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Ferdinand Feldigl

. . . hat unvergleichlich viel geleistet.

Von Robert Weinzierl

Es ist wohl keine Meinungsforschung notwendig um festzustellen, dass immer weniger Brucker Bürger, insbesondere aus der jüngeren Generation, über Ferdinand Feldigl etwas wissen. Wer war dieser Mann, nach dem in Fürstenfeldbruck und Oberammergau Straßen benannt sind und dessen Namen die Volksschule in der Gemeinde Jachenau trägt?

Herkunft und Lebenslauf

Portrait Feldigl

Ferdinand Feldigl wurde am 5. April 1861 in Landsberg/Lech geboren. Sein Vater war der ursprünglich in Fürstenfeldbruck tätige und dann nach Landsberg berufene Stadtschreiber Johann Georg Feldigl. Der Großvater Georg ist als Chirurg in Moosburg nachweisbar, die weiteren Vorfahren verdienten sich als Weber im Bayerischen Wald ihren notdürftigen Lebensunterhalt. Die Mutter Magdalena, eine geborene Miller, war eine Schwester des nachmals so berühmten Brucker Erzgießers Ferdinand Miller. Von ihm erhielt er wohl auch seinen Vornamen. Im Alter von 10 Jahren verlor er seine Mutter, aber die Verbindung zum Onkel Ferdinand und seiner Familie hielt ein Leben lang. Seine Ausbildung zum Lehrer erhielt er in Landsberg und Freising. Nach kurzem Wirken in Reischach bei Altötting und in Bad Aibling erhielt er 1883, mit 22 Jahren, seine erste Festanstellung als Lehrer in der Jachenau, einem stillen, damals von der Außenwelt nahezu abgeschlossenen Bergwinkel zwischen Lenggries und Walchensee. Aus dem Erbhof nahe der Schule holte er sich Maria Oswald zur Frau. Von den 5 Kindern wurden 3 in der Jachenau geboren. Nach 8 Jahren kam die Versetzung nach Oberammergau, wo er bis 1902 wirkte. Dann folgte die Versetzung an die Schule in Fürstenfeldbruck. Am 30. Januar 1920 wurde er auf sein Ansuchen wegen nachgewiesener Dienstunfähigkeit mit 59 Jahren in den dauernden Ruhestand versetzt. Während seiner aktiven Lehrerzeit wohnte Feldigl mit seiner Familie im Schulhaus am heutigen Niederbronner Weg.

Ferdinand Feldigl
Ölbild von Otto Kubel

Feldigl Grabstein

Nach seiner Pensionierung siedelte er in das Haus des Sailermeisters Schwalber am Marktplatz um, wo er bis zu seinem Tode blieb. Nach "langem, schmerzlichen, mit größter Ergebung und Geduld ertragenen Leiden" starb er am Ostermontag, den 9. April 1928 in Fürstenfeldbruck und wurde auf dem Brucker Friedhof an der Seite seiner Frau, die ihm schon 1910 im Tode vorausgegangen war, zur letzten Ruhe gebettet.

Grabstein im alten Friedhof
von Fürstenfeldbruck

Aus dem Stadtarchiv . . . .

Schriftsteller, Dichter, Musiker, Komponist und Lehrer.

Vom Vater, der neben seiner Arbeit als Stadtschreiber auch noch die Musik pflegte, erbte er wohl jene musischen Gene, die ihn zum Schreiben, Dichten, Komponieren und Musizieren im besonderen Maße befähigten. Zur Lebensexistenz benötigte er einen "nahrhafteren" Beruf und wählte dazu den des Pädagogen. Das aber brachte ihm lebenslange Konflikte, wie er in seinem Roman "Ikarus" öffentlich bekennt: "Herr, Gott, warum gibst du mir die Sprache der Poesie, eine Sprache, die ich nicht sprechen soll?" Oft kamen ihm während des Paukens in der Schule Reime und Melodien in den Sinn, die er dann sofort niederschrieb und darüber die Kinder vergaß. Ein schon verstorbener Brucker erinnerte sich gut an seinen Lehrer Feldigl, wie er während des Unterrichts plötzlich ein Gedicht deklamierte und es sofort niederschrieb oder eine Melodie summte, sich ans Klavier setzte, sie sogleich spielte und dann auf einem bereit liegenden Notenblatt festhielt. Die Kinder freuten sich über solche willkommene Unterrichtspausen, aber wenn sie dies zu Hause erzählten kam es gelegentlich zu Anzeigen bei seiner vorgesetzten Schulbehörde, wie er dies im "Ikarus" schildert. Als Feldigl am Roman über das Leben seines Onkels Ferdinand von Miller "Ein deutscher Meister" schrieb durften die guten Leser in der Klasse den gerade fertigen Abschnitt vorlesen. Georg Kachelriß, der verstorbene Brucker Rektor, meint, das wäre für sie als Schüler erlebte Heimat gewesen, aber es stand halt nicht im Lehrplan.

Seiner unermüdlichen Feder entstammen die Romane: "Der Weg übers Moor"," Ikarus", "Geschichten für den stillen Herd", "Maria Magdalena" und zum 100. Geburtstag des Onkels "Ein deutscher Meister - Ferdinand Miller". Ungedruckt blieben seine Romane "Arm und reich", "Der Kastellan vom Herzogstand" sowie seine "Pädagogischen Bekenntnisse". In seinem letzten Werk, das leider nur Fragment blieb, wollte er dem Komponisten der Oberammergauer Passionsmusik, Rochus Dedler, ein Denkmal setzen.

Feldigl schrieb die Texte zu den Ziehbildern von Lothar Meggendorfer mit dem Titel "Prinz Liliput" und zu dessen Bilderbuch "Neues Einmaleins". Als Herausgeber zeichnete er verantwortlich für die Sammlung von Kinder- und Volksreimen, Volkssprüchen und Volksreimen unter dem Titel "Komm' u. fröhlich' Jahr" und für das Werk "Sonnenblicke ins Jugendland" eine Sammlung von Urteilen über Erziehung sowie Erinnerungen aus der Schul- und Jugendzeit hervorragender Personen

Leider gibt es kein Sammelwerk über seine zahlreichen Gedichte in denen er seine zeitgeprägten Empfindungen zum Ausdruck brachte. Sie sind in diversen regionalen und überregionalen Zeitschriften zu finden, aber auch in einer Reihe von Vereinschroniken, denn für Vereinsjubiläen waren die dichterischen Werke aus seiner Feder sehr begehrt.

Als Komponist vertonte er viele seiner Gedichte. Bis auf eines sind sie weitgehend in Vergessenheit geraten. Nur sein Lied von der Jachenau ist lebendig geblieben und heute noch auf Ansichtskarten dieses anmutigen Gebirgsdorfes zu finden.

Kennst du Wandersmann die Benediktenwand,
schaut hinaus wild-mächtig in das flache Land,
hinter jener Felsenburg so altersgrau
liegt die schöne stille Jachenau.

Sein musikalisch umfangreichstes Werk "Die frommen Schwestern von St. Marie" wurde 1912 vom Brucker Männergesangverein uraufgeführt. Sein schriftstellerisches Schaffen fand über die Stätten seines Wirkens hinaus Beachtung und führte zu engen, freundschaftlichen Kontakten mit anderen, bekannten Schriftstellern seiner Zeit wie Peter Rossegger, Maximilian Schmidt, Peter Dörfler und Frau von Hillern. Er selbst war ein geselliger Mensch und liebte die geistreiche Unterhaltung im Kreis Gleichgesinnter.

Wie es für einen Komponisten fast selbstverständlich ist, war Feldigl ein ausgezeichneter Musiker.

Feldigl und Oberammergau

Wenn er auch, wie es aus manchem Gedicht zu spüren ist, die schöne, damals noch stille Jachenau liebte, so war seine Versetzung im Jahr 1891 in den Passionsspielort Oberammergau, wo mindestens alle 10 Jahre die Welt zu Besuch kam, doch ein erster Schritt in eine größere Weite, mit der Möglichkeit zu vielfältigeren Kontakten. Als gläubigen Christen und musischen Menschen bedeutete ihm das Passionsspiel sehr viel. Neben seiner Unterrichtstätigkeit, die sicher manchmal dahinter zurücktreten musste, arbeitete er sich in die Partitur des Passionsspiels ein und übernahm bei den Festspielen im Jahr 1900 die musikalische Leitung. Bei allen Aufführungen dirigierte er die Passionsmusik. Der zunehmende Fremdenverkehr im Passionsspielort erforderte dringend eine schriftlichen Fremdenführer. Natürlich füllte Feldigl diese Lücke. Der Ort war ihm wohl so an's Herz gewachsen, dass er sowohl während seines dortigen Aufenthaltes als auch darüber hinaus solche Führer verfasste. Erstmals 1900 erschien aus seiner Feder "Oberammergau und sein Passionsspiel in Vergangenheit und Gegenwart", 1910, schon in seiner Brucker Zeit, folgte ein weiterer. 1922 verfasste er den offiziell von der Gemeinde Oberammergau anerkannten und genehmigten Führer. Später folgte noch "Oberammergau â Bilder und Gestalten". In der unter seiner Mitwirkung zusammengetragenen Sammlung von Texten und Musik der verschiedenen Passionsspielen in Oberammergau fehlte der Originaltext von Othmar Weis, einem ehemaligen ettalischen Benediktinerpater, verfasst im Jahr 1811. Er galt als verschollen. Als Feldigl im Winter 1920, krank im Bette lag, besuchte ihn der damalige Pfarrer Peter Graßl und brachte ihm zwei Handschriften aus der Pfarrbücherei von St. Magdalena als Bettlektüre. Nachdem er eine davon aufschlug und zu lesen begann traute er seinen Augen kaum, es war der gesuchte, vollständige Passionstext von 1811. Kaum genesen forschte er intensiv nach, wie dieses Buch in die Brucker Pfarrbücherei kam. Das Ergebnis seiner Nachforschungen beschreibt er in seinem Buch "Oberammergau â Bilder und Gestalten":

"Bald, nachdem durch die Säkularisation das Kloster Ettal aufgehoben worden war, kam Pater Othmar Weis, der Passionsdichter, von dort als Pfarrer nach Jesenwang, einem schönen Dorfe, zwei Stunden von Fürstenfeldbruck. Bei seinem Tode (1841) wurde ein Teil seines literarischen Nachlasses verkauft; der Passionstext von 1811 kam in die Hände des Mathias Kaufmann von Fürstenfeldbruck und nach dessen Tode in den Pfarrhof dortselbst. Es erwies sich, dass das Buch Originalhandschrift des Verfassers ist. Dieses festzustellen, begab ich mich selbst nach Jesenwang. Mein Freund und Kollege, Oberlehrer Prielmaier von Jesenwang, machte mich darauf aufmerksam, dass der Wirt Walch von dort noch einen Text habe, und siehe, es stellte sich heraus, dass dessen Text die Originalhandschrift von Othmar Weis und das Originalregiebuch vom Oberammergauer Spiel 1815 ist. Nun hatte ich beide Texte von 1811 und 1815, und als ich im Sommer darauf (1921) nach Oberammergau kam zu einem Vortrag über die dortige Passionstextgeschichte, da konnte ich den zahlreich erschienenen Ammergauern beide Originale vorlegen. Die Mitteilung wurde mit herzlichem Dank und großer Freude aufgenommen. Seine Eminenz der Hochwürdigste Herr Kardinal v. Faulhaber erteilte die Genehmigung, dass der 1811er Text nach Oberammergau kam; Ammergau stiftete dafür 1000 Mark nach Bruck zum Ankauf eines neuen Missales. Auch der 1815er Text wurde vom Gastwirt Walch nach Oberammergau gestiftet, dessen Familie erhält dafür in jedem Passionsjahr fünf Freikarten zum Besuch des Spieles."

Nun konnte Feldigl eine vollständige Geschichte der Passionstexte abfassen, die unter dem Titel "Denkmäler der Oberammergauer Passionsliteratur" erschienen ist.

Feldigl in Fürstenfeldbruck

Sicher war es für Feldigl, einem Freund der Berge, nicht leicht, von Oberammergau, dem er sich nach 11 Jahren bereits eng verbunden fühlte, nach Fürstenfeldbruck zu übersiedeln. Doch erleichterte es ihm wohl die liebevolle Erinnerung an seine Mutter, deren Heimat Bruck war, auch hier bald heimisch zu werden. Das zeigt sein gesellschaftliches Engagement. Er gründete einen Literaturkreis (heute vergleichbar mit der Volkshochschule) und hielt dort selbst Vorlesungen. Als Dirigent und Vorstand leitete er mehrere Jahre den Männergesangverein. Seine Theaterstücke ("Rauhnacht", "Bildstöckl", "Der Wildauf", "Steinlechner-Drillinge" u.a.) wurden vom Gesellenverein und dem Literaturkreis im Saal des Jungbräu - Kellers uraufgeführt. Als Klaviervirtuose war er bei den Konzerten des Männergesangvereins ein begehrter Liedbegleiter und stellte seine Kunst auch bei Wohltätigkeitsveranstaltungen gern und unentgeltlich in den Dienst der guten Sache.

Zahlreiche dichterische Werke von Feldigl finden sich in den Chroniken der Chorgemeinschaft MGV 1861 und der Kolpingfamilie Fürstenfeldbruck.

Auf Bitten der Marktgemeinde verfasste Hauptlehrer Feldigl von 1914 bis 1918 eine Chronik des ersten Weltkrieges. Mit Akribie, unglaublichem Fleiß und Ausdauer sammelte er Zeitungsausschnitte, sonstige Schriftstücke sowie Fotographien und ergänzte diese Sammlung durch eigene Beobachtungen und Gedanken. Dieses 10 Sammelmappen umfassende Werk ruht fast unbeachtet im Stadtarchiv Fürstenfeldbruck.

Die vorstehenden Zeilen möchten ein bescheidener Beitrag dazu sein, dass der in Versen gefasste Wunsch der Schriftstellerin Anna Freiin von Brackl auf seinem Sterbebild von 1928 nicht in Vergessenheit gerate:

Ein Sänger war er - nun legt er die Harfe nieder.
Ein Dichter, dem der Tod jetzt zu schweigen gebeut.
Doch im Herzen des Volkes da klingen seine Lieder
Und da lebt sein Denken noch lange Zeit.


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