Home  >> Bibliothek   >> Brucker Geschichte   >> Leben in Bruck

Das Leben im alten Bruck

von Robert Weinzierl

Der aus München nach Bruck zugezogene Bürstenmacher Jakob Dirnagl hat uns in seiner Häuser – Chronik von Fürstenfeldbruck nicht nur die Besitzer der alten Häuser von Bruck aufgezeichnet sondern interessante Ausführungen gemacht, so zum Beispiel über alte Lebensgewohnheiten und Bräuche. Da sie nur im handschriftlichen Original vorliegen, sollen sie für interessierte Leser in etwas gekürzter Form und in die Sprache unserer Zeit übertragen wiedergegeben werden.

Auszug aus dem Original der Dirnagl’schen Häuserchronik




Wohnungen

Der Stich von Michael Wening zeigt am Marktplatz Bürgerhäuser mit einfacher Architektur. Bei nur wenigen ist ein Erker angebracht. Dem dürfte das Innere entsprochen haben. Nur die wohlhabenderen Bürger, vor allem die Bierbrauer, konnten sich bescheidenen Stuckdekor in den guten Wohnstuben leisten. Zur Zeit Dirnagls in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren noch höchstens eine oder zwei solcher Wohnstuben erhalten. Alles andere, vor allem die mit Holz vertäfelten Stuben, fiel dem großem Marktbrand 1704 (Spanischer Erbfolgekrieg) zum Opfer. Es dauerte lange Zeit, bis die Brandstätten wieder aufgebaut waren und die Wohnungen standesgemäß ausgestattet werden konnten. Leider fiel das den Um- und Neubauten des 20. Jahrhunderts zum Opfer.
Bescheiden war auch die Einrichtung. „Polierte Möbel“ konnte sich kaum ein Bewohner leisten. In den „besseren“ Bürgerhäusern stand im Schlafzimmer die Himmelbettstatt aus Eiche und in der oberen oder guten Stube der Kasten aus gleichem Holz zur Aufbewahrung der Wäsche. Ärmere konnten sich dafür nur eine Truhe leisten. Eine besondere Zierde und für den Besucher zur Schau gestellt war das Zinn- und Kupfergeschirr. Man zeigte eben, was man sich leisten konnte.


Stich von Michael Wening, Bruck vor 1704




Kleidung

An Sonn- und besonders an hohen Feiertagen war der wohlhabende Bürger darauf bedacht sich in seiner Kleidung als solcher zu zeigen. Zur knielangen Hose mit Strümpfen und Schuhen gehörte eine lange, bis zum Becken reichende Weste mit sichtbaren Taschen. Darüber trug man einen einreihigen Rock mit zwei Seitentaschen in handwerksspezifischer Farbe, d. h. jedes Handwerk hatte seine eigene Farbe für diesen Rock. Schuhschnallen, Knieschnallen, Westen- und Rockknöpfe waren bei vermögenden Bürgern aus Silber, die übrigen Bewohner mussten sich mit einfachem Metall begnügen. Der schwarze Filzhut hatte eine aufgeschlagene Krämpe.
Die Frau trug zum knöchellangen Rock ein goldverziertes Mieder, zugeschnürt mit silbernen Ketten. Den Hals zierte eine goldene oder silberne Kette mit großer Schnalle oder eine schwarze Seidenzunge mit Filigran - Silberschnalle. Das schwarze spitze Filzhütchen wurde im 18. Jahrhundert von der Goldhaube abgelöst, der die Riegelhaube folgte. Im Winter war auch in Bruck die Pelzhaube heimisch. Bürgersfrauen, die es sich leisten konnten, ließen den samtenen Handstutzen, auch Armstutzen genannt, und ihre Schuhe mit Goldfäden besticken. Mit dem Auftauchen der Riegelhaube verschwand die altdeutsche Gürteltasche. Modebewusste Frauen hängten sich nun den „Ridikül“ um den Arm, eine meist aus Perlen gestickte netzartige Tasche mit silberner Schließe.


Körperpflege

Im Gegensatz zur einfacheren Lebensweise der niederen und mittleren Bürgerschaft steigerten sich die luxuriöseren Ansprüche bei den reicheren Familien, insbesondere bei der in Bruck ansässigen höheren Beamtenschaft, z. B. bei den Hof- und Marktsrichtern, Pflegerichtern, Landrichtern, Gerichtsschreibern und weiteren Beamten in Bruck. In Gebrauch waren Salben, Tinkturen und wohlriechende Wasser für Haare und Körper. In der Geschmacksrichtung unterschieden sich Männer und Frauen. Großen Aufwand trieb man auch zur wohlriechenden Ausräucherung der guten Stube. Da gab es „köstliche Rauchkerzlein, Wienerische Rauchkerzlein für große Herren, französische Rauchkerzlein, englisches Rauchwerk, Bisamzeltlein auf Kohlen und ein anmüthiges riechendes Wasser“. Wohlriechende „Kißlein“ und Pulver verbesserten den Geruch der Wäsche in Truhe und Schrank.
Erfinderisch war das Kißlein und Pulver produzierende Gewerbe auch in der Herstellung der uns sonderbar erscheinenden Mittel gegen körperliche Leiden: Kostbare Herz - Säcklein, Rauchpulver für Strauchen (Schnupfen), Hauptsäcklein und Hauptrauch (gegen Kopfschmerzen) sowie Säcklein für Gries- und Lendenstein (Gallen- und Nierenstein).
Ob die Mittel wirkten ist unbekannt.


Die Hochzeit

Ein nicht unwesentliches Kriterium für die Auswahl der Braut war deren Mitgift und Ausstattung. Letztere bestand aus einer Himmelbettstatt für zwei Personen und der dazugehörigen Bettwäsche, sowie einer Truhe zur Aufbewahrung der Bett- und Leibwäsche. Natürlich musste auch ein Spinnrad oder eine „Gunkel“ (Spinnrocken) dabei sein. Der Umfang des mitgegebenen Zinn- und Kupfergeschirrs richtete sich nach den finanziellen Möglichkeiten der Brauteltern. Die gesamte Ausstattung lud man auf den „Kammerwagen“ und stellte sie auf dem Weg zur künftigen Heimat der Braut öffentlich zur Schau.
Vor der Hochzeit mussten die Brautleute zusammen mit zwei Zeugen beim Pfarrer zum Stuhlfest erscheinen. Dabei fand nach dem Brautunterricht die offizielle Verlobung statt. Dies und die Hochzeit trug der Pfarrer in das Matrikelbuch ein. Nach dem Stuhlfest ging’s mit den beteiligten Zeugen zum Stuhlfestmahl.

Zur Hochzeit lud der Hochzeitslader ein. Dessen Hoheitsabzeichen waren weiße und rote Bänder am Rockaufschlag; bei verwitweten Brautleuten rot und blau.
Den Hochzeitstag haben die Musikanten im Haus der Braut angeblasen. Ankommende Gäste versammelten sich in dem Haus, in das eingeheiratet wurde – also dem Haus der Braut oder des Bräutigams. Jeden einzelnen von ihnen begrüßten die Musikanten mit einem Musikstück, einem „Blaserer“. Waren alle Gäste versammelt, formierte sich der Hochzeitszug zur Kirche. Dort fanden Einsegnung und Gottesdienst statt. Lange Zeit hinweg war es üblich einen Krug Wein auf den Altar zu stellen, der nach der kirchlichen Feier den Gästen zum Trunk gereicht wurde.

Hochzeitstracht einer Braut aus dem Landgericht Bruck, um 1870



Von der Kirche ging’s ins Gasthaus zum Hochzeitsmahl. Bis in das 18. Jahrhundert hinein versuchte die Obrigkeit die Zahl der Hochzeitsgäste zu beschränken, um zu vermeiden, dass sich Familien durch zu üppige Hochzeitsfeste verschuldeten und in Not gerieten. Menschliche Schwäche führte nämlich immer wieder dazu sich gegenseitig in der Ausgestaltung der Hochzeit eines Kindes zu überbieten. Zur Wirksamkeit der obrigkeitlichen Beschränkung waren für Übertretungen empfindliche Geldstrafen vorgesehen. Nicht selten aber zahlte man lieber Strafe als auf eine „große Hochzeit“ zu verzichten. Das Hochzeitsmahl selbst war üppig und in vielen Details brauchtumsmäßig geregelt. So musste die Braut nach Ankunft der Hochzeitsgesellschaft in der Küche des Gasthauses das Kraut verkosten und sich mit einem Trinkgeld bei der Köchin bedanken.

Nach den ersten drei Gängen des Hochzeitsmahles (Suppe, Voressen, gesottenes Rind- und Schweinefleisch mit Kraut), folgte der erste Tanz, der „Krauttanz“. Hier musste jede anwesende Frau darauf hoffen zum Tanz geholt zu werden, den Sitzenbleiben, das „Krauthüten“, war höchst Unehrenhaft.
Um auch einen anderen Wirt des Ortes an der Hochzeit etwas verdienen zu lassen, verzogen Hochzeitsgäste nach dem Mahl die Braut in dessen Gaststätte und zechten dort ausgiebig. Nach geraumer Zeit musste sie der Bräutigam alle wieder auslösen. Zum Ende der Hochzeitsfeier dankte der Hochzeitslader im Namen des Brautpaares den Eltern, Geschwistern, Verwandten und allen Gästen mit launigen Versen für die erwiesene Freundschaft und ihr Kommen. Die Gäste bedankten sich ihrerseits bei den Brautleuten mit einem Geldgeschenk für die Einladung und entrichteten ihr Mahlgeld. Die beim Essen zurückgelegten Portionen, das „Bescheidessen“ nahmen die Gäste in einem eigens dafür mitgebrachten Tuch, dem „Bschoadtüchl“ mit nach Hause.

Bis zur Klosteraufhebung und der staatlichen Neuorganisation Bayerns traf man sich am folgenden Tag beim Klosterrichter von Bruck und schloss unter Beisein von vier Zeugen –zwei für die Braut und zwei für den Bräutigam – den Heiratsvertrag. Darin war der sehr wichtige finanzielle Teil der Hochzeit geregelt.
Von dem eingebrachten Vermögen erhielt die Braut, wenn sie noch jungfräulich war, den „Drittelpfennig“, d. h. den dritten Teil zu ihrer Verfügung. War die Braut nicht vermögend und brachte nur eine geringe Mitgift in die Ehe, wurde diese um den Drittelpfennig höher angesetzt. Der Bräutigam brachte auch seine Berufsausbildung als Wertbestandteil in die Ehe als Vermögen ein.

Dieser moralische Brauch sollte für die Mädchen ein Anreiz sein, ihren jungfräulichen Stand bis zur Ehe zu erhalten und damit die Zahl der unehelichen Kinder vermindern . Der Chronist Dirnagl bemerkt dazu spöttisch: „dieser Drittelpfennig käme in unseren Tagen wohl selten zur Auszahlung“. Den jungen Mann sollte der Brauch dazu verleiten eine gediegene Berufsausbildung zu erstreben, die dann bei der Verehelichung materiell entsprechend gewürdigt wird.
An diesem Tag der Regelung weltlicher Angelegenheiten bewirtete die junge Ehefrau die Gäste, dazu gehörten „abgerührte Eier in Schmalz“ (Rühreier), woher der Tag die Bezeichnung „Tag des Eierschmalz“ bekam.


Die Taufe

Die Geburt eines Kindes war ein festliches Ereignis für die ganze Familie. Wenn irgend möglich brachte man das Neugeborene noch am Tag der Geburt zur Taufe. Dazu wurden wiederum Gäste geladen, die das Kind und den/die Taufpaten/Taufpatin zur Kirche geleiteten. Nach der Taufe ging’s zum Tauschmaus; bei vermögenderen Familien in ein Gasthaus. Nach mündlicher Überlieferung fanden in Bruck die Taufessen meist beim Jungbräu (Ecke Hauptstraße/Kirchstraße), heute Hotel Drexler, statt. Deshalb der Storch auf dem noch existierenden Aushängeschild des ehemaligen Gasthauses. Es war aber auch nicht unüblich, je nach Zahl der Gäste, den Taufschmaus im Haus der Eltern des Neugeborenen abzuhalten. Dabei ging es meist sehr fröhlich zu, denn Wein und Meth flossen reichlich; in Minderbemittelten Häusern musste man sich mit Bier, Käse und ausnahmsweise etwas Meth begnügen.

Am neunten Tag nach der Geburt mussten die Frauen aus der Taufgesellschaft die Wöchnerin besuchen und ihr das übliche „Weiset“ bringen, das aus Semmeln, Butter, Eiern, Backwerk, Bier, Wein, Zucker, Kaffee, Mehl und dergleichen bestand. Diese Bezeichnung kam daher, dass man die Übergabe eines Geschenkes zu einem bestimmten Anlass (Taufe, Hochzeit, Klostereintritt usw.) „Einem etwas weisen“ nannte, das Geschenk selbst war folglich das „Weiset“.
War das Kind ein Jahr alt, erhielt es von dem Gödn oder der Gödin (Taufpate/Taufpatin) einen silbernen Löffel mit dem eingravierten Namen des Paten, den sogenannten „Gödenlöffel“ und von da an bis zum 12. Lebensjahr jährlich Ostereier und am Allerseelentag den Allerseelenzopf.

Am Nikolaustag bekamen die Kinder von den Eltern das St. Nikolausgeschenk, bestehend aus gedörrtem Obst, Lebzelten (Lebkuchen) etc. Das Geschenk brachte der Glaubauf, eine vermummte Gestalt, die mit viel Spektakel den Kindern Angst einflößte. Beim Weggehen hinterließ er das Nikolausgeschenk. Weihnachtsgeschenke waren bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts nicht üblich.


nach oben