaffen". Die V 2 war für die damalige Zeit eine außerordentliche technische Leistung und schien die Parolen von den noch vorhandenen weiteren "Wunderwaffen" und der Überlegenheit des deutschen Erfindergeistes zu bestätigen. Während es sich bei der V 1 um ein kleines unbemanntes, mit 300 kg Sprengstoff beladenes Flugzeug handelte, das, getrieben von einem Rückstoßmotor, in relativ niedriger Höhe mit einer Geschwindigkeit von etwa 6oo Stundenkilometern ein beim Start angepeiltes Ziel ansteuerte, war die V 2 ein echter Vorläufer der modernen ballistischen Fernraketen. Sie stieg von Holland aus hoch in die Stratosphäre auf und stürzte lautlos in das etwa 300 km entfernte Zielgebiet, meist London, hinab. Im Kopf der Rakete befanden sich 1000 kg Sprengstoff. Während man die V 1 sehen und hören und deshalb auch mit Jagdflugzeugen oder Flak wirksam bekämpfen konnte, gab es gegen die V 2 keinerlei Abwehr, ja nicht einmal rechtzeitig Alarm. Von den Mängeln, mit denen diese neuen Waffen noch behaftet waren und die zu zahllosen Irrläufern führten, erfuhren wir natürlich nichts. So vermittelte uns ihr Einsatz trotz der objektiv aussichtslosen militärischen Lage den Eindruck, dass Deutschland seine letzten Trümpfe noch nicht ausgespielt hatte. Sicher auch eine Erklärung für den Gleichmut oder sogar Diensteifer, mit dem wir die strapaziöse Vorbereitung auf den Kriegseinsatz an der Front auf uns nahmen.

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Bespitzelung

Über die Kriegslage diskutierten wir natürlich manchmal auch abends auf unserer Stube. Ich vertrat dabei einmal die Meinung, dass wir den Krieg zwar nicht mehr gewinnen, aber vielleicht mit etwas Glück noch "mit einem blauen Auge davonkommen" würden. Ich dachte mir bei dieser Äußerung, mit der ich ziemlich allein stand, nichts weiter, aber sie war offenbar doch recht gewagt. Dies musste ich einige Tage später im politischen Unterricht feststellen. Ohne dass er meinen Namen nannte, ging der Oberfeldmeister exakt auf die von mir vertretene Meinung ein, zerpflückte sie polemisch und qualifizierte alle, die solche Ansichten verträten, als Miesmacher und Defaitisten ab. Obwohl mir persönlich nichts weiter geschah, fühlte ich mich doch ertappt und außerordentlich unangenehm getroffen. Vermutlich hatte der Adolf-Hitler-Schüler auf unserer Stube, ansonsten ein zwar sehr dienstbeflissener, aber freundlicher Kamerad, den Inhalt unserer Gespräche weitergemeldet. In den folgenden Wochen bekam ich noch einigemale direkten Kontakt mit dem Oberfeldmeister. Er befragte mich über meine Reise nach Hamburg und Schleswig-Holstein im Frühjahr 1944 während des Genesungsurlaubs von der Flak nach einer Diphtherieerkrankung (siehe Teil I) und ich erzählte ihm unverblümt meine deprimierenden Eindrücke über die maßlosen Bombenschäden in Hamburg und Kiel und den offensichtlich trostlosen Zustand der Schiffswerften. Er ließ sich jedoch weiter nichts anmerken. Vielleicht fand er es doch bemerkenswert und für seinen Unterricht hilfreich, dass ich überhaupt "eigenständige" Gedanken geäußert hatte, vielleicht stimmten ihn auch meine gleichbleibend guten Schießergebnisse mit dem Karabiner milde. Denn ich war ein ausgezeichneter Schütze, und das galt ja schließlich auch als kriegswichtig. Interessieren würde mich heute noch, was zu diesem Vorgang in meinen Personalakten vermerkt wurde.

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Wie man zur Waffen-SS kommen konnte

Hier muss ich zunächst einige Monate zurückblenden. Im Frühjahr 1944, während wir als Luftwaffenhelfer bei der Flak Dienst taten - ich war sechzehneinhalb Jahre alt -, stellte sich altersbedingt die Frage, wie wir unseren weiteren militärischen Lebensweg planen sollten. Nach damaliger Gesetzeslage folgten auf die Zeit als Luftwaffenhelfer zwei Monate Reichsarbeitsdienst und anschließend der Wehrdienst. Die eine Alternative war nun, einfach nichts zu tun und auf die allfällige Einberufung zu warten - zu der Waffengattung, für die gerade Bedarf bestand. Die andere Alternative, vor allem für uns Oberschüler, bestand darin, sich kriegsfreiwillig zu melden und die Laufbahn eines Reserveoffiziers einzuschlagen. Dies hätte zur Folge gehabt, dass man wegen der längeren Ausbildung zwar vielleicht einige Monate früher einberufen worden wäre, dass man sich aber die Waffengattung selbst aussuchen konnte. Außerdem versprach die Stellung als Reserveoffizier nach damaligen Gepflogenheiten später ein besseres berufliches Fortkommen.

Am liebsten wäre ich ja zur Marine gegangen, der schon von Kind auf mein besonderes Interesse galt. Aber die Marine hatte sehr strenge Aufnahmebedingungen und als Brillenträger hätte ich da vermutlich keine Chancen gehabt. Außerdem war mir im Frühsommer 1944 - am 6. Juni hatte die anglo-amerikanische Invasion in der Normandie begonnen und die Alliierten besaßen weitgehend die Luftherrschaft - schon klar, dass die große Zeit der deutschen Kriegsmarine vorbei war. Hatte ich doch schon ein Jahr zuvor, im April 1943, als Schüler im Rahmen einer Werbeaktion der Marine eine Woche auf dem Schweren Kreuzer "Prinz Eugen" verbringen dürfen, der in der Danziger Bucht Übungs- und Manöverfahrten durchführte. Dieser Aufenthalt war für mich zwar in technischer Hinsicht hochinteressant, dabei sah ich aber auch, dass sich die verbliebenen großen Einheiten der deutschen Kriegs- und Handelsflotte - vom Schlachtschiff "Gneisenau" bis zu den Überseedampfern "Cap Arcona", "Wilhelm Gustloff" und vielen anderen - in das damals noch fliegersichere Gotenhafen (Gdynia) im östlichsten Winkel des Reichs zurückgezogen hatten. Auf mich hatte dies einen ziemlich deprimierenden Eindruck gemacht. Nur wenige meiner Kameraden meldeten sich 1944 noch zur Marine, eine ganze Reihe bewarb sich bei der Luftwaffe. Ich entschied mich für die Laufbahn eines Reserveoffiziers beim Heer, und zwar bei der Schweren Artillerie. Dabei ging ich davon aus, dass ich für diese Waffengattung durch meinen einjährigen Dienst bei der Flakartillerie schon gewisse Kenntnisse und Erfahrungen mitbrächte.

Für Leser, die die damalige Zeit nicht selbst erlebt haben, sondern nur aus Büchern oder vom Hörensagen kennen, mag es heute natürlich "unbegreiflich" erscheinen, wie man sich noch 1944, im sechsten Kriegsjahr und bei objektiv aussichtsloser militärischer Lage, kriegsfreiwillig melden konnte. Aber damals war dies für uns Oberschüler praktisch "normal". Wir wussten, dass uns die Soldatenlaufbahn ohnehin zwingend vorgezeichnet war und versuchten, das Beste daraus zu machen. Für uns befand sich Deutschland eben im Krieg, und der forderte seinen Tribut so oder so.

Das hatte auch nichts mit der Einstellung zum Nationalsozialismus zu tun. Besondere NS-Beflissenheit trat nur bei ganz wenigen meiner Kameraden in Erscheinung, sie war im allgemeinen eher verpönt - wenn auch nicht aus "antifaschistischer" Gesinnung, sondern einfach, weil wir mehr Achtung und Respekt vor den Soldaten an der Front hatten, die unermessliche Strapazen und Opfer auf sich nehmen mussten, als vor den Parteibonzen in der Heimat, die ungefährdet große Reden hielten. Die heute so oft verwendeten Begriffe "Hitler-Wehrmacht" oder "Nazi-Wehrmacht" gab es damals ohnehin nicht und unter Partei-Gesichtspunkten sahen wir eher einen Gegensatz zwischen der unpolitischen Wehrmacht einerseits und der Waffen-SS andererseits. Im übrigen war damals auch die heute in linken Publikationen häufig verwendete Bezeichnung "faschistisch" für das Hitler-Regime absolut ungebräuchlich, es war vielmehr stets von "Nationalsozialismus" die Rede. Unter "faschistisch" verstanden wir allein das Mussolini-Regime in Italien, und das stand bei uns wegen seiner in unseren Augen kläglichen militärischen Leistungen in keinem hohen Ansehen.

Wenige Monate später, im November 1944, kam eines Tages eine Abordnung der Waffen-SS in unser RAD-Lager. Zunächst schaute die sich unsere Personalakten an. Dann mussten alle 200 Arbeitsmänner auf dem Appellplatz antreten. Ein SS-Offizier hielt eine Ansprache, die mit den Worten schloss: "Die meisten von euch haben sich ja bereits als Kriegsfreiwillige gemeldet. Und diejenigen, die sich noch nicht gemeldet haben, werden wir jetzt freiwillig zur Waffen-SS erfassen". Diese Formulierung ist mir noch heute in Erinnerung, denn der Widerspruch zwischen "freiwillig" und "erfassen" war nicht zu überhören. Es waren nicht allzuviele, die das betraf. Sie wurden zu Einzelgesprächen vorgeladen, über deren Verlauf ich nichts Näheres erfuhr. Soweit ich weiß, fügten sich dann auch alle. Hätte sich jemand gesträubt, wäre vermutlich die in einem totalitären Regime gefährliche Frage gekommen: "Wieso, haben Sie etwas gegen uns?"

Die Waffen-SS galt in unseren Augen damals zwar als ausgesprochen parteimäßig ausgerichtete, sozusagen als "150-prozentig" nationalsozialistische Truppe, insbesondere auch als antichristlich bzw. kirchenfeindlich, und war deshalb in weiten Kreisen der Bevölkerung nicht populär, im katholischen Bayern vielleicht noch weniger als anderswo. Aber mit Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit brachten wir Jugendliche, von denen keiner je in Russland oder anderen besetzten Ländern gewesen war, sie nicht in Verbindung. Militärisch galt sie als Elitetruppe, die an den Brennpunkten der Kämpfe eingesetzt wurde, was für viele Jugendliche wiederum zunächst auch attraktiv schien. In den ersten Kriegsjahren kamen auch nur echte Freiwillige zur Waffen-SS; erst später, als ihre Verluste immens wurden, griff die SS-Führung zu solch drastischen Rekrutierungsmaßnahmen wie in unserem Fall. So wurden viele junge Angehörige der Waffen-SS, die im Alter von 17 Jahren ohne besondere politische Überzeugung mehr oder weniger zufällig oder gar unter Druck dorthin geraten waren, noch in den letzten Monaten und Wochen des Krieges sinnlos verheizt, erfuhren ein besonders hartes Los in der Kriegsgefangenschaft oder erlitten später Nachteile im beruflichen Fortkommen. Bei der Flak hatte ein älterer, erfahrener Wachtmeister (Feldwebel) uns Luftwaffenhelfern einmal den gutgemeinten Rat mit auf den Weg gegeben, uns beim Militär niemals für irgend etwas freiwillig zu melden. Aber ich bin noch heute froh, dass ich jedenfalls im Juni 1944 diesen Rat nicht befolgt und mich als Kriegsfreiwilliger gemeldet habe. Andernfalls hätte womöglich mein ganzes Leben einen anderen Verlauf genommen wegen eines Umstandes, dem ich damals vielleicht gar keine besondere Bedeutung beigemessen hätte.

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Entlassung vom RAD

Für den 5. Dezember 1944 stand unsere Entlassung aus dem RAD an, ein Tag, den wir alle herbeisehnten, auch wenn wir wussten, dass danach alsbald die Einberufung zur Wehrmacht folgte. Einige Tage vor dem Entlassungstermin bekam ich Halsschmerzen und Schluckbeschwerden, die immer stärker wurden. Den Mund konnte ich immer weniger weit öffnen und brachte schließlich nur noch einen flachen Suppenlöffel zwischen den Zähnen durch, so dass ich kaum noch essen konnte. Dazu kam Frösteln und Fieber. Ich fühlte mich hundeelend, aber ich wagte nicht, mich beim Heilgehilfen krank zu melden, weil ich befürchtete, wieder Diphtherie zu haben, wie im vergangenen Frühjahr bei der Flak. Dies hätte womöglich zur Folge gehabt, dass die ganze Stube unter Quarantäne gestellt und nicht entlassen worden wäre. Daran wollte ich nicht schuld sein. So hielt ich durch, bis wir unsere Koffer mit den inzwischen etwas modrig gewordenen Zivilklamotten zurückbekamen und heimreisen durften. In Fürstenfeldbruck angekommen, begab ich mich sofort ins Krankenhaus zu dem uns gut bekannten Chefarzt Dr. Stoeckle. Der diagnostizierte einen Mandelabszess und schnitt ihn mit einem Skalpell zwischen den Zähnen hindurch ohne Narkose auf. Ratsch! Auf einen Schlag war ich von meinen Beschwerden befreit.

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Einberufung zur Wehrmacht

Nun begann mit Spannung das Warten auf den Einberufungsbefehl zur Wehrmacht. Als mögliche Termine waren der 18. Dezember 1944 und der 6. Januar 1945 durchgesickert. Als die erste Dezemberhälfte verstrichen war, ohne dass die Post den blauen Brief brachte, wusste ich also, dass ich Weihnachten noch zuhause mit der Familie verbringen durfte. Die Nacht zum 18. Dezember brachte allerdings für die Stadt München wieder einen sehr schweren Luftangriff mit 562 Toten und über 900 Verletzten, dessen zerstörerische Folgen wir zwar in Fürstenfeldbruck nicht verspürten, die ich aber alsbald zu sehen bekommen sollte. Denn mein Einberufungsbefehl kam noch vor Weihnachten. Er lautete tatsächlich auf den 6.Januar 1945. Natürlich nicht zur Schweren Artillerie, zu der ich mich ein halbes Jahr zuvor gemeldet hatte, sondern zur Infanterie, für die angesichts der Kriegslage jetzt offenbar allein noch Bedarf bestand. Nachmittags sollte ich mich in München in der mir schon von früher her bekannten, im Stadtzentrum gelegenen Türkenkaserne einfinden.

Meine Eltern begleiteten mich zum Brucker Bahnhof und mein Vater gab mir unterwegs noch den Rat, ich solle, wenn ich jetzt endgültig zum Militär komme, "mit Mädchen vorsichtig sein", man könne sich mit Geschlechtskrankheiten anstecken. Meine Mutter fügte dem hinzu, dass das "auch eine seelische Seite" habe. Sie fuhr dann noch im Zug nach München mit. Dass sie sicher große Sorgen um mein weiteres Schicksal hatte, ließ sie sich nicht anmerken. Sie schien sogar ein wenig stolz zu sein, dass ich nun "Grenadier" würde, und erzählte etwas von Friedrich dem Großen und seinen Grenadieren im Siebenjährigen Krieg - vielleicht war das auch nur zu meiner Aufmunterung gedacht. (Die ursprüngliche Bezeichnung "Infanterist" war im Verlauf des Krieges durch "Grenadier" ersetzt worden, vielleicht in Anlehnung an derartige historische Vorgaben). Im Gegensatz zu meinen Eltern, denen sicher bewusst war, dass es jetzt ernst wurde, dachte ich kaum über die Zukunft nach. Darüber, dass nach der Ausbildung alsbald der Fronteinsatz folgen würde und es vielleicht auch keine Rückkehr mehr geben könnte, machte ich mir keine Gedanken.

Auf der Bahnstrecke zwischen Laim und München-Hauptbahnhof bot sich ein chaotischer, trostloser Anblick. Überall die Folgen des verheerenden Luftangriffs vom 18. Dezember. Zahllose Bombentrichter zwischen den Gleisen, hochgebogene und zerrissene Schienenstränge, umgestürzte, ausgebrannte oder völlig zerfetzte Eisenbahnwaggons kreuz und quer im Gelände. Gerade, dass der Zug sich noch auf einem eilig reparierten Schienenstrang hindurchschlängeln konnte. Die große, dreischiffige Bahnhofshalle war nur noch ein ödes Stahlskelett.

Vom Bahnhof ging meine Mutter mit mir noch ins Cafe Fahrig hinter dem Karlstor, wo wir den damals üblichen Ersatzkaffee tranken und auf Lebensmittelmarken ein dürftiges Stück Kuchen bekamen. Dann begleitete sie mich zu der nicht weit entfernten Türkenkaserne. Vor dem Tor - im Gegensatz zu dem gro-ßen Kasernenkomplex ist es heute noch erhalten - verabschiedeten wir uns. Ich empfand den Abschied nicht als schmerzlich. Nach der Einberufung zur Flak und dann zum RAD war es ja nun schon der dritte. Es ging alles so routinemäßig vor sich.

In der alten, düsteren Kaserne durchlief ich erneut die Prozedur der Einweisung, wie ich sie schon kannte: Mit einem Laufzettel in der Hand Empfang der Uniform und der Ausrüstung, Abgabe der Zivilkleidung, Aufteilung auf die Stuben, zehn Mann in einem Raum. Doppelstockbetten. Es war kalt. Das Gebäude hatte keine Zentralheizung und für die großen eisernen Öfen in den Stuben gab es kein Brennmaterial. Im Kasernenhof lag zwar eine riesige Kohlenhalde, aber von der durfte nichts genommen werden, es war Vorrat für die Zivilbevölkerung. Also entnahmen wir den Spinden einige Einlagebretter und machten sie zu Brennholz.

In der zweiten Nacht, vom 7. auf 8. Januar, schon bald nach dem abendlichen Dienstschluss, heulten die Sirenen. Fliegeralarm! Diesmal befand ich mich also nicht draußen bei der Flak, sondern mitten in der Stadt. Schnell begaben wir uns in den Luftschutzkeller, der alsbald von Soldaten wimmelte. Dort dann das übliche Warten. Zunächst erfolgte gar nichts, wir hörten auch kein Schießen der Flak. Schon dachte ich, dass es sich wieder einmal um einen "blinden Alarm" handelte, als plötzlich zwei unheimlich laute, dumpfe Detonationen den Keller in seinen Grundfesten erzittern ließen: offenbar schwere Luftminen, die in der Nähe eingeschlagen waren. Es war dies der Beginn eines der schwersten Nachtangriffe auf München. Fast 600 britische Lancaster- und Mosquito-Bomber luden über 2200 Tonnen Spreng- und Brandbomben ab.

Autor: Helmut Geys

Der dritte Teil: "Erinnerungen an eine düstere Zeit"



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