Home  >> Bibliothek   >> 'Brucker Blätter'   >> Erinnerungen Teil 3


Erinnerungen an eine düstere Zeit (Teil 3 und Schluss)

In den Brucker Blättern 2001 erschien der erste Teil dieser Erinnerungen. Sie umfassten meinen Einsatz als 'Luftwaffenhelfer' im Alter von 16 Jahren bei einer Flakbatterie im Norden von München in der Zeit von Juli 1943 bis September 1944, in der ich 12 schwere Luftangriffe erlebt hatte. Der zweite Teil - in den Brucker Blättern 2002 beschreibt die Zeit beim Reichsarbeitsdienst ab September 1944 in der Gegend von Rosenheim, die fast ausschließlich aus Wehrausbildung bestand, bis zu meiner Einberufung zur Wehrmacht Anfang Januar 1945, gerade 17 ¼ Jahre alt.

Wehrmacht

Am 6. Januar 1945 hatte ich mich laut Gestellungsbefehl in der Münchner Türkenkaserne einzufinden. Meine Mutter hatte mich noch bis zum Kasernentor begleitet. Schon in der zweiten Nacht, vom 7. auf 8. Januar, flogen die Engländer wieder einen schweren Luftangriff auf München. 600 Bomber luden über 2000 Tonnen Bomben über der Innenstadt ab. (Nach den Zahlen des Münchner Stadtarchivs hatte dieser Angriff 505 Tote und 988 Verletzte zur Folge, ca. 70000 Menschen verloren ihre Unterkunft). Besonders unseren Rekruten aus ländlichen Bereichen, die so etwas noch nie erlebt hatten, stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, als die Explosionen den Luftschutzkeller erzittern ließen und von Sanitätern ein blutüberströmter Soldat hereingetragen wurde. Als wir nach der Entwarnung nach oben kamen, sahen wir, dass der große Komplex der Türkenkaserne, von zahlreichen Brandbomben getroffen, an mehreren Stellen lichterloh brannte - so wie das ganze Stadtviertel ringsumher. An Löschen war angesichts des Umfangs der Brände und der spärlich vorhandenen Löschmittel überhaupt nicht zu denken. So wurden wir in dem weitläufigen Gebäude nur an den Brandmauern postiert, um zu beobachten und zu melden, wie das Feuer langsam immer weiter um sich griff. Bedrohlich war dabei die sengende Hitze und der beißende Rauch. Aber gegen Morgen wurde ich abgelöst und durfte auf unsere Stube, die sich in einem vom Feuer nicht bedrohten Kasernenflügel befand. Sämtliche Fenster waren durch den Luftdruck der Bombendetonationen geborsten. Die Nacht war an sich bitter kalt, aber die Häuserzeile gegenüber brannte schon bis ins Erdgeschoss hinunter und strahlte eine unheimliche Hitze ab. Also schoben wir unsere dreistöckigen Betten so nah an die Fenster wie möglich, legten uns 'schlafen' und beobachteten das Flammeninferno, in dem plötzlich ein großer Gebäudekomplex Ecke Türken-Theresienstraße in einer riesigen Wolke aus Glut und Qualm in sich zusammenstürzte.

Am Tag wurden wir dann in der Umgebung eingesetzt, um der Zivilbevölkerung beim Bergen ihrer Habe aus brennenden Häusern zu helfen. Ich mußte einen Keller ausräumen, ein riskantes Unternehmen, denn das Erdgeschoss brannte schon und die Flammen schlugen immer wieder am Eingang vorbei. Unten vertraute mir eine Frau einen schweren Steinguttopf voller eingelegter Eier an, damals eine äußerst wertvolle Fracht. Oben war der Hausgang inzwischen aber so mit Rauch gefüllt, dass ich den Ausgang nicht mehr fand. Immer wieder stieß ich gegen Wände. Schon wollte ich schweren Herzens den Topf fallen lassen, als ich in letzter Sekunde die Tür ertappte und ins Freie gelangte. Aber ich hatte natürlich eine gehörige Portion Rauch geschluckt, Hustenreiz, Würgen und Erbrechen waren die Folge. Noch Glück gehabt!

In der weiteren Umgebung sahen wir das ganze Ausmaß der Zerstörungen. Überall brannte und qualmte es noch. Feuerwehrschläuche lagen gefroren und unbrauchbar herum. Die Schutthalden eingestürzter Häuserblöcke reichten oft bis zur Straßenmitte. In der Ludwigstraße klafften große Bombentrichter. Straßenbahnen verkehrten nicht mehr, die Oberleitungen hingen herunter. Eine Dampflokomotive zog einige offene Güterwagen über den Odeonsplatz. KZ-Häftlinge in ihren blau-weiß gestreiften Anzügen wühlten in den Trümmern; vielleicht mußten sie Blindgänger entschärfen. Ruinen überall. Ein deprimierendes, trostloses Bild.

Da empfanden wir es als Erleichterung, dass wir am 11. Januar nach Murnau verlegt wurden. Der Ort erschien uns fast als Paradies, nicht zerstört, und unsere neue Unterkunft, die moderne Kemmel-Kaserne, hatte eine intakte Zentralheizung. Organisatorisch fand ich mich, der ich mich vor einem dreiviertel Jahr zur schweren Artillerie gemeldet hatte, nun in einer Maschinengewehrkompanie wieder, bestehend aus lauter Reserveoffiziersbewerbern des Jahrgangs 1927. An Artilleristen bestand kein Bedarf mehr, nur noch Infanterie war gefragt. Der erste bzw. zweite Zug unserer Kompanie war mit schweren Maschinengewehren ausgerüstet - dazu wurde auch ich eingeteilt -, der dritte mit Granatwerfern. Zu zwölft auf einer Stube waren wir ganz gut untergebracht; der tägliche Dienst, Infanterieausbildung in der tief verschneiten Landschaft rings um Murnau, war bei den winterlichen Temperaturen zwar hart, aber er erschien uns unter militärischen Gesichtspunkten zweckmäßig und war frei von Schikanen.

In diesen Tagen, als sich der letzte deutsche Angriff an der Westfront, die Ardennenoffensive, bereits tot gelaufen hatte, kamen die Meldungen von einer neuen russischen Großoffensive. Sie hatte die damals quer durch Polen und Ostpreußen verlaufende Ostfront an vielen Stellen durchbrochen, große deutsche Truppenteile waren eingeschlossen oder vernichtet worden. Erregende Ereignisse, die auf unseren Stuben manche abendlichen Diskussionen über die Kriegslage auslösten. Aber ein älterer Frontsoldat meinte, wir hätten "unsere letzten Trümpfe noch nicht ausgespielt". Er glaubte wohl immer noch an neue Wunderwaffen. Die unbemannte Flugbombe V 1 und die Fernrakete V 2 waren ja bereits seit Monaten im Einsatz.

Doch unsere Ausbildung unter Leitung eines als 'Tapferkeitsoffizier' aus dem Mannschaftsstand aufgestiegenen Oberleutnants, ausgezeichnet mit dem 'Deutschen Kreuz in Gold', wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Sie erfolgte zunächst an der Standardwaffe der Wehrmacht, dem Karabiner 98 K (ein 5-schüssiges Repetiergewehr), dann aber auch an halb- oder vollautomatischen Waffen wie dem neuen, 10-schüssigen Karabiner 43, am Sturmgewehr 44 (einer 30-schüssigen Maschinenpistole), im Handgranaten Werfen, und schließlich an unserer Spezialwaffe, dem MG 42. Erst während des Krieges bei der Wehrmacht eingeführt, also eine neue Konstruktion, war es robust, kaum störanfällig und verhältnismäßig einfach zu bedienen. Es hatte die außerordentlich hohe Feuergeschwindigkeit von 25 Schuss pro Sekunde, was beim Schießen fast das Geräusch einer Kreissäge verursachte. Sein Name 'Hitlersäge' - offenbar von der deutschen Propaganda in Anlehnung an Bezeichnungen wie 'Molotow-Cocktail' und 'Stalin-Orgel' erdacht - war bei uns aber nicht gebräuchlich; ich habe ihn erst nach dem Krieg erfahren.

Zu einem schweren Maschinengewehr gehörten sechs Mann Bedienung. Der Gewehrführer, der die Stellung aussuchte, den Überblick über den Kampfverlauf behalten musste und über den Einsatz entschied, der Schütze 1, der das Gewehr trug und im Kampf zielte und schoss, der Schütze 2, der die etwa 20 kg schwere Lafette auf dem Rücken zu tragen, zum Einsatz aufzubauen und beim Schießen den Munitionsgurt zuzuführen hatte, sowie die Schützen 3, 4 und 5 mit ihren Karabinern 98 K, Zubehörteilen für das MG sowie der Munition. Alles musste ständig geübt werden, und zwar unter 'kriegsmäßigen Bedingungen', also möglichst unsichtbar, im Liegen und innerhalb von Sekunden. Wegen des großen Gewichts der Lafette hatte der Schütze 2 stets die schwerste Aufgabe und später an der Front wurde meistens unser Stärkster dafür eingeteilt. Aber in Murnau lernte jeder jeden Handgriff zu beherrschen. Natürlich konnte man mit dem MG auch ohne Lafette schießen, auf ein kleines Zweibein gestützt oder am Gurt hängend aus der Hüfte, aber mit Lafette war es auch auf einige Kilometer noch einigermaßen treffsicher.

Beim Schießen gaben wir meist nur kurze Feuerstöße ab. Denn bei sechs Sekunden Dauerfeuer war bereits ein Munitionskasten leer. Außerdem wurde der luftgekühlte Lauf dabei glühend heiß. Mit wenigen Handgriffen, geschützt mit einem dicken Lederhandschuh, konnte er gegen einen Ersatzlauf ausgetauscht werden, was wir immer wieder trainieren mussten. Unter ständigem Stellungswechsel wurden Angriffe geübt. Dabei waren im Gelände 'Pappkameraden' aufgestellt, Zielscheiben, die Kopf und Schulter feindlicher Soldaten darstellten. Sie mussten entdeckt und beschossen werden. Hinterher wurden die Treffer gezählt.

Darüber, dass dies alles für uns bald blutiger Ernst werden könnte, machten wir uns kaum Gedanken. Wir dachten in Ausbildungskategorien, so als ob dies noch lange so weiterginge, und versuchten, möglichst gut zu sein, um entsprechende Beurteilungen zu bekommen. Wir sollten ja einmal Offiziere werden. Ein Beispiel für meine jugendliche Unbekümmertheit mag auch sein, dass ich auf der Waffenkammer mal einige Päckchen Pistolenmunition 'organisierte' und einfach mit der Post nach Hause schickte, weil ich wußte, dass mein Vater eine Pistole besaß.

Unerfreulich war in Murnau die Verpflegung. Das Kantinenessen war zwar nicht schlecht, einmal abgesehen von dem grässlichen Dörrgemüse ('Drahtverhau'), das oft ausgegeben wurde, aber einfach viel zu wenig. Da half auch die 'Jugendzulage' nicht viel, die wir jeden Abend in Form eines Tellers Haferbrei oder eines Stücks gummiartiger Wurst noch bekamen. Nach Dienstschluss gingen wir deshalb manchmal in eine Gaststätte vor der Kaserne, den 'Barbarakeller' (heute ein gutes italienisches Restaurant), um noch ein markenfreies Essen zu bekommen. Hin und wieder schickten mir meine Eltern auch noch einige Lebensmittelmarken, die sie sich selbst absparten. Es war schon ein trauriger Zustand im sechsten Kriegsjahr: Als Siebzehnjährige sollten wir das Vaterland verteidigen und bekamen nicht einmal genug zu essen.

Aber es kam noch schlimmer. Zweimal in diesen Winterwochen mussten wir je 14 Tage unsere geheizte Kaserne verlassen und unter 'kriegsmäßigen Bedingungen' kleine Erdbunker beziehen, die in der Gegend von Uffing am Staffelsee angelegt worden waren. Das waren drei Meter tief in den Boden versenkte, oben mit Erde abgedeckte Behausungen aus Balken und Brettern, jeweils für sechs Mann. Dort schliefen wir nachts auf dreifach in geringem Abstand übereinander eingebauten, dünn mit Stroh bedeckten Bretterböden. Sonst befand sich in dem engen Raum, der durch eine Petroleumlamppe erleuchtet wurde, nur noch ein Brett als Tisch, eines als Bank, ein Gewehrständer und ein winziger eiserner Ofen mit Rohr ins Freie. Das Feuer musste nachts ständig bewacht werden, damit es bei dem stets feuchten Brennholz nicht erlosch. Von Waschen konnte bei dem eisigen Winterwetter kaum die Rede sein. Beim nächtlichen Wache Stehen - jeweils zwei Stunden - war es oft so kalt, dass das Oberleder der Stiefel gefror.

Es blieb aber natürlich nicht beim Wache Stehen. Gefechtsübungen waren angesagt. 'Gegner' waren ungarische Soldaten, ebenfalls in der Kemmel-Kaserne stationiert, die eine Bunkerlinie uns gegenüber bezogen hatten. Da musste nachts aufgeklärt, angegriffen und verteidigt werden, es ging durch Schnee, über Stock und Stein, über Stacheldrahtzäune und durch Bäche. In einem Dorf wurden Straßen- und Häuser-kämpfe geübt. Wir verschossen dabei reichlich Platzpatronen, wobei wir uns über die Ungarn empörten, die oft den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von fünf Metern nicht einhielten. Wegen der erheblichen körperlichen Strapazen wären wir gern mal krank geworden, um Dienstbefreiung zu erhalten. Aber es war erstaunlich, was der Mensch alles aushält. Abgesehen davon machte dieses Kriegspielen sogar gewissen Spass. Der 'Feind' schoss ja nicht scharf und so bestand keine ernsthafte Gefahr.

Als endlich Tauwetter einsetzte, stellte sich heraus, dass sich gerade unter meinem Bunker eine Quelle befand. Das Wasser begann zu steigen, Schöpfen erwies sich als vergeblich. Bald stand es einen halben Meter hoch im Raum, der kleine Ofen war überflutet und wir konnten nur noch auf der obersten Bretterlage schlafen. Schließlich musste diese komfortable Behausung ganz aufgegeben werden, wir wurden auf andere natürlich ohnehin schon voll belegte Erdbunker aufgeteilt. Es war wie eine Erlösung, als wir wieder in unsere Kaserne zurück verlegt wurden und endlich einmal warm duschen konnten.

Nach oben

Der Fahneneid

Eines Tages wurden wir erneut vereidigt, für mich nach Hitlerjugend, Flak und Arbeitsdienst nun schon das vierte Mal. Aber im Gegensatz zu den feierlichen Zeremonien bei HJ und RAD, die mehr unter der Regie der NSDAP standen, war dies bei der Wehrmacht eine eher nüchterne Angelegenheit. Mit Stahlhelm auf dem Kopf mussten wir im Kasernenhof antreten und mit erhobener rechter Hand die Eidesformel nachsprechen:

Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid,
dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes
Adolf Hitler,
dem obersten Befehlshaber der Wehrmacht,
unbedingten Gehorsam leisten
und als tapferer Soldat bereit sein will,
jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen

Überlegungen oder Diskussionen über Bedeutung, Sinn und Verbindlichkeit des Eides gab es bei uns nicht. Es gab auch keine Alternative, schon garnicht das 'Recht auf Kriegsdienstverweigerung'. Eine solche zu versuchen hätte unter dem NS-Regime, das war uns klar, mit größerer Sicherheit zum Tod geführt als der Kriegsdienst selbst. Wichtig war für uns die Vereidigung vor allem deshalb, weil wir erst ab diesem Zeitpunkt Ausgang aus der Kaserne bekamen.

Nach oben

'Abstellung' an die Front

An einem Sonntag, es war der 26. März 1945, lag ich morgens halbwach in meinem Bett. Wecken wäre heute erst um 8 Uhr gewesen. Da erschreckte uns um 6 Uhr der schrille Pfiff des Unteroffiziers und der Befehl: 'Alles aufstehen, fertigmachen zum Empfang der Feldausrüstung!' Wir hatten geglaubt, noch vier Wochen in Murnau zu bleiben und dann auf einen Offizierslehrgang nach Lenggries zu kommen, und ich hatte mich schon auf einen Besuch meiner Eltern zu Ostern gefreut. Nun hieß es, wir sollten 'abgestellt', d.h., an die Front verlegt werden. Wir bekamen neue Uniformen und Waffen sowie Marschverpflegung für fünf Tage. Es wurde Gelegenheit zur Beichte und zur Teilnahme am Abendmahl gegeben. Dann hielt ein Leutnant eine Ansprache, in der er uns ermahnte, stets auf gute Deckung und Tarnung bedacht zu sein, so wie wir es gelernt hätten. 'Macht kurze Sprünge' riet er uns für den Fall, dass wir uns in feindlichem Feuer bewegen müssten.

Dann gings mit dem Zug nach München, wo in den Kasernen am Oberwiesenfeld schon riesige Truppenmassen versammelt waren. Zug um Zug wurden diese auf offenen, mit Holzgas betriebenen Lastwagen abtransportiert. Wir waren um Mitternacht an der Reihe. Es regnete in Strömen. Über Donauwörth, Dinkelsbühl, Bad Mergentheim fuhren wir Richtung Norden. Als am nächsten Tag unsere Holzgaserkolonne mühsam einen Berg hinauf schlich - bei einigen Fahrzeugen musste die Besatzung sogar absteigen, weil es sonst der Motor nicht schaffte - kam plötzlich aus einem Seitental ein Tiefflieger auf uns zu. Als das Flugzeug direkt auf uns zielte, duckten wir uns instinktiv und erwarteten, dass es jede Sekunde das Feuer eröffnen würde. Doch nichts geschah, und dann erkannten wir: Eine deutsche Arado 196! Es war das letzte deutsche Flugzeug, das ich in diesem Krieg noch am Himmel sehen sollte. Wieder Glück gehabt! Denn feindliche Tiefflieger beherrschten den Luftraum total.

Schließlich Endstation: Ein kleines Dorf in der Maingegend, wo wir in Scheunen Quartier bezogen und von der Bevölkerung freundlich mit Speck und Apfelmost empfangen wurden. Es hieß, wir würden 'hinter der Front' weiter ausgebildet. Dann wurde plötzlich Marketenderware ausgegeben, darunter auch für jeden eine Flasche Rum, womit wir wenig anzufangen wußten. Aber wir freuten uns; es war Karfreitag, und wir dachten, das sei eine Zusatzration für Ostern. Bis uns erfahrende Soldaten sagten, das sei ein schlechtes Zeichen. Wir würden wohl verlegt und der Fourier wolle nur seine Waren loswerden, um sie nicht selbst transportieren zu müssen. So war es dann auch. Schon den ganzen Tag über hatten wir in der Ferne das Grummeln und Rummsen der Artillerie gehört, gegen Abend schwoll es zu mächtigem Donnern an. Dann ringsum in der Dunkelheit der Feuerschein brennender Dörfer. Der Großangriff der 7. US-Army gegen Nordbayern hatte begonnen. Plötzlich der Befehl: Schützenlöcher graben, um das Dorf zu verteidigen. Es war das erste Schützenloch von vielen, die ich mit meinem kleinen Infanteriespaten in den nächsten Wochen noch ausheben sollte. Alte Soldaten sagten uns, der Spaten sei oft wichtiger als der Karabiner. Einige gewaltige Detonationen rollten über den Main zu uns herüber. Der nahegelegene Flugplatz Wertheim war gesprengt worden. Dann immer näher das Tacken amerikanischer Maschinengewehre. Durch ihre langsamere Schussfolge waren sie von den deutschen leicht zu unterscheiden. Erstmals beschlich mich ein unheimliches Gefühl. Was kommt auf uns zu? Aus dem vermeintlichen Ausbildungsstatus waren wir unvermittelt ins Frontgeschehen geraten.

Aber dann überraschend der Befehl: Schanzen einstellen, fertigmachen zum Abrücken! Es folgte ein langer, anstrengender nächtlicher Rückmarsch, der erste von vielen, die noch folgen sollten. Unser Gepäck, der Rucksack mit Mantel, Wäsche usw. wurde zwar von Troßfahrzeugen transportiert, aber wir waren schwer beladen mit Waffen und Munition. Im Morgengrauen erreichten wir die in einer Talmulde gelegene kleine Stadt Lauda. An Häusern lasen wir Inschriften: 'Wer die weiße Fahne hißt, hilft dem Feind und wird erschossen'. War es denn schon soweit, dass man mit dem Hissen der weißen Fahne rechnete? Dann wurden wir in einen Güterzug verladen. Es hieß, wir würden an die Ostfront verlegt. Aber der Zug fuhr und fuhr nicht. Hoch über uns flogen amerikanische Bombengeschwader Richtung Süden. Wir verzogen uns in den Luftschutzkeller einer nahegelegenen Schule. Dann: Wir werden nicht verlegt, die Amerikaner haben bei Bad Mergentheim die Bahnlinie abgeschnitten. Drei unserer vier Maschinengewehre werden an die Talausgänge, etwa 2 km entfernt, verlegt. Dort geraten sie in heftige Tieffliegerangriffe, die wir gut beobachten können. Schwarze Qualmwolken und brennende Häuser. Mein MG bleibt als Reserve im Ortszentrum. Nachts dann völlig überraschend der Befehl: Abrücken; die deutschen Stellungen rings um Lauda seien bereits geräumt, die Stadt eingeschlossen. Wir waren wie aus allen Wolken gefallen. Von den Höhen rings umher hörten wir das Motorengebrumm und Kettenrasseln amerikanischer Panzer. Der Motor eines Wehrmachtsfahrzeugs will in der kalten Nacht nicht anspringen. Der Fahrer macht ein Feuer darunter, um den Motor anzuwärmen. Ein gutes Ziel für feindliche Panzerschützen, die uns mit einem Granathagel eindecken. Zu sechst verlassen wir schließlich mit unserem MG die Stadt querfeldein, bei jedem Heranfauchen einer Granate unterbrochen durch Hinlegen, wie wir es auf dem Kasernenhof in Murnau gelernt hatten, bis Splitter, Steine und Dreck verflogen waren. Dann auf Waldwegen erneut ein anstrengender Nachtmarsch. Am nächsten Morgen fanden wir wieder Anschluss an unsere Kompanie. Gleich wollte man uns zur Arbeit einspannen, aber ich schlich mich weg und kroch unter eine geheizte Feldküche zum Schlafen. Es war empfindlich kalt und ich war todmüde.

Nach oben

Schützenloch-Perspektive

Schon nach diesen ersten Gefechtsberührungen war ein Teil meiner Murnauer Kameraden vermißt; wir vermuteten, dass sie in Gefangenschaft geraten waren. Die nächsten vierzehn Tage verliefen dann immer nach der gleichen Regel: Nachts zurück marschieren, im Morgengrauen in Stellung gehen, was jedesmal das Ausheben eines Schützenlochs bedeutete. Schon das war - je nach Bodenbeschaffenheit - eine erhebliche Anstrengung. In lehmigem Boden grub ich es stets mannstief, etwa 1 m lang und 50 cm breit, mit einer Stufe in halber Tiefe als Sitz. In steinigem Boden schaffte man das nicht, da gab es nur eine Körperlange, 50 cm breite und etwa 40 cm tiefe Liegemulde. Dort musste man dann den Tag und oft auch die Nacht verbringen. Bei schönem Wetter ließ es sich aushalten, bei Regen und Kälte wurde es unangenehm, denn wir hatten weder Mantel noch Zeltbahn bei uns. Solche Tage und besonders Nächte waren dann trostlos, schnell kriecht die Nässe bis auf die Haut. Auf dem Rand des Lochs lag stets schussbereit der Karabiner, schlafen durfte man nur abwechselnd mit dem benachbarten Kameraden, der die Beobachtung Richtung Feind übernahm.

So hieß es abwarten, bis die Amerikaner, die nur bei Tag angriffen, heran waren, dann wieder abhauen. Denn mit unserem Maschinengewehr konnten wir gegen Panzer nichts ausrichten, und schwere, panzerbrechende Waffen besaßen wir nicht. Meist lagen wir mit unserem MG auf einer Anhöhe etwas hinter der vordersten Schützenlinie und hatten einen guten Überblick. Hinter der gegenüberliegenden Hügelkette lugte manchmal der Turm eines feindlichen Panzers hervor. Das gegnerische Feuer - Sprenggranaten erzeugten einen Blitz mit Erdfontäne und schwarzem Rauchpilz, Phosphorgeschosse weißen Qualm und umher sprühenden Funkenregen - lag meist vor uns in der Mulde. Je nach Entfernung der Einschläge hörten wir das Fauchen der Geschosse und den Explosionsknall oft erst hinterher. Da wir selbst nicht schossen, wurden wir auch nicht entdeckt und fühlten uns relativ sicher.

Freilich ging das nicht immer so glatt von statten. Einmal lagen wir auf einer Hügelkuppe, als gegenüber, in vielleicht tausend Meter Entfernung, amerikanische Infanteristen - ein ganz seltener Anblick - an einem Waldrand auftauchten. Unser Zugführer gab Feuerbefehl. In wenigen Sekunden war die Bereitschaftsmunition verschossen - 25 Schuss in der Sekunde - so dass ich aus meinem Loch heraus und, flach auf die Erde gepresst, Munitionsnachschub zum MG bringen musste. Die Amerikaner stoben auseinander und verschwanden im Wald. Sofort befahl unser erfahrener Feldwebel das Räumen der Stellung. Wir packten zusammen und liefen, gegen Feindeinsicht geschützt, den rückwärtigen Hang hinunter. Wir waren noch keine 500 Meter entfernt, als hinter uns auf die Hügelkuppe, die wir gerade verlassen hatten, eine Feuerwalze niederging, wie ich sie noch nicht erlebt hatte. Im Nu war alles in dichten schwarzen Qualm gehüllt, ständig durchzuckt von den rotgelben Blitzen explodierender Granaten. Die Amerikaner besaßen eine ungeheure Feuerkraft. Uns freilich konnte dies nichts mehr anhaben, gerade noch rechtzeitig verschwanden wir im nächsten Wald. Aber interessiert hätte mich, ob ein Einschlag direkt eines unserer Schützenlöcher getroffen hat.

Ähnliches Glück hatten wir noch ein anderes Mal. Auf einem Tagmarsch machten wir gerade Rast in einer kleinen Kiesgrube. Durch irgendeinen Umstand hatten uns die Amis entdeckt und überschütteten die Gegend völlig überraschend mit einem Geschosshagel aus Granatwerfern. Meinen Stahlhelm konnte ich so schnell nicht aufsetzen, denn in den hatte ich - immer auf guten Verpflegungsvorrat bedacht - unvorsichtigerweise eine Packung Dauerbrot eingeschnürt. So half nur noch: Flach auf den Boden pressen und die Hände über den Kopf. Aber wie durch ein Wunder fiel kein einziges Geschoss direkt in die Kies-grube - es hätte ein Blutbad angerichtet.

Als wir einmal ein Dorf durchquerten, tauchte ein Tiefflieger vom Typ Thunderbolt auf und zog hartnäckig immer wieder seine Schleifen. Unser Zugführer entschied: Den beschießen wir. Zum Aufbauen der Lafette gegen Flugziele war keine Zeit mehr. Einer legte sich das MG mit dem Lauf über die Schulter, der Feldwebel schoss und wir führten die Munition zu. Das Flugzeug verschwand, eine leichte Rauch- oder Ölspur nach sich ziehend, und kam nicht wieder. Hier zwischen den Häusern erzeugte dieses Schießen einen Höllenlärm. Was uns aber fast schockierte, war das fürchterliche Geschrei einiger Frauen, die in den Haustüren standen. Noch nie hatte ich Frauen so schreien, ja geradezu kreischen gehört. Ich war ganz konsterniert und dachte, es schießen doch nur wir und nicht der Feind. In Wirklichkeit, aber dafür hatten wir damals keinen Sinn, hatten die Frauen wohl Angst um ihr Dorf. Denn wir erlebten immer wieder: Die amerikanischen Truppen gingen stets behutsam vor, und wo sie auf Gegenwehr stießen, zogen sie sich zunächst zurück. Aber dann deckten sie die Widerstandsnester mit vernichtendem Granatwerferfeuer ein. So gingen oft die ersten Häuser eines Dorfes in Flammen auf.

Einmal gelang uns das Räumen unserer Stellung nur noch knapp. Ich war in meinem Schützenloch eingeschlafen. Plötzlich wurde ich durch Lärm und Rufen geweckt und sah, dass die Nachbarschützen ihre Löcher verließen. Aus dem Dorf vor uns rollten schon die ersten Amipanzer heraus. Noch schnell meine Utensilien zusammenpacken, aus dem Loch, durch Gebüsch und über Wiesen davon war eins. Um uns herum spritzte die Erde von Einschlägen kleinkalibriger Geschosse auf. Plötzlich rief mein Nachbar: 'Jetzt haben sie mir in die Gasmaskenbüchse geschossen', und zeigte mir das Einschussloch. Zehn Zentimeter daneben hätte es ihn selbst getroffen. Wir wurden offenbar aus größerer Entfernung mit Maschinengewehren beschossen. Ein Murnauer Kamerad erhielt einen Oberschenkelschuss; mit den Worten 'ich glaub', mich hat's erwischt', brach er zusammen. Er konnte aber mitgeschleppt werden und kam später in ein Lazarett. Für ihn war damit der Krieg zu Ende.

Auf den Wiesen verstreut fanden wir Flugblätter, die die Amerikaner abgeworfen hatten. In gelber Schrift auf schwarzem Grund stand da: 'Warum in den letzten Tagen des Krieges sterben? Schluss machen!' Und auf der Rückseite war genau erläutert, wie man das machen soll: 'Du kannst Dich ergeben, indem Du die Hände hochhebst, Dich den Alliierten näherst und ihnen 'Ei sörrender' (Ich ergebe mich) zurufst. Mache es ganz klar, dass Du aufgibst: Helm herunter, Koppel ebenfalls. Schwenke ein Taschentuch oder Flugblatt. Kannst Du das nicht, dann warte, bis der Angriff Dich erreicht hat. Oder bleibe zurück, wenn die anderen zurückgenommen werden. Vorsicht: Mache es klar, dass Du aus dem Kampf scheidest. Wir wollen Dein Leben schonen. Wer aber weiter kämpft, kann nicht geschont werden.'

Ein Flugblatt steckte ich mir ein, ich fand es einfach interessant. Dass es mir vielleicht gefährlich werden könnte, wenn es in kritischer Situation von Feldgendarmerie oder Waffen-SS gefunden würde, bedachte ich nicht.

Nach oben

Die Tragödie von Brettheim

Dann wurde unsere Einheit wieder aus der vordersten Linie herausgezogen, es folgte einer unserer vielen Rückmärsche, und gegen Abend kamen wir in das Dorf Brettheim bei Rothenburg o.T. Singend marschierten wir in die Ortschaft. Wir waren ganz gut gelaunt, weil wir die Erfahrung gemacht hatten, dass die Bevölkerung im bayerisch-württembergischen Grenzgebiet recht freundlich zu uns war. Immer wieder wurden uns Äpfel und Brot, manchmal sogar Geräuchertes zugesteckt und meistens Apfelmost ausgeschenkt. Wir waren dafür dankbar, denn unsere Truppenverpflegung war höchst unregelmäßig und Hunger hatten wir immer.

Aber unsere gute Stimmung war unangebracht. Nachdem wir unsere Ausrüstung in Ordnung gebracht hatten, durften wir uns auf den Heuböden der Bauernhöfe schlafen legen. Am nächsten Morgen kam ein Soldat vorbei und erzählte uns, von der SS seien drei Bürger des Dorfes vor dem Friedhof aufgehängt worden; sie würden noch dort hängen. Schon in den vergangenen Tagen hatten wir Gerüchte vernommen, dass desertierte Soldaten aufgehängt worden seien. Aber gesehen hatten wir das noch nicht. Deshalb gingen wir alsbald hinauf zum Friedhof.

Vor dem Eingangstor standen zwei kahle Laubbäume. An den untersten Ästen hingen drei Männer, jeder an einem Strick um den Hals, den Kopf seitlich nach vorne gekippt, die Füße einen halben Meter über dem Boden. Jeder hatte eine Tafel auf der Brust, auf der in schwarzer Schrift etwa folgender Text stand: 'Ich bin der Verräter Hanselmann. Ich habe die deutsche Wehrkraft geschädigt und damit dem Feind geholfen.' 'Ich bin der Bürgermeister Gackstatter. Ich habe mich schützend vor den Verräter Hanselmann gestellt.' 'Ich bin der Ortsgruppenleiter Wolfmeyer. Ich habe mich schützend vor den Verräter Hanselmann gestellt.'

Dorfbewohner erzählten uns dann, einige Hitlerjungen hätten sich mit Gewehren und Panzerfäusten zur Verteidigung gegen die Amerikaner einrichten wollen. Der Bauer Hanselmann habe sie aus Furcht, im Zuge der dann zu erwartenden Kampfhandlungen könne das Dorf zerstört werden, verjagt und die Waffen in einen Teich geworfen. Dies sei einer in der Nähe befindlichen SS-Einheit gemeldet worden, die daraufhin ein Standgericht eingesetzt habe. Als Beisitzer seien der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter der NSDAP herangezogen worden. Ein SS-Offizier habe gegen Hanselmann das Todesurteil ausgesprochen, die Beisitzer Gacksstatter und Wolfmeyer hätten sich jedoch geweigert, es zu unterschreiben. Daraufhin seien sie ebenfalls aufgehängt worden.

Wir betrachteten uns die Toten eine Weile. Am meisten verwundert war ich - daran erinnere ich mich noch heute - dass die SS auch den NSDAP-Ortsgruppenleiter aufgehängt hatte. 'Sogar ihre eigenen Leute' dachte ich. Auf Weisung der SS mussten die Leichen zur Abschreckung drei Tage hängen bleiben.

Dieses Ereignis von Brettheim wird mir zwar mein ganzes Leben in Erinnerung bleiben, aber damals, im April 1945, hat es uns nicht spürbar erschüttert. Wir sahen nur keinen Sinn mehr in diesem Durchhaltefanatismus, zumal er offensichtlich im Widerspruch zur Taktik unserer eigenen militärischen Führung stand. Die war nämlich eigentlich ganz vernünftig. Mangels panzerbrechender Waffen versuchten unsere Vorgesetzten meist, Kampfhandlungen auszuweichen. Kopfschüttelnd beobachteten wir einmal, wie eine Abteilung Waffen-SS, Soldaten, genau so alt - so jung - wie wir, über und über mit Patronengurten behängt nach vorne ging, während unsere Wehrmachtseinheit auf der gleichen Straße befehlsgemäß zurück marschierte.

Wir zogen wieder aus Brettheim ab. Eine Woche später wurde die Ortschaft, wie ich erst lang nach dem Krieg erfuhr, im Zuge von Kampfhandlungen zu drei Vierteln zerstört, 17 Einwohner fanden den Tod.

Heute befindet sich im Rathaus von Brettheim eine kleine, eindrucksvolle Gedenkstätte, in der jene Vorgänge ausführlich dokumentiert sind. In Wirklichkeit waren sie komplizierter, als sie uns 1945 erzählt wurden. Es fanden damals mehrere Standgerichtsverfahren statt, Gnadengesuche der Verurteilten wurden von dem zuständigen SS-General abgelehnt. In den fünfziger Jahren wurden gegen die beteiligten SS-Offiziere Strafverfahren durchgeführt. Einer erhielt eine Gefängnisstrafe, weil er in die Standgerichtsverhandlung ein vorgefertigtes Todesurteil mitgebracht, also gar nicht 'echt' verhandelt hätte. Im übrigen erfolgten Freisprüche mit der Begründung, dass die Vorgänge 'nach damaligem Recht' - dem des untergehenden 'Dritten Reichs' - zu beurteilen seien. Ein erneuter Schlag für die Einwohner dieses schwer geprüften Dorfes.

Man kann in der Gedenkstätte (geöffnet jeden ersten Sonntag im Monat von 14 - 17 Uhr), einen ergreifenden, traurigen Videofilm sehen, in dem u.a. auch Angehörige der Hingerichteten zu Wort kommen. Am Eingang zum Friedhof von Brettheim, unter den Bäumen, die damals als Galgen dienten, befindet sich heute eine Gedenktafel mit der Inschrift:

'Unser Bürgermeister LEONHARD GACKSTATTER und unsere Mitbürger, Bauer FRIEDRICH HANSELMANN und Hauptlehrer LEONHARD WOLFMEYER, wollten am Ende des schon verlorenen Krieges Blutvergießen und sinnlose Zerstörung durch rechtes Handeln verhindern. Sie wurden von der SS verhaftet und am 10. April 1945 an diesen Linden erhängt.'

Nach oben

Eingeschlossen und versprengt

Auf unserem weiteren Rückmarsch ging das Gerücht um, in unserem Abschnitt sei eine deutsche Panzereinheit mit 25 'Königstigern', dem damals modernsten deutschen Panzer, zum Gegenangriff angetreten. Ich nahm das mit recht gemischten Gefühlen auf, bedeutete es doch womöglich, dass wir, seit Tagen auf einem beschwerlichen Rückzug befindlich, wieder kämpfend nach vorne mußten, um dann vermutlich nach kurzer Zeit das zurückeroberte Gebiet erneut zu räumen. Denn wie sollte ein örtlicher Gegenangriff die Gesamtkriegslage ändern? Ich behielt meine Meinung jedoch vorsichtshalber für mich, bis der neben mir marschierende Kamerad meinte: 'Sag mal, gehts dir auch so wie mir - ich bin gar nicht begeistert von diesem Gegenangriff der Königstiger'. Ich stimmte ihm zu. Von uns hatte keiner Lust, geräumtes Gelände wieder zurückzuerobern. Dann erreichte uns die Nachricht vom Tod US-Präsident Roosevelts (11.4.45), und alsbald tauchten Gerüchte auf, dass der Widerstand an der Westfront eingestellt und nur noch an der Ostfront, womöglich mit Unterstützung der Westalliierten, fortgesetzt werden sollte. Natürlich war dies barer Unsinn, wahrscheinlich eine dem Wunschdenken entsprungene verzweifelte Parole der NS-Propaganda.

Dann mußte unsere Kompanie wieder Stellung beziehen, diesmal auf einer bewaldeten Anhöhe. Ich wurde als Beobachter eingeteilt und schlich mich hinunter bis an den Waldrand. In der Talmulde, dicht vor mir, sah ich ein einzelnes Gehöft, und - ich traute meinen Augen nicht - sieben oder acht amerikanische Panzer vom Typ 'Sherman', matt oliv mit dem weißen fünfzackigen Stern. Sie standen ganz friedlich da und wirkten doch drohend wie vorsintflutliche Ungeheuer. Anscheinend hatten sie hier eine Ruhepause eingelegt.

Ich meldete die Beobachtung, aber wir verhielten uns natürlich ruhig. Gegen Abend kam dann wieder der Befehl zum Abrücken. Doch dies stellte sich alsbald als unmöglich heraus: Wir waren ringsum von amerikanischen Truppen eingeschlossen. Nun hieß es, wir sollten uns bis zum Einbruch der Dunkelheit im Unterholz verbergen und dann versuchen, uns in kleinen Gruppen durchzuschlagen. Wir hatten es uns zu sechst im Dickicht gerade bequem gemacht, als wir plötzlich Tritte und ungewohnte Stimmen hörten. Und der Atem stockte mir, als nur wenige Meter vor uns eine Abteilung amerikanischer Infanteristen, einer hinter dem anderen, vorbeizog. Sie unterhielten sich ganz ungeniert, dachten wohl, sie seien hier allein. Von uns allerdings drohte ihnen keine Gefahr. Obwohl jeder seinen schussbereiten Karabiner hatte und das MG mit reichlich Munition da lag, verhielten wir uns mucksmäuschenstill. Noch nie hatte ich den Gegner so nahe gesehen. Als die Amis verschwunden waren, fiel mir ein Stein vom Herzen.

In der mondhellen Nacht schlichen wir dann, uns nach den Sternen orientierend, vorsichtig aus dem Wald, um uns abzusetzen. Nach einiger Zeit vor uns ein Dorf. Es war nicht erkennbar, ob dort noch die Deutschen oder schon die Amerikaner lagen. Unser Feldwebel ließ halt machen und befahl mir, zusammen mit einem Kameraden dies zu erkunden. Es war unheimlich. Wie sollten wir uns der Ortschaft nähern? Entweder mit schussbereitem Gewehr anschleichen, oder mit umgehängten Karabiner auf der Straße vorgehen? Wir entschieden uns für die letztere Alternative, in der Annahme, dass wir dann von etwaigen Posten, gleich ob Deutsche oder Amerikaner, nicht sofort beschossen, sondern erst angerufen würden. Mit Herzklopfen erreichten wir schließlich das Dorf, es schien menschenleer, im Niemandsland.

Schließlich fanden wir, abgesprengt von unserer Kompanie, Anschluß an einen Wehrmachtstross und zogen mit diesem die nächsten Tage weiter Richtung Süden. Unser Feldwebel besorgte uns einen Marschbefehl. Ohne einen solchen aufgegriffen zu werden, hätte als Fahnenflucht ausgelegt und ein schlimmes Ende nehmen können - siehe Brettheim. Es folgten tage- bzw. nächtelange anstrengende Märsche. Wir 'organisierten' uns einen Leiterwagen, damit wir wenigstens unser Maschinengewehr und insbesondere die schwere Lafette nicht mehr zu tragen brauchten. In Aalen kamen wir dazu, als die Bevölkerung ein großes Süßwarenlager plünderte. Auch wir konnten uns mit den lange nicht mehr gesehenen Leckereien, insbesondere Schoka-Cola und Dextro-Energen, eindecken. Ich füllte Brotbeutel und Gasmaskenbüchse bis zum Rand damit. Die Gasmaske, in dieser Kriegsphase entbehrlich, gaben wir beim Tross ab. Bei Leipheim überschritten wir die Donau auf einer Behelfsbrücke aus Pontons. Die Autobahnbrücke daneben lag, von deutschen Pionieren bereits gesprengt, wie ein zerbrochenes Betonband im Wasser.

Schließlich erhielten wir drei jungen Offiziersbewerber, zwei Murnauer Kameraden und ich, den Befehl, uns wieder bei einer Kampfeinheit zu melden. Aber am Zielort, dem Dorf Kleinkötz, fanden wir in der stockdunklen Nacht die neue Einheit nicht sofort und legten uns, ohnehin todmüde und erschöpft, auf dem Heuboden eines Bauernhofs schlafen. Am nächsten Tag würde sich das weitere schon finden.

Nach oben

In Gefangenschaft

Als wir uns am Morgen die Augen rieben, erschien der Bauer und sagte: 'Was, ihr seid noch da? Heute früh um fünf sind die Amerikaner durchs Dorf gefahren!' Wir hatten nichts gemerkt und waren zunächst wie vom Schlag gerührt. Dann versteckten wir uns im Wald, um erneut die Dunkelheit abzuwarten. Bei Tag konnte man sich nicht blicken lassen, überall waren US-Kolonnen unterwegs. Schließlich begannen wir, uns nachts Richtung München durchzuschlagen, waren wir doch kaum noch 100 km von zuhause entfernt. Unsere Karabiner warfen wir weg. Aus ihnen hatten wir keinen Schuss auf einen Feind abgefeuert.

Ein Problem war alsbald die Verpflegung. Eines Morgens - wir hatten schon eine gewisse Strecke zurückgelegt - trieb uns einfach der Hunger in ein Dorf. Weiße Fahnen hingen an den Häusern. Wir nahmen an, uns im Niemandsland zwischen den Fronten zu befinden. In einer Nebenstraße sah ich im Morgennebel undeutlich ein sonderbares Auto. Ein zerstörtes Wehrmachtsfahrzeug? Ich dachte noch, so eines hast du noch nie gesehen, als sich von diesem zwei Gestalten lösten, unverständliche Laute riefen und mit erhobenen Revolvern auf uns zukamen. Das Auto war ein US-Jeep. Da wurde uns klar, dass wir einem amerikanischen Doppelposten direkt in die Arme gelaufen waren. Wir hoben die Hände und riefen wie aus einem Mund 'we surrender' - wie wir es auf dem Flugblatt gelesen hatten.

Die beiden Amis tasteten uns flüchtig nach Waffen ab, meine Kameraden mussten ihre Armbanduhren hergeben - bei uns hatte sich schon herumgesprochen, dass dies die berechtigte Beute des Siegers war. Ich hatte ohnehin keine und war froh, dass ich Brotbeutel und Gasmaskenbüchse voll Dextro-Energen behalten durfte. Dann machten wir mit unserem Schulenglisch den verzweifelten Versuch, die Amis zu überreden, dass sie uns wieder laufen ließen: 'We don't have arms, we want to go home'. 'When the war is over you can go home' war ihre zwar nicht unfreundliche, aber bestimmte Antwort. Dann gab es noch einen kritischen Moment. Die Amerikaner dirigierten uns an eine Mauer, mit erhobenen Händen und dem Gesicht zur Wand, und einer stellte sich mit seinem Revolver im Anschlag hinter uns auf. Ich hatte ein unsicheres Gefühl: 'Was haben die jetzt mit uns vor?' Es war ähnlich wie vier Wochen vorher auf dem Lastwagen während unserer Fahrt an die Front, als ein Tiefflieger auf uns zukam und wir jeden Augenblick mit der Feuereröffnung rechneten. Aber nichts rührte sich. Es ging nur der eine Ami fort, um zu melden, dass sie drei Gefangene gemacht hätten, während uns der andere auf diese Weise in Schach hielt. Dann kamen weitere US-Soldaten. Sie waren ganz angetan, dass wir englisch sprachen. Einer fragte mich nach meinem Alter, und als ich sagte, siebzehn, meinte er, was wir da schon im Krieg wollten. In Amerika gingen die Jungen in diesem Alter noch in die Schule. Ein anderer meinte, warum wir nicht aufgäben; so würde ganz Deutschland zerstört. Ich zuckte die Achseln. Was sollte ich da erklären. Nach einigen Stunden wurden wir dann zusammen mit weiteren Gefangenen auf Lastwagen verladen und in ein kleines Lager - es war in der Ortschaft Mittelneufnach in Schwaben - gefahren. Eigentlich war ich da zunächst ganz zufrieden. Die ewige Marschiererei hatte ein Ende, die Amerikaner fuhren uns von der ersten Stunde an mit dem Auto, und im Stillen hatte ich die vage, wenn auch angesichts der Kriegslage illusorische Hoffnung, auf diese Weise vielleicht noch nach Amerika zu kommen.

Nach wenigen Tagen kamen wir dann in ein größeres Lager, einen Fabrikhof in Schwabmünchen, auf dem etwa 10 000 Gefangene zusammengepfercht waren. Man konnte nichts anderes tun, als umher zu laufen. Bald regnete es und der Boden verwandelte sich in Morast. Dann wurde es empfindlich kalt und fing an zu schneien. Manche konnten sich kleine Zelte bauen. Da ich weder Mantel noch Zeltplane besaß, fror ich erbärmlich. Nachts war es unmöglich, sich zum Schlafen zu legen. So bildeten wir eine kleine Gruppe, jeweils einer durfte sich auf einen Rucksack setzen und schlafen, während sich die anderen eng um ihn herum stellten, damit er nicht umfiel. Nach einer halben Stunde kam dann der nächste dran. Solche Nächte waren endlos. Sie wurden nur unterbrochen durch Maschinengewehrsalven, die die Posten mit Leuchtspurmunition über unsere Köpfe hinweg abgaben, offenbar, um uns einzuschüchtern. Angst hatten wir deshalb aber nicht, denn es gab nie Anhaltspunkte dafür, dass ins Lager geschossen würde.

Inzwischen hatte es auch erstmals Verpflegung gegeben - pro Tag zwei kleine, etwa kondensmilchbüchsengroße Dosen aus US-Beständen: Eine 'schwere' mit einem Fertiggericht darin, natürlich kalt, und eine 'leichte', mit einigen Keksen, etwas Zucker, Nescafe-Pulver und Kaugummi. Lauter gute Sachen, von denen wir begeistert waren, aber es war natürlich viel zu wenig. Doch zunächst konnte ich ja noch von meinen Dextro-Energen-Tabletten zehren. Wasser gabs wenig; gut dran war, wer noch etwas in der Feldflasche hatte. Wenn man auf die Toilette wollte - einige hölzerne Häuschen, wie man sie auf Baustellen findet, für Tausende von Leuten - war dies eine Halbtagsunternehmung. Man stellte sich in einer Schlange an, die sich durchs ganze Lager zog, und rückte Viertelstunde um Viertelstunde dem Ziel näher. Ich hatte dabei keine Probleme, denn es gab ja wenig zu Essen. Anderen ging's weniger gut, und nach kurzer Zeit war die ganze Gegend um die Häuschen durch nächtliche Besucher so verschissen, dass man kaum noch durchsteigen konnte. In diesem tristen Dasein lebten wir nahezu zeitlos und ohne Informationen über das Kriegsgeschehen. In der Nacht zum 1. Mai schneite es wieder, und an dem Tag selbst hob plötzlich im ganzen Lager ein lautes Gröhlen an, für das zunächst kein Grund erkennbar war. Offenbar war die Nachricht von Hitlers Tod ins Lager gelangt, und man erhoffte sich dadurch ein Ende des Krieges - und die alsbaldige Entlassung.

Nach oben

Heilbronn

Schlechter kann's nicht mehr werden, dachte ich und stellte mich an, als Gefangene auf Armeelastwagen abtransportiert wurden. 50 Mann kamen dicht gedrängt auf einen Truck. Es war so eng, dass wir trotz strömenden Regens nur bis auf Brusthöhe nass wurden, natürlich bis auf die Haut. Mit unbekanntem Ziel ging's Richtung Westen. Bei einem Zwischenstopp in Aalen, Württemberg, konnten wir die Nacht wenigstens trocken in einer Fabrikhalle verbringen, aber als sich alle schlafen legen wollten, erwies sich diese als viel zu klein. Man konnte nur im Sitzen schlafen. Dann gings wieder weiter, und in der nächsten Nacht wurden wir in einer großen Stadt abgeladen, die offensichtlich hauptsächlich aus Ruinen bestand. Heilbronn. In endlosen Kolonnen marschierten wir nun durch die Straßen - rechts und links begleitet von Posten, die stets 'go on', 'let's go' oder 'hurry, hurry' riefen. Es regnete immer noch in Strömen und wir liefen ganz gern, hofften wir doch, wieder unter irgendein Dach zu kommen. Dann erreichten wir freies Gelände, die Kolonnen wälzten sich durch ein mit Stacheldraht bewehrtes Tor, die Posten waren verschwunden und wir standen auf einem Kleeacker. Dann sahen wir Lichterketten, die sich entlang von Stacheldrahtzäunen in weitem Umkreis durch die Nacht zogen, und wir erfassten, dass wir uns in einem riesigen Gefangenenlager unter freiem Himmel befanden. Aus dem ergoss sich ständiger Regen. Es war das berühmt-berüchtigte Lager Heilbronn, in dem sich nach meiner Erinnerung etwa 200 000 Wehrmachtsangehörige befanden.

Unter den Tritten der Abertausenden verwandelte sich der Kleeacker schnell in Morast. Beim nächtlichen Umherstreifen war zudem Vorsicht geboten, denn wir entdeckten in dem lehmigen Boden tiefe Gruben, in die man nicht fallen durfte. Sie waren für Latrinenzwecke ausgeschachtet worden. Ich kannte natürlich längst niemand mehr, und so legte ich mich todmüde einfach zu einer Reihe auf dem Boden eng aneinander geschmiegt schlafender Soldaten. Ich entdeckte einen offenbar herrenlosen Mantel und zog ihn über mich, ein klein wenig Schutz gegen die Witterung. In den nächsten Tagen gruben wir uns dann in kleinen Gruppen etwa 50 cm tiefe Schlafmulden, die zwar nicht gegen Regen, wohl aber etwas gegen den Wind schützten. Das ganze Lager, durch Drahtzäune und Straßen unterteilt in zahlreiche Gevierte für jeweils 5000 bis 10 000 Mann, war dicht an dicht übersät von solchen 'Wohngruben'. Nur die glücklichen Besitzer von Zeltbahnen konnten sich ein Dach darüber bauen; ich gehörte nicht dazu.

Einige Tage lang gab es kein Wasser, das wurde allmählich unangenehm. Die Leitungen wurden von den Amerikanern erst gelegt. Dagegen erhielten wir täglich die zwei kleinen Dosen. Anfangs war noch jeden Morgen Zählappell, dann gabs auch schwarzen Tee - ohne Zucker, also ohne Nährwert. Eines Tages brachten Lastwagen 6 x 2 Meter große Holzkisten mit zwei Reihen von je sechs Löchern, sogar mit Deckeln, und setzten sie auf die Latrinengruben. Das waren unsere 'Zwölfzylinder', auf denen man Stunden verbringen konnte, denn bei der mageren, hoch konzentrierten Dosennahrung waren die Bedürfnisse äußerst gering. Alle vier Tage war normal, manche konnten nur alle 14 Tage und hatten Probleme. Wäsche- und Kleiderwechsel war natürlich überhaupt nicht möglich, auch die Stiefel auszuziehen war nicht ratsam; sie wären einem nachts womöglich gestohlen worden. So kam ich etwa vier Wochen lang nicht aus den Schuhen, was aber nicht im mindesten unangenehm war. Nur die Reinigung der Füße in einem Blechkanister mit Wasser, aber ohne Seife, war nicht ganz einfach.

So musste ich etwa vier Wochen unter freiem Himmel hausen. Dies war - neben der unzureichenden Verpflegung - die kritischste Situation während der Gefangenschaft. Wie gut, dachte ich, dass es Frühjahr war und nicht Herbst oder Winter. Wie ich erst viel später erfuhr, sind an der Ostfront hunderttausende russischer und auch deutscher Kriegsgefangener auf diese Weise elend zugrunde gegangen. Gottseidank besserte sich das Wetter, allmählich wurde es trocken und sogar warm.

Schließlich wurde in jedem Lagerabteil ein Küchenzelt eingerichtet. Dann mußten alle Wohngruben wieder eingeebnet werden. Wir wurden in Hundertschaften eingeteilt, und je zehn Mann bekamen ein einfaches Zelt, in dem man zwar nicht stehen, aber nebeneinander liegen konnte. So kam allmählich etwas Ordnung in das Durcheinander und endlich gab es regelmäßig auch warme Verpflegung. Mittags ein halber Liter Gemüse-, Kartoffel- oder Bohnensuppe, manchmal mit etwas Fleisch darin, abends ein halber Liter Milchsuppe aus Trockenmilch mit etwas Nudeln und Rosinen darin. Letztere zählten wir beim Essen, es konnten mal 50, mal auch nur fünf sein. Die kalte Verpflegung bestand nunmehr aus amerikanischem Weißbrot. Je nach angelieferter Menge bekamen mal sechs Mann einen Pfundwecken, mal mussten sich dreissig Mann einen teilen. Die Aufteilung, bei der auf ein Höchstmaß an Gerechtigkeit geachtet wurde, war stets eine besonders umständliche Prozedur. Vom Losentscheid bis zum Auswiegen auf selbst gebauten Waagen gab es die verschiedensten Methoden. Dazu gabs dann mal Käse, mal Zucker, mal Wurst, meist in winzigen Portionen: Einige Packungen oder Dosen für jeweils 100 Mann.

Trotz der qualitativ ganz guten Nahrung verfolgte uns der Hunger Tag und Nacht, und 'Essen' war im Lager das Thema Nummer Eins. Die Gefangenen kamen aus den allen möglichen Berufen; wenn einer Koch war, hörte ich besonders gern zu. Da ich noch etwas Schreibpapier und einen Bleistift besaß, fertigte ich einige Zeichnungen über unsere Fressphantasien und notierte mir Kochrezepte aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands. Unser größter Wunsch wäre immer gewesen, sich einmal sattessen zu können. Um dem näherzukommen, versuchte ich, mir meine Tagesration an Brot bis zum nächsten Tag zu sparen, um dann zwei Portionen zu haben. Aber das schaffte ich nur ein einziges Mal.

Im Lager entwickelte sich alsbald ein reger Schwarzmarkt, an dem sich allerdings nur diejenigen beteiligen konnten, die irgendwelche Tauschartikel mit in die Gefangenschaft gebracht hatten bzw. Geld besaßen. Ich gehörte nicht dazu, aber ich beobachtete das Treiben. Eine deutsche Zigarette kostete 35 Reichsmark, eine amerikanische 52 Reichsmark. US-Tabakwaren kamen ins Lager, indem Gefangene mit den Posten am Zaun ihre Eheringe oder Uhren tauschten. Ich war Nichtraucher und besaß nur noch wenige Mark. Ein Über- und Unterordnungsverhältnis wie bei der Wehrmacht gab es im Lager nicht mehr, alle waren per du, als Hundertschaftsführer, die etwas für Ordnung sorgten, waren meist Feldwebel eingesetzt. Offiziere hatten wir in unserem Lagerabteil keine, die waren anderweitig untergebracht. Für schwere Fälle von Diebstahl verhängte die deutsche Lagerleitung Strafen. So mussten zwei Diebe einmal für 24 Stunden am Lagertor stehen, barfuß auf einer von der Sonne aufgeheizten Blechkiste, damit es nicht so angenehm war. Jeder hatte eine Tafel auf der Brust, auf dem sein Vergehen beschrieben war. Einer der beiden zeigte sich renitent und setzte sich immer wieder hin. Um dies zu verhindern, wurden schließlich zwei Pfähle in den Boden gerammt, er dazwischen gestellt und dann alles mit Stacheldraht umwickelt. So konnte er sich nicht mehr setzen. Wir empfanden das durchaus als gerechte Strafe für Kameradendiebstahl.

Mit den amerikanischen Bewachern hatten wir im Lager praktisch nichts zu tun. Man sah sie nur jenseits des Stacheldrahtzauns. Sie benahmen sich sehr leger, machten mit ihren Gewehren Turnübungen, um sich die Langeweile zu vertreiben, und kannten offenbar keine Grußpflicht gegenüber Vorgesetzten. Uns imponierte das sehr, bei der deutschen Wehrmacht wäre so etwas undenkbar gewesen. Ins Lager selbst kamen nur die Fahrer der Trucks, oft Schwarze, die das Brot brachten. Wir konnten beim Abladen zuschauen, die Wecken mitzählen und so die Ration des nächsten Tages errechnen. Einmal führten die Amis eine große Aktion zur Läusebekämpfung durch. Alle Gefangenen mussten sich bei US-Sanitätern anstellen, die dann jedem mit einer großen Pumpe eine gewaltige Ladung DDT ins geöffnete Hosentürl bliesen. DDT war damals ein ganz modernes Mittel zur Schädlingsbekämpfung. Später ist es bekanntlich wegen seiner hohen Giftigkeit aus dem Verkehr gezogen worden. Aber, wenn ich auch nie Läuse in meinen Kleidern hatte, so bin ich doch dadurch nicht impotent geworden und habe heute neun Enkelkinder. Auch ein Lazarett gab es in Heilbronn, aber ich war nie drin und man erfuhr auch weiter nichts darüber; ich habe während meiner ganzen Gefangenschaft keinen Toten gesehen.

Nach oben

Ende des Krieges

Unsere Informationen über die Vorgänge außerhalb des Lagers waren sehr spärlich. Nur sporadisch kamen einige wenige Zeitungsexemplare herein, aus denen vorgelesen wurde. So erfuhren wir von der deutschen Kapitulation und dem Ende des Krieges. Ein Exemplar der 'Wochenpost' vom 12. Mai 1945 bekam ich in die Hände; ich besitze es heute noch. Die einzige mir bekannte Zeitung, die unter der Verantwortung der Regierung von Großadmiral Dönitz erschien, der von Hitler zu seinem Nachfolger als Reichskanzler bestimmt worden war. Das zweiseitige Blatt enthielt u.a. die Meldungen über die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunden in Reims (gegenüber den Westalliierten) und Berlin (gegenüber der Sowjetunion) sowie den Wortlaut einer Rundfunkansprache von Dönitz an das deutsche Volk vom 8. Mai 1945.

Das 'Tausendjährige Reich' war zusammengebrochen. 'Die Lichter flammen wieder auf in Europa' stand in der Zeitung. Insbesondere wir jungen Kriegsgefangenen waren schon tief beeindruckt, hatte der bewusste Teil unseres bisherigen Lebens doch nur aus 'Drittem Reich' und sechs Jahren Krieg bestanden. Ein Unteroffizier zeigte mir seinen Taschenkamm und sagte: 'Schau her, der ist 1000 Jahre alt. 1933 habe ich ihn gekauft'.

Dann erreichten uns auch Nachrichten über die Greuel in den deutschen Konzentrationslagern, wie sie die Alliierten bei deren Befreiung vorgefunden hatten. Für uns Junge war das völlig neu und kaum vorstellbar. Natürlich wußten wir vom KZ Dachau, dies war ja nicht geheim, aber wir nahmen an, dass die Häftlinge dort korrekt behandelt würden. Namen wie Buchenwald, Bergen-Belsen oder gar Auschwitz hörte ich zum erstenmal. Freilich, aus Gesprächen mit manchen älteren Gefangenen, die an der Ostfront eingesetzt gewesen waren, konnten wir andeutungsweise schon entnehmen, dass diese so ahnungslos nicht waren. Aber weitergehende Diskussionen über die Ursachen des Krieges, über das NS-Regime oder die zukünftige Entwicklung in Deutschland gab es kaum. Dazu hätte zwar nicht die Zeit gefehlt - wir hatten ja monatelang überhaupt nichts zu tun - aber jedenfalls die notwendigen Informationen. Unsere Gespräche drehten sich fast ausschließlich um Essen und die Hoffnung auf alsbaldige Entlassung. Immer wieder gab es Gerüchte, denen dann Enttäuschung folgte.

Mitte Juli wurden im Auftrag der Amerikaner alle Personalien registriert; als Unterlagen dienten unsere Soldbücher. Dann wurden alle Gefangenen, die noch nicht 18 Jahre alt waren, in ein anderes Lagerareal verlegt. Das betraf auch mich, denn mein 18. Geburtstag stand erst im September heran. Der dritte Murnauer Kamerad, mit dem zusammen ich in Gefangenschaft geriet - in Heilbronn hatte ich ihn längst aus den Augen verloren - war wenige Wochen älter als ich. Er kam für eineinhalb Jahre zum Arbeitseinsatz nach Frankreich.

In unserem 'Jugendlager' bekamen wir 14 Tage lang eine merklich bessere Verpflegung. Und dann, am 5. August 1945, mussten wir völlig überraschend antreten. Mann für Mann bekamen wir in einem Zelt, in dem hinter einem Tisch ein amerikanischer Soldat saß, gegen Unterschrift und Daumenabdruck einen Entlassungsschein und 40 Reichsmark. Noch konnten wir kaum glauben, dass wir entlassen werden sollten. Doch dann marschierten wir in Kolonne durch das Lagertor hinaus. Zunächst hieß es wieder warten. Aus dem Ackerboden grub ich mir eine Rübe aus und verzehrte sie, worauf mir speiübel wurde. Solch grobe Kost war der Magen nicht mehr gewöhnt. Dann bestiegen wir Armeelastwagen. Von den schwarzen Fahrern erhielt jeder sechs kleine Dosen C-Rations, von denen wir in den ersten Wochen der Gefangenschaft so begeistert waren, als Fahrtverpflegung. Weitere Dosen verkauften sie uns später gegen Reichsmark. So kam ich zu insgesamt 16 Dosen, die ich, so gut es ging, in Mantel-, Rock- und Hosentaschen sowie im Brotbeutel verstaute. Noch nie hatte ich mich so reich gefühlt. Die Fahrt mit den Trucks ging bis Augsburg, dann waren wir uns selbst überlassen.

Wie nach Hause kommen? Personenzüge verkehrten damals noch nicht, aber ein Eisenbahner verwies uns auf einen nach München bestimmten Kohlenzug, und mit zwei Kameraden erkletterte ich einen Waggon, in der Hoffnung, der Zug würde vielleicht in Maisach halten und ich könnte dann heim laufen. Aber in Maisach fuhr der Zug durch. Doch plötzlich verlangsamte er die Fahrt, in Neuesting war ein Signal zu. Ich kletterte hinunter auf die Puffer und bat meine Kameraden, mir Mantel und Brotbeutel mit den Konserven, die mir bei dem etwas riskanten Abstieg hinderlich gewesen wären, nachzuwerfen. Als ich dastand, um abzuspringen, riefen sie von oben plötzlich: 'Das Signal ist wieder auf!' Und schon beschleunigte der Zug wieder. Ich wagte nicht mehr, zu springen, doch da sah ich plötzlich mein Gepäck durch die Luft fliegen. 'Das darfst du keinesfalls aufgeben', dachte ich mir und sprang doch. Natürlich schlug ich der Länge nach auf den Schotter, verletzte mich aber Gottseidank nur geringfügig. Dann machte ich mich auf den Weg nach Bruck, wo ich gerade noch rechtzeitig vor der um 20 Uhr beginnenden Sperrstunde - von der ich nichts wußte - eintraf. Meine Eltern, mein jüngerer Bruder und meine beiden Großmütter, die ich alle wohlbehalten zuhause vorfand, waren völlig überrascht und perplex. 'Wir hatten Tränen der Freude in den Augen', hielten sie in ihrem Tagebuch fest. Selbst fühlte ich mich gesund, lediglich abgenommen hatte ich etwa 25 Pfund.

So endete für mich eine insgesamt zweijährige Abwesenheit von zuhause - Luftwaffenhelfer, Reichsarbeitsdienst, Wehrmacht und Gefangenschaft - dank meines späten Geburtsjahrgangs im Vergleich zu älteren Frontsoldaten ein bescheidener Kriegseinsatz, mit sehr viel Glück in manchen kritischen Situationen. Allzuviele hatten dieses Glück nicht. Millionen blieben auf den Schlachtfeldern oder starben in der Gefangenschaft, Millionen wurden verwundet. Ein späterer Brucker Stadtratskollege, genau so alt wie ich, wurde vom Zufall 1945 nicht an die Westfront, sondern an die Ostfront verschlagen. Er kam aus russischer Kriegsgefangenschaft erst fünf Jahre später nach Hause.

Autor: Helmut Geys



Nach oben