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Der alte Gottesacker umgab einstmals die Pfarrkirche von Bruck

Von Robert Weinzierl

Der Glaube des Christen an die Auferstehung des Fleisches fand in den christlichen Begräbnissitten seinen sichtbaren Ausdruck in der Lage der Grabstätten. Wollte man in den Anfängen des Christentums, wenn es irgend ging, noch möglichst nahe bei den Gräbern von Märtyrern bestattet werden, um mit ihnen der Auferstehung teilhaftig zu werden, so suchte man später aus gleichen Beweggründen die Nähe des Altares auf dem das Messopfer gefeiert wurde. Da aber eine Kirche in ihrem Innern zu wenig Platz für Bestattungen bot, fanden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Toten an der Kirchenaußenmauer bzw. um die Kirche herum ihre letzte Ruhe. So entstand das uns vertraute Bild des Begräbnisplatzes unmittelbar um eine Kirche, 'Gottesacker' genannt. Er war immer eingefriedet, ummauert. Diese Mauer bot nicht nur Schutz vor dem Ausgraben von Leichen durch wild herum laufende Tiere sondern umgrenzte auch einen geweihten, rechtlich der Kirche zugehörigen Raum mit eigenem Rechtsstatus, woraus die weltliche Herrschaft ausgesperrt war. Ein von den Schergen des Land- oder Hofmarksrichters verfolgter Mensch fand auf dem Gottesacker Asyl, sobald er dessen Mauer überwunden hatte. Daraus entwickelte sich auch der Begriff 'Freithof', der gefreite, von weltlicher Verfolgung freie Hof.

Auch in unserem Bruck war schon zur Zeit der alten, 1673 abgerissenen Pfarrkirche St. Magdalena der gefreite, mit einer Mauer umgebene und abgegrenzte Gottesacker um diese herum. Die Kirche stand parallel zur Amper, ihr Altarraum war nach Osten ausgerichtet, der aufgehenden Sonne entgegen. Das lockere Schwemmland am Amperufer war ein schlechtes Fundament für eine Kirche, deshalb baute man beim Neubau 1673 das Kirchenschiff der neuen, heute noch stehenden Kirche im rechten Winkel an die Nordmauer der alten Kirche an und überbaute dadurch den Gottesacker. Davon zeugen nicht nur die alten Planentwürfe für den Kirchenbau, sondern auch die bei Kirchenrenovierungen in unserer Zeit zu Tage gekommenen zahlreichen Gräber im Kircheninnern. Weiterhin aber blieb der Gottesacker oder Freithof mauerumfriedet um die Kirche herum. Das ist in alten Ortsplänen noch deutlich zu sehen.

Plan alter Friedhof
Ausschnitt aus einem Plan des Marktes Fürstenfeldbruck, erarbeitet 1808 von Max Eggert, Geodäter.
Sehr deutlich ist die Mauer des früheren Friedhofes zu sehen. Sie beginnt am alten Schulhaus (später Armenhaus) führt nach Norden zur Pfarrhausmauer, verläuft als solche nach Osten, bildet vom Ende der Pfarrhausmauer die Abgrenzung zur Kirchstraße und biegt dann im rechten Winkel nach Süden. In der Breite des neu angelegten Friedhofes ist sie bereits abgebrochen. Die kleinen Quadrate an der westlichen und nördlichen Friedhofmauer sind sicherlich Grabkapellen.

Auch bezeugen es noch die an der Kirchenmauer eingelassenen Grabsteine. Einzelne vermögende Bürger bauten an ihre Familiengrabstätte kleine Kapellen. Eine letzte Erinnerung daran ist die Statue "Christus an der Geiselsäule", jetzt in dem unschönen 'Häuschen' an der südlichen Pfarrhofmauer. Bis in die 70er Jahre unserer Zeit stand an gleicher Stelle eine ansehnliche kleine Kapelle mit Kniebänken für den stillen Beter. Der Tradition nach stammt diese Figur aus der Grabkapelle der Brauerfamilie Pruggmayr.

Der Friedhof muss weg aus dem Kirchenbereich

Der vom Geist der Aufklärung geprägten Regierung unter König Max I. Josef und seinem allmächtigen Ministerpräsidenten Graf Montgelas waren solche kirchlichen "Freiräume" ein Dorn im Auge, gleich wie die alten Klöster und Kirchenherrschaften. Auch für die uralte Symbolik der geistigen Verbindung von Lebenden und Toten hatte man kein Verständnis mehr. So war es für die Regierung zwangsläufig eine geradezu notwendige Maßregelung, dass die jetzt "Kirchhöfe" genannten "Freithöfe" außerhalb des kirchlichen Bezirkes verlegt werden. Von ihr erhielten am 11. Februar 1805 sämtliche kurfürstlichen Landgerichte in Baiern den Auftrag zu berichten, wo und auf welche Veranlassung eine solche Verlegung des Kirchhofes außerhalb der Wohnbezirke bereits erfolgte und wo er sich noch dort befindet. In letzterem Fall sollten sie bei sorgfältiger Auswahl des neuen Platzes und unter Berücksichtigung der Kostenfrage unter Beiziehung des Landgerichtsarztes, der Magistratsräte und des Pfarrers Vorschläge zur Verlegung ausarbeiten und diese innerhalb von vier Wochen per Boten der Regierung übermitteln. Der kurzen Terminsetzung für diese Berichte ist zu entnehmen, wie vordringlich diese Angelegenheit für die Regierung war. Deshalb erließ der Landrichter von Dachau sicher auch sofort eine entsprechende Anordnung an den Markt Bruck. Die Brucker haben sich davon offensichtlich nicht einschüchtern lassen, erhoben Einspruch und legten dar, warum die Versetzung des Kirchhofes nicht notwendig sei und die Angelegenheit eingehender geprüft werden müsse. Doch der Landrichter schenkte ihnen kein Gehör. Auf die Drohung der Brucker mit einer Beschwerde bei der Regierung nannte sie der Landrichter "Widersacher gegen die regierungsamtliche Verordnung" und drohte ihnen die Einquartierung einer Grenadier - Kompanie an, wenn "sie sich nicht gleich auf der Stelle fügten". Wieder ließen sie sich nicht einschüchtern sondern verfassten eine Beschwerde an das Innenministerium. Darin brachten sie vor:

  1. Sie würden sich der allergnädigsten Verordnung nicht im Geringsten widersetzen, beschweren sich aber, dass der Landrichter stur deren Erfüllung verlange, ohne im Geringsten in eine nähere Prüfung einzutreten.
  2. Dass der Ortspfarrer nicht angehört worden ist und dem Landgerichtsarzt die Brucker Einwände nicht zur Begutachtung vorgelegt wurden.
  3. Der bisherige Kirchhof und das Gotteshaus liegen in Bruck ohnehin außerhalb des Marktes und von den Häusern entfernt, weshalb die in der Verordnung genannten Gründe für eine Verlegung nicht zuträfen. Die aus ihrer Sicht daher unnötige Kirchhofverlegung würde aber des durch Kriegswirren ohnehin mit Schulden schwer gebeutelten Markts Kasse ganz überflüssig zusätzlich belasten.
  4. Der Platz für den neuen Kirchhof, den der Landrichter anweisen wollte, sei so sandig und felsig, dass zur rauen Winterszeit keine Leiche beerdigt werden könnte. An dessen Stelle eine Wiese anzukaufen wäre zu kostspielig.
  5. Es sei bisher noch in keiner Weise dargelegt worden, dass der dermalige Platz des Kirchhofes schädlich oder für den Markt nachteilig sei. Die Brucker Bürger vermuten sogar, dass sich der Landgerichtsarzt in einem Gutachten dahin geäußert habe, dass der Kirchhof ohne Schaden an der alten Stelle verbleiben könne. Auch versprechen sich die Bürger von Bruck durch die Versetzung des Friedhofes keinerlei Vorteil oder Nutzen.
  6. Der Grund wohin nach Meinung des Landrichters der Kirchhof auch versetzt werden könne, schließe unmittelbar an den jetzigen an, so dass von einer Versetzung gar nicht gesprochen werden könne.
  7. Die Verlegung des Kirchhofes von kirchlichem Grund auf einen von der Gemeinde erworbenen Grund würde für das Pfarrgotteshaus erhebliche Einnahmeverluste bedeuten, die sie um so schwerer treffen, als wegen drohender Einsturzgefahr dringende Reparaturarbeiten anstünden.

Aber was helfen alle sachlichen Argumente, wenn politische Ziele hinter einer obrigkeitlichen Anordnung stehen. Allen Widerständen zum Trotz musste der Gottesacker (Friedhof) verlegt werden. Wie unter Ziffer 7 angedeutet kam der Friedhof damit aus kirchlichem Besitz und Rechtsstatus in gemeindlichen Besitz, wo er bis heute verblieb.

Der Neuanfang war bescheiden. Nach einem im Stadtarchiv vorhandenen Plan wurden 153 Grabstellen im neuen Friedhof verkauft. Heute befinden sich nahezu 1.500 Grabstellen auf dem Alten Friedhof. Die Weihe des verlegten Friedhofes nahm im Juli 1808 der Dekan von Mammendorf vor. In den folgenden Jahrzehnten zwang Platznot immer wieder zu Erweiterungen, bis zur heutigen Ausdehnung.

Mit der angeordneten Demolierung des alten, um die Kirche gelegenen Friedhofes, scheinen sich die Brucker viel Zeit gelassen zu haben. Noch 1851 lesen wir von ihm und seinem verwahrlosten Zustand; auch stand zu dieser Zeit noch eine Familienkapelle.

Schon im Mai 1844 erging von der Regierung die Anordnung, auf dem Friedhof in Bruck ein Leichenhaus zu errichten. Der wichen die Brucker zunächst wegen mangelnder Mittel aus. Drei Jahre später aber sahen sie ein, dass ein Leichenhaus schon wünschenswert, ja beim Ausbruch ansteckender Krankheiten sogar unentbehrlich wäre. So begann man 1847 über die Finanzierung eines solchen Leichenhauses - Baues nachzudenken. Das dauerte 10 Jahre. Erst 1857 kam es dann zu seiner Errichtung. Das verursachte einen Aufwand von 1 777 Gulden 55 Kreuzer; im Vergleich dazu verdiente der Gemeindeschreiber von Bruck jährlich 120 Gulden nebst freier Wohnung und einigen Gebühren. Dieses Leichenhaus stand über 100 Jahre, bis es in unserer Zeit einem Neubau weichen musste.

Foto: Das Leichenhaus. Das Gebäude war
unverputzt, ein Sichtziegelmauerwerk.

1859 stellte man vor dem Leichenhaus das Kreuz mit einer bronzierten, lebensgroßen Christusfigur auf, das der damalige Pfarrer Josef Kropf weihte. Es wurde in der Karwoche mit einem Lichterkranz geschmückt.
Das Leichenhaus

Am 9.1.1907 schrieb Architekt Adolf Voll von Fürstenfeldbruck, er habe in Erfahrung gebracht, dass der Magistrat eine Erweiterung des Friedhofes und den Neubau einer Leichenhalle plane und bot an, auf eigenes Risiko ein Projekt auszuarbeiten. Der Magistrat nahm an und beauftragte Bürgermeister Georg Sinzinger, dem Architekten nähere Aufschlüsse zu geben. Am 15. März bereits legte er zwei Projekte zur Erbauung eines Leichenhauses mit Einsegnungshalle und Leichenwärterwohnung am Ostende des Friedhofes vor. Magistrat und Gemeindekollegium beauftragten ihn daraufhin mit der Ausführung eines der beiden Projekte nach den vorgelegten Skizzen. Aber bereits am 27.9.1907 machte das Gemeindekollegium einen Rückzieher und wollte nur das alte Leichenhaus erweitern. Der Magistrat aber blieb bei seinem Beschluss das Haus neu zu bauen. Am 19.1.1908 stimmte die Regierung von Oberbayern der Absicht zu, die Frage über die Erbauung eines Leichenhauses in Fürstenfeldbruck bis zur Einigung der beiden Kollegien über diesen Punkt zurückzustellen und einstweilen nur die Friedhofserweiterung durchzuführen. Eine Einigung war lange nicht zu erzielen. Erst am 9. bzw. 18.5.1910 stimmten beide Gremien zu, das Leichenhaus nach einem neueren Projekt des Architekten voll zu erbauen. Seine Kostenschätzung belief sich auf 22.000 Mark. Das Geld sollte bei der Hypotheken- und Wechselbank aufgenommen werden. Nach einer Zusammenstellung der eingeholten Kostenvoranschläge vom 20.8.1910 musste aber mit 32.450 Mark Baukosten gerechnet werden. Das war beiden Gremien zu viel und sie beschlossen, den Bau noch einige Jahre hinauszuschieben, da die Sache nicht besonders vordringlich sei. Und dabei blieb es.

Auf Grund gesetzlicher Vorgaben hat der Magistrat des Marktes Fürstenfeldbruck unter Bürgermeister Johann Baptist Miller (Bruder des Erzgießers Ferdinand von Miller) am 5. November 1876 eine Gottesacker - Ordnung sowie eine Leichen und Leichenhaus - Ordnung erlassen. Danach regelte sich der Gebührentarif für die Beerdigung von Erwachsenen nach 5 Tarifklassen und bei Kindern nach 2. Eine Beerdigung in der ersten Klasse kostete insgesamt 24 Mark, während Beerdigungen in der 5. Klasse kostenlos waren; nur der Totengräber war mit 3 Mark und die 4 Leichenträger mit je 1 Mark zu entschädigen.
Der 'Alte Friedhof von Bruck' heute

Die explosionsartige Zunahme der Einwohner von Bruck nach 1945 ließ auch baldige Engpässe auf dem Friedhof erwarten. Man musste sich eine Lösung einfallen lassen. Wie gewohnt gab es dazu konträre Meinungen. Der Pfarrer wollte eine Erweiterung nördlich der Kirchstraße (heute Sparkassenparkplatz) bis hinüber zum jetzigen Standort des Graf - Rasso - Gymnasiums, um den Friedhof im Interesse der Bürger in Kirchennähe zu behalten. Demgegenüber strebte der Stadtrat von Anfang an einen neuen Friedhof am Rande der Stadt an. Nach einem verunglückten und wenig weitsichtigen aber schon begonnenen Projekt an der Maisacher Straße (heute: Am Hart) begann man 1947 mit der Anlage eines neuen Waldfriedhofes an der Landsberger Straße beim ehemaligen Schulhölzl, der genügend Erweiterungsmöglichkeiten bot. Im Laufe der folgenden Jahre und bis heute wurde der Waldfriedhof zu vorherrschenden Begräbnisstätte von Fürstenfeldbruck. Dem Alten Friedhof an der Kirchstraße drohte das Ende. Gestützt auf einen angeblichen Stadtratsbeschluss vergab die Stadt dort keine neuen Grabrechte mehr. Nur vorhandene Familiengräber durften durch diese Familien mit verstorbenen Angehörigen belegt werden.

Die Nichtvergabe neuer Grabrechte zwang auch Bürger, die im Stadtkern neu zugezogen waren, verstorbene Angehörige im neuen Waldfriedhof zu bestatten. Lange Zeit gab es im Alten Friedhof kein neues Grab und damit kein neues Grabdenkmal mehr. Nur selten ersetzten Familien das alte Grabdenkmal bei Todesfällen in ihrer Familie durch ein neues. In den meisten Fällen blieben die alten Grabdenkmäler und dadurch die weitgehende Gestaltungsvielfalt der Grabdenkmäler auf dem alten Brucker Friedhof erhalten. Er bietet, wie Kreisheimatpfleger Alexander Zeh festgestellt hat, ein im Landkreis Fürstenfeldbruck einmaliges, geschlossenes Bild, worin Grabdenkmäler der herkömmlichen Form weitgehend dominieren.
Für viele ältere Mitbürger, die im Umkreis des Stadtzentrums wohnen sind der Besuch und die Pflege ihrer Gräber im Waldfriedhof beschwerlich, wenn nicht gar in Einzelfällen unmöglich. Bei unserer Bevölkerungsentwicklung werden das immer mehr. Auch und besonders in ihrem Interesse sollten Grabrechte im Alten Friedhof wieder neu vergeben werden.
Beide Gründe führten in den letzten Jahren, angestoßen und weiterverfolgt durch den Historischen Verein Fürstenfeldbruck, zu einem Umdenken in der Stadtverwaltung. Es werden wieder Grabrechte neu vergeben. Jeder interessierte Bürger kann solche auf Zeit erwerben, je nach Lage als Familien- und Einzelgrab für eine Erdbestattung oder als Urnengrab. Ist der Platz leer und das alte Grabdenkmal schon abgeräumt, kann ein neues nach eigener Wahl aufgestellt werden. Schmückt die Grabstätte noch ein erhaltungswürdiger Stein von den vorigen Nutzern muss dieser übernommen und darf nicht entfernt werden. Selbstverständlich aber kann die alte Schrift abgeschliffen und durch eine neue ersetzt werden.
Das ist leider weiten Kreisen noch nicht bekannt. Dies zu verbessern hat sich der Historische Verein zum Ziel gesetzt. Die Bürger von Bruck, insbesondere die im Kernbereich der Stadt Wohnenden sollten das Angebot der Stadtverwaltung annehmen und so zum Erhalt des einmaligen Erscheinungsbildes unseres Alten Friedhofes in Fürstenfeldbruck beitragen.

Bilder: Sammlung Robert Weinzierl


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